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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 22. April 1944

Tageschronik Nr.: 
112
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Das Wetter:

Tagesmittel 8-12 Grad, zeitweise Regen.

Sterbefälle:

25,

Geburten:

3 /2 m., 1 m. Totgeburt /

Festnahmen:

Verschiedenes: 1,

Diebstahl: 2

Bevölkerungsstand:

77.465

Tagesnachrichten.

Das Getto ist noch immer mit der Frage der privaten Anbauparzellen in Anspruch genommen und schon gibt es ein neues Gesprächsthema: Die Talone. Wie ein Lauffeuer verbreitete es sich im Getto, dass der Präses in der nächsten Zeit neuerdings mit der Ausgabe von ständigen Talonen beginnen werde und schon reagiert die Masse in ihrer Art. Es gärt ohnehin unter den Arbeitern und kleinen Leuten, ja man kann sogar in den Ressorts bei vorsichtigem Hinsehen eine gewisse Anarchie feststellen. Alle Augenblicke hört man von Suppenstreiks in diesem oder jenem Betrieb. Anordnungen der Leitungen werden nicht mehr mit der für das Getto sonst so charakteristischen Apathie entgegengenommen, sondern es wird laut kritisiert und zu organisiertem Widerstand, wenn auch passiver Natur, aufgerufen.1 Nun hat die letzte Ration um 5 dkg weniger Zucker gebracht und schon wendet sich der Unwille der Massen gegen die bestehende Absicht der Ausgabe von Talone2. Schon glaubt die Masse, dass diese 5 dkg ihr weggenommen und wieder der bevorzugten Klasse der Beirätler usw. zufliessen wird. Man weiss noch garnicht, was der Präses und wem er was geben wird, und schon fühlt sich jeder beraubt. Ja, man hört sogar von bevorstehenden Suppendemonstrationen grösseren Umfangs, als Antwort auf die Talone. Alle Anzeichen eines Klassenkampfes aus alter Zeit werden sichtbar. Man darf überzeugt sein, dass der Präses von den der Bevölkerung zustehenden Lebensmittelmengen nicht ein dkg wegnimmt, um es „seinen Leuten“ zu geben. Seine Absicht ist, alle Beamte, Leiter, Unterleiter, Instruktoren usw. irgendwie in den Genuss von Zuteilungen zu bringen, von denen diese Personen ausgeschlossen sind,3 nach4 den Bestimmungen der deutschen Behörde /Lang-, Nacht- und Schwerarbeiter/. Man muss sich erinnern, dass der Präses bei verschiedenen Gelegenheiten in seinen Reden darauf hingewiesen hat, dass er immer wieder daran denke, auch diese Personen besser zu stellen und dass er es tun wird, sobald er eine solche Möglichkeit haben würde. Tatsache ist, dass beispielsweise in einer Tischlerei jeder Arbeiter die Lang- bzw. Schwerarbeiter-Zulage hat, der Meister jedoch, der dieselbe Stundenzahl arbeitet und nur die Aufsicht führt, oder der Instruktor oder Gruppenführer diese Zuteilung nicht hat. Es ergibt sich das groteske Verhältnis, dass tatsächlich der Arbeiter besser gestellt ist als der Leiter der Fabrik, der nicht weniger arbeitet und noch dazu die ganze Last der Verantwortung, vor allem gegenüber den deutschen Behörden, tragen muss.

Nun hat der Präses ein freies Verfügungsrecht über 2% der Approvisation und aus diesem Reservoir hat er zu den Feiertagen Talone gegeben und beabsichtigt, seine neue Talonorganisation darauf aufzubauen.

Das Getto hat keine Presse, sonach auch keine Möglichkeit einer entsprechenden Aufklärung der Massen. Die Folge davon wird immer wieder sein, dass sich Leitung und Masse nicht richtig verständigen kann5 und dass jede Massnahme des Präses, zu Gunsten einer Gruppe, die andere aufwiegeln wird.

Unsere Nachricht, wonach der Leiter des Ladens R I, Nowak, die Oberleitung aller R-Läden übernehmen soll, entspricht nicht den Tatsachen. Hingegen wurde er vom Präses beauftragt, in der ehemaligen Kolacje-Küche an der Steinmetzgasse 10 einen Verteilungsladen einzurichten, wo die neuen Talone des Präses zur Ausgabe gelangen sollen. Noch immer ist über die Art dieser Talone, über die Begünstigten und das Prinzip der Verteilung nichts Genaues bekannt. Alle möglichen Kombinationen schwirren durch das Getto und wir behalten uns vor, nach endgültiger Erledigung dieser Fragen ein klares Bild zu geben.

