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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Sonnabend, den 21. August 1943

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Tageschronik Nr.: 
217

Das Wetter:

Tagesmittel 29-40 Grad, sonnig, im Schatten 35 Grad.

Sterbefaelle:

-

Geburten:

- /keine Meldungen/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevoelkerungsstand:

84.084

Tagesnachrichten.

Kommissionsbesuch:

Am gestrigen Tage besuchte wieder eine Kommission das Getto, insbesondere die Tischlerei-Abteilung an der Pucka. Der Amtsleiter Biebow aeusserte sich lobend zum Leiter dieses Betriebes, Kommissar Rosner, ueber Organisation, Zustand und Produktion.

Einweisungen:

Am 19. ds. trafen im Getto 16 Maenner aus dem Arbeitslager Kolumna bei Lask ein. Diese Leute waren dort seit vorigem Jahr beschaeftigt.1 Die Rueckkehrer befinden sich in einer verhaeltnismaessig guten Verfassung. Die Gruppe ist, wie dies immer der Fall ist, im Zentral-Gefaengnis untergebracht, von wo sie allerwahrscheinlichkeit2 nach, demnaechst wieder zur Verfuegung der deutschen Behoerde, auf Arbeit ausserhalb des Gettos gehen werden. Ihnen selbst sagte man beim Verlassen der bisherigen Arbeitsstaette, dass sie bei Bauarbeiten in Westdeutschland Verwendung finden sollen.

Die Apotheke der Sonder-Abteilung:

Amtsleiter Biebow besuchte Mittwoch neuerdings die Sonder-Abteilung, doch ist es nicht richtig, dass er die Liquidierung der Apotheke angeordnet habe. Die Bestaende dieser Apotheke wurden unveraendert der Sonder-Abteilung gelassen. In den Kreisen der Sonder-Abteilung will man wissen, dass der Amtsleiter die Entfernung eines Portraits von Gertler angeordnet habe.

Schliessung der Erholungsheime:

Mit dem heutigen Tage endet der Turnus der Erholungheime. Es verlautet, dass ueber Verordnung des Amtsleiters Biebow keine neuen Urlauber hingeschickt werden. Da jedoch diese Massnahme nicht auf der Linie des Amtsleiters liegt, darf man die Richtigkeit dieser Nachricht bezweifeln.

Approvisation.

Die Lage ist unveraendert. Kartoffeln kommen laufend ein.

Kartoffelration:

Am heutigen Tage wurde eine 3 kg Ration Kartoffeln auf Coupon Nr. 10 der Gemuese-Karte zum Preise von Mk 1.50 herausgegeben. Die Einzahlung kann jedoch erst Dienstag, den 24. ds., erfolgen, sodass praktisch mit der Einholung der Kartoffeln erst an diesem Tage gerechnet werden kann. Es ist immerhin ein Beweis für die Entspannung der Lage, dass eine solche Zwischenration moeglich wurde. Allmaehlich werden auch die alten, sogenannten Verschuldungen3 eingeloest, sodass die Gemuese-Abteilung hinsichtlich der Kartoffeln, bis zur Ausgabe der obenerwaehnten Ration, auf dem laufenden sein wird.

Ressortnachrichten.

Moebel-Ausstellung in der Zimmerstrasse:

Die Ausstellung der Tischlerei-Abteilung I an der Zimmerstrasse wurde heute sozusagen offiziell eroeffnet. Einige geladene Gaeste und die Buerobeamten des Ressorts hatten Zutritt. Nunmehr wird die Ausstellung den Arbeitern der teilnehmenden Ressorts in Gruppen zugaenglich gemacht. Zunaechst werden die Arbeiter der Tischlerei Zimmerstrasse und Reiterstrasse, sodann die an der Ausstellung beteiligten weiteren Holzindustrien.4 Anlaesslich der Eroeffnung der Ausstellung, die der Praeses einige Tage vorher bereits besichtigt hatte, wird es in der Kueche der Tischlerei einen „Tschulent“ geben. Nach Moeglichkeit wird dann die Ausstellung breiteren Kreisen des Gettos in kleineren Gruppen zugaenglich gemacht.

