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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 22. Januar 1944

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Tageschronik Nr.: 
22

Das Wetter:

Tagesmittel 4-5 Grad, warm.

Sterbefälle:

10

Geburten:

2 /weibl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

82.970

Tagesnachrichten.

Der Präses liegt noch immer zu Bett.

Trotzdem wird er morgen in der Privatwohnung die Trauungszeremonie vornehmen.

Gasküchen:

Ueberraschend erhielt die Gasküchen-Abteilung den Auftrag, wieder einige Gasküchen zu öffnen. Im Laufe der nächsten Tage werden wahrscheinlich alle übrigen Gaskochstellen wieder geöffnet werden. Es zeigt sich also, dass es sich um eine Strafmassnahme wegen zu grossen Gasverbrauchs gehandelt hat. Der Präses hat die Wiedereröffnung der Gaskochstellen beim Amtsleiter durchgesetzt.

Die Küchen-Abteilung gab an die Gasküchen Anordnungen betreffend sparsamen Verbrauchs des Gases heraus.

Approvisation.

Unverändert schlechte Lage.

Suppen noch teurer:

Die Ressortsuppen kosten heute schon 20 Mk, sie enthalten jetzt 20 dkg Kartoffeln brutto, 2 dkg Flocken bzw. Grütze und 1 1/2 dkg Mehl.

Im Betriebe der Schuhfabrik Franzstrasse 76, wo die Arbeiter infolge strenger Handhabung der Durchlass-Scheine weder herein noch heraus können, kostet im internen Handel heute 1 Suppe 24 Mk.

Gesundheitswesen.

Eine für Gettoverhältnisse charakteristische Vorschrift erliess die Gesundheits-Abteilung an Hilfsärzte, Feldscher1 und Pflegerinnen. Dieses Personal erhielt eine strenge Weisung, den Patienten nach der erfolgten Injektion die leere Ampulle vorzuweisen. Diese Anweisung spricht Bände. So unglaublich es klingt, ist es wiederholt vorgekommen, dass der Patient nicht die richtige oder überhaupt keine Injektion erhalten hat, weil ja Injektionen im Getto schwer zu haben sind und unerhörte Preise erzielen. Gewissenloses Sanitätspersonal hat sich den Zustand des Kranken zu Nutze gemacht und einen systematischen Schwindel getrieben. So beschämend diese Tatsache an sich ist, kann sie der Chronist nicht verschweigen, um aufzuzeigen, wie verheerend das Getto auch auf die Moral des Sanitätspersonals gewirkt hat.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:2

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

5 Lungentuberkulose, 2 Lungenentzündung, 1 Herzmuskelschwäche, 1 Bauchfelltuberkulose, 1 Polyseresitis3.

1

Feldscher ‚(militärischer) Wundarzt (mit geringen Kenntnissen)‘; aus Feldscherer ‚Bartscherer, Chirurg ‘, älteres Nhd.

2

HK, LK**, JFK*: Keine Angabe.

3

So in HK, LK**, JFK*. Bei Polyserositis oder auch Poliseritis handelt es sich um eine Erkrankung, bei der die serösen Häute des Körpers entzündet sind. Seröse Häute bedecken und schützen innere Organe, z.B. das Herz, die Lunge oder die Organe des Bauchraumes.