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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 22. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
203

Das Wetter:

Tagesmittel 25-39 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefälle:1

Geburten:2

Festnahmen:3

Ausweisung:

700 Personen /IX. Transport zur Arbeit ausserhalb d. Gettos/ am 12. Juli 1944.

Bevölkerungsstand:

69,376

Tagesnachrichten.

Die Frage der Umschichtung ist infolge der allgemeinen Lage einigermassen in4 Hintergrund getreten. Es scheint, als ob die Aktion nicht mit der ursprünglich vom Präses gedachten Schärfe durchgeführt werden könnte. Es hat auch den Anschein, als ob die Frage der Heimarbeiter nicht so radikal gelöst werden wird, wie es der Präses in seiner letzten Rede angekündigt hat. Mit anderen Worten, es ist eine gewisse Entspannung festzustellen, die zweifellos auf die allgemeine Weltlage zurückzuführen ist.

Der Chronist kann in diesem Stadium unmöglich vorübergehen an den Ereignissen, die schliesslich die ganze Welt bewegen und die natürlich nicht ohne Einfluss auf das Getto bleiben können. Hie und da dringen doch Zeitungen bzw. Nachrichten ins Getto. Die Zeiten sind zweifellos kritisch und die Insassen des Gettos sehen den kommenden Stunden mit gemischten Gefühlen entgegen. Alle Gedanken, Erwägungen, Hoffnungen, Befürchtungen gipfeln schliesslich in der einen Hauptfrage: „wird man uns in Ruhe lassen?“5

Approvisation.

Nach wie vor weiterer Einlauf an Kraut, Möhren und Kohlrabi, so dass man wieder mit Gemüserationen rechnen kann.

Heute wurde wieder seit 3 Wochen zum 1. Mal die Ration für 14 Tage ausgegeben. Die Bevölkerung ist im allgemeinen nicht enttäuscht, da eine leichte Besserung zu verzeichnen ist:

Betr.: Lebensmittelzuteilung an die gesamte Gettobevölkerung.

Ab Sonnabend, den 22. Juli 1944, 5 Uhr 15, wird auf Coupon Nr. 74 der Nahrungsmittelkarte an alle für die Zeit vom 24.7.44 bis zum 6.8.44 einschl. folgende Ration pro Kopf ausgefolgt:

  • 400 Gramm Roggenmehl,
  • 300 Gramm Roggenflocken,
  • 100 Gramm Erbsen,
  • 400 Gramm Kristallzucker,
  • 350 Gramm Brotaufstrich,
  • 200 Gramm Oel,
  • 200 Gramm Suppenpulver,
  • 500 Gramm Kaffeemischung,
  • 400 Gramm Salz,
  • 25 Gramm Natron,
  • 1/2 Stück Seife
  • für den Betrag von Mk 12.-

Ferner gelangen ab Sonntag, den 23. Juli 1944, in den Milchverteilungsstellen auf Coupon Nr. 75 der Nahrungsmittelkarte

  • 100 Gramm Käse und
  • 200 Gramm Gemüsesalat
  • für den Betrag von Mk. 1.50 zur Verteilung.

Litzmannstadt, den 22.7.1944

Betr.: Fleischkonserven-Zuteilung für

die gesamte Gettobevölkerung.

Ab Sonntag, den 23.7.1944, wird an alle in den für sie zuständigen Fleischverteilungsstellen auf Coupon Nr. 61 der Nahrungsmittelkarte

  • 1/3 /ein Drittel/ Dose Fleischkonserven pro Kopf
  • für den Betrag von Mk. 1.50 zur Verteilung gebracht.

Litzmannstadt, d. 22.7.1944

Gestern erschien folgende Fleischration:

Betr.: Fleischzuteilung an die gesamte Gettobevölkerung.

Ab Freitag, den 21.7.1944, werden an alle auf Coupon Nr. 66 der Nahrungsmittelkarte

250 Gramm Fleisch herausgegeben.

Litzmannstadt, d. 21.7.1944

Ressortnachrichten.

Die Ressorts arbeiten durchwegs normal. Die Produktion wird womöglich noch gesteigert. Die Politik des Präses ist, in diesen kritischen Tagen unter keinen Umständen die Disziplin aufzulockern, um keine Gefahren für das Getto heraufzubeschwören.

Die Tischlerei I

hat von der Gettoverwaltung den Auftrag bekommen, eine grosse Anzahl von sogenannten Nat-Kisten schleunigst herzustellen. Es handelt sich angeblich um Transportkisten für die Beamtenschaft der Gettoverwaltung am Baluter-Ring.