Kleiner Getto-Spiegel.

Der Mann mit der Zwiebel:

In jeder Strasse des Gettos kann man in vielen Haustoren immer wieder ein Bild sehen. Ein alter krank aussehender Mann oder ein schwaechlicher Junge hockt da und haelt in der Hand zwei bis drei Zwiebelpflanzen. Die jungen Gewaechse, schwindsuechtig wie der Verkaeufer, haben fruehzeitig ihr Leben aufgeben muessen. Ein Zwiebelchen, ein zartes Pflaenzchen, schmal in der Wurzel, denn man kann es noch keine Zwiebel nennen, schmal in der Pflanze, welk in der Hand des Ausbietenden, 1.50 fuer ein Zwiebelchen. Haette noch leben koennen das Zwiebelchen! Aber selbst Geld ist im Getto teuer geworden und Zwiebel sind eine rare Sache. Der kleine schmaechtige Mann, der zarte Junge im Tor werden keine Karriere machen wie der kleine Zeitungsjunge in New York, der vielleicht mit einer Zeitung angefangen und mit einem Verlagskonzern endete.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

11 Bauchtyphus, 5 Tuberkulose.

Approvisations-Nachtrag.

Waren-Eingang

vom 20. August 1943.

1./ Lebensmittel: 124.250 kg Kartoffeln, 8330 kg Weisskohl, 13.990 kg Kohlrabi, 720 kg Wirsingkohl, 2.935 kg Sauerkraut, 2.110 kg Sellerie, 5.560 kg Rettich, 16.600 kg Roggenmehl, 8000 kg Brotmehl, 2000 kg K. Walzmehl, 1866 kg Brotaufstrich, 2.480 l Essig, 1020 kg Pferdefleisch, 110 kg Freibankfleisch, 1976 kg Rindfleisch, 225 kg Schweinefleisch, 19.222 kg Erbsen, 10.000 kg Kaffee-Ersatz.

2./ Zusaetzliche Bedarfsgueter: 400 kg Hartpech5, 100 Rollen Dachpappe, 3147 kg versch. Oele, 200 St Gipsbinden, 11 Gr. versch. Bleistifte, 4 St Locher6, 190 l Benzin-Benzol, 42 St Kugellager, 50 kg Eisenoxyd7, 115.510 kg Schnittholz.

1

Die Getto-Chronik berichtete im Herbst des Vorjahres zweimal von Ausweisungen zum Arbeitseinsatz nach Kolumna (Waldhorst ). Vgl. die Tageschroniken vom 16. Oktober 1942 (Eintrag „Ausweisung“) und 14. November 1942 (Eintrag „Arbeitslager“).

2

So in HK, LK**, JFK*.

3

„Verschuldungen“ waren wohl entstanden, weil die Bewohner aufgrund des Mangels an Kartoffeln nur einen Teil der ihnen zustehenden Ration erhalten hatten.

4

So in HK, LK**, JFK*.

5

Hartpech: Als Pech wird der Rückstand bei der Destillation von Stein-, Braun- und Holzkohlenteer sowie Erdöl bezeichnet. Es wird bei der Herstellung von Briketts als Bindemittel sowie zur Isolation und im Straßenbau verwendet. Durch Erhitzen unter Durchleitung von Rauchgasen oder sauerstoffarmer Luft entsteht das sog. Hartpech, ein Ausgangsstoff für Pechkoks, das aufgrund seiner speziellen Eigenschaften – insbesondere des niedrigen Aschegehaltes – zur Herstellung von Elektroden für elektrolytische Prozesse in der Elektrometallurgie benötigt wird.

6

„Locher“ so nur in LK**. HK, JFK*: Wort durch Lochung unleserlich.

7

Eisenoxyd diente v.a. bei der Herstellung von Anstrichfarben als Farbpigment. Diese waren z.B. für den inneren und äußeren Holzanstrich (Holzhäuser, Fußbodendielen, Treppenstufen) gebräuchlich und wurden des Weiteren von der Reichsbahn für den Anstrich von Güterwagen verwendet.