Approvisation.

Die Lage spitzt sich, soweit dies überhaupt noch möglich ist, immer mehr zu. Der Hunger glotzt heute schon aus allen Augenhöhlen der Menschen, die sich kaum noch durch die Strassen schleppen, denn solange das Getto nicht wieder ausreichend Kartoffeln bekommt, ist von einem Abflauen der Hungerkrise nicht die Rede. Für Kaffeemischung, woraus die berüchtigten „Lofix“-Plätzchen gemacht werden, zahlt man bis 20 Mk das kg, dabei hat das Zeug natürlich nicht den geringsten Nährwert. Kartoffelschalen, die doch nur durch Protektion zu haben sind, erzielen 40 Mk für das kg, und der Einlauf an Lebensmitteln ist nach wie vor trostlos: Heute 8960 kg Kartoffeln, 12.120 kg Rote Beete und ca 14.000 kg Konserv. Kohlrüben. Fleisch etwas gebessert mit 2.550 kg. Erstmalig finden wir in der Liste der eingelaufenen Lebensmittel die Bezeichnung Rapsfett /Margarine/, woraus man also entnehmen kann, dass unsere Margarine aus Rapsöl hergestellt ist.

Ressortnachrichten.

Die Handstrickerei

hat Materialmangel. Das Ressort an der Fischstrasse 21 kann den Heimarbeiterinnen keine Arbeit geben, weil es an dem erforderlichen Rohmaterial fehlt. Dieses Ressort arbeitet Netztaschen aus gewachsten Papierbindfaden für Militärzwecke. Seit einigen Tagen stehen die Heimarbeiterinnen ohne Beschäftigung und es ist ein Glück, dass sie wenigstens die Suppe bekommen. Einen Lohn für den Stillstand erhalten sie nicht.

Gleichzeitig setzt eine Musterung der Heimarbeiterinnen durch das Arbeitsamt ein. Es sollen, auf Weisung des Präses, alle jüngeren Heimarbeiterinnen, also zunächst Frauen unter 40 Jahren, in den Ressorts, besonders in den Schneidereien, eingesetzt werden, da diese Betriebe, wie wir bereits gemeldet haben,6 grosse Auftragsbestände haben und einige sogar in zwei Schichten arbeiten.

Tabak-Abteilung:

Der Präses besuchte die Tabakabteilung und beauftragte die Leitung, die Zigarettenstopferei einzustellen. Die durch die Liquidation freigewordenen Arbeitskräfte müssen anderweitig in die Produktion. Es ist auch in der Frage der Rationalisierung von Raucherwaren noch immer keine richtige Regelung erfolgt. Es heisst, dass in Hinkunft wieder Tabak ausgegeben werden soll u.zw. 2 Päckchen zu 20 Gramm monatlich zum exorbitanten Preise von 15 Mk je Päckchen.

Kleiner Getto-Spiegel.

Getto-Schatzgräber:

Hinter der Tischlerei an der Zimmerstrasse gab es noch vor Monaten grosse Mistgruben. Der ganze Unrat der Umgebung wurde da hineingeschüttet und da der Gestank die ganze Umgebung verpestete, ordnete der Präses an, dass die in der Nähe liegenden Sandhalden zum Zuschütten verwendet werden. Monatelang, vor allem über den Winter, ruhte nun der abscheuliche Mist des Gettos, denn nirgends in der Welt kann es so einen ekelhaften Mist geben – Mist von Mistabfällen – unter dem wohltätigen Sand vergraben. Jetzt aber herrscht dort ein merkwürdiges Treiben. Kaum nähert man sich diesem Terrain von der Zimmerstrasse oder aus den Höfen an der Alexanderhofstrasse, so schlägt einem Gestank und Pestilenz in die Nase, dass es einem den Atem raubt. So stinken kann nur ein von Gott wirklich verlassenes Getto. Woher kommt plötzlich dieser grauenhafte Geruch? Eine Schar von Jungens, bewaffnet mit Spaten und Spitzhacken, Schüsseln und kleinen Säcken wühlt dort in der Erde. Wie die Maulwürfe graben sie sich ein, wie Soldaten, die Deckung suchen, graben sie den Sand auf bis sie zu dem Unrat gelangen und aus diesen Scheusslichkeiten holen sie irgendetwas heraus. Entsetzt frage ich einen Jungen: Was tut ihr da? Was wollt ihr da? Mit einem fast bösen Blick antwortet er: Was fragt ihr, ihr werdet es doch sowieso nicht tun! Er sieht meinen Anzug und ist überzeugt, dass ich, der wohlhabende, weiss Gott wie wohlgenährte Burgois7 keine Konkurrenz sein werde und sagt dann schliesslich: Wir graben nach Kartoffeln! Entsetzt sehe ich mir diese Kartoffeln an. Es sind stinkende, faulende Reste aus den benachbarten Küchen, aus den armen Haushalten des Gettos. Was kann schon ein Haushalt des Gettos wegwerfen? Was wagt eine Hausfrau nicht zu verwerten? Wohl, im Vorjahre waren Kartoffelschalen noch nicht so ein Schatz, aber auch damals hat eine Hausfrau die Kartoffeln sehr sparsam geschält und kein Dekagramm unverwertet gelassen. Auch aus den Küchen wurde aus den Abfällen immer noch das Brauchbare weggetragen. Was man sich entschloss, in die Mistgruben zu werfen, das war wirklich schon nicht mehr geniessbar. Aber über diese Abfälle der Abfälle wurde noch stinkendes Zeug, wurden Fäkalien gegossen, Kehricht geschüttet und kein Mensch hätte es je für möglich gehalten, dass in diesem Abgrund des Elends Menschen wühlen könnten, unbeirrt von dem peinigenden Gestank, von der grauenhaften Pestilenz und doch wird jedes Restchen mit den Fingern herausgeholt, sorgfältig geprüft und in einem Säckchen oder in einer Schüssel gesammelt. Das ist nicht mehr Hunger, das ist tierisch entartet, denn das Resultat des stundenlangen Grabens, diese armseligen faulenden Restchen können den Kraftverbrauch nicht ersetzen. Das ist Wahnsinn, Zügellosigkeit, Schmach und Schande. Das muss nicht sein, das darf nicht sein!8

Vielleicht findet sich jemand von der Sanitätsabteilung und geht vorüber, hält sich für einen Augenblick das Taschentuch vor die Nase, holt dann etwas Chlorkalk und jagt diese entarteten Menschen davon, dass man sie wenigstens vor dem Krepieren durch Vergiftung schützt.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 13 Lungentuberkulose, 2 Tuberk. anderer Organe, 1 Lungenkrankheit, 6 Herzkrankheiten, 1 Vergrösserung der Vorsteherdrüse, 1 Frühgeburt, Lebensunfähig, 1 Totgeburt.

1

Suppenstreiks als Protest gegen die schlechte Ernährungslage oder auch gegen Disziplinarmaßnahmen in den Ressorts hatte es bereits im Jahr 1943 immer wieder gegeben. Vgl. die Anmerkung zur Rubrik „Tagesnachrichten“ in der Tageschronik vom 27. September 1943.

2

So in HK, LK**, JFK*.

3

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „weil sie“.

4

HK, LK**, JFK*: Ursprünglich „nicht“.

5

So in HK, LK**, JFK*.

6

Vgl. den Eintrag „Schneiderei-Betriebe“ in der Tageschronik vom 6. April 1944.

7

So in HK, LK**, JFK*.

8

Wie Jack Bresler in seinen Erinnerungen berichtet, suchten die verzweifelten Menschen nicht nur in den Mistgruben nach verfaulten Kartoffeln: „Zu Beginn des Frühjahrs beschlossen Paul und ich, die Kartoffellager auszurauben. Die Gestapo hatte befohlen, die erfrorenen Vorräte zu zerstören, an­statt sie an die hungernde Bevölkerung zu verteilen. Die Bewohner des Ghettos flehten die Deutschen an, kein Chlor über die Kartoffeln zu sprühen, aber sie ließen sich nicht erweichen. In der Nacht krochen wir zwei unter Lebensgefahr auf die Lagerhügel und versuchten, die noch eßbaren Kartoffeln hinauszuschmuggeln. In jeder mondlosen Nacht krochen wir todesmutig auf allen vieren am Stacheldraht entlang zu den Kopces [hier: Mieten, zu poln. kopiec ‚Hügel, Erdhügel, Haufen‘]. Am Stacheldrahtzaun patrouillierten ständig Soldaten, die beim leisesten Geräusch, bei der kleinsten Bewegung schossen. Nach den erfolg­reichen Raubzügen brachten wir die kostbaren Kar­toffeln heim und kochten daraus herrliche Speisen. Nach jedem dieser nächtlichen Ausflüge mußten wir alle unsere Kleider waschen, denn der Gestank der verfaulten Kartoffeln, gemischt mit dem Chlorge­ruch, war verräterisch und penetranter als Kuhmist. Aber im Vergleich zu unserer Beute war das ein klei­nes Problem“ (Bresler 1988, S. 111f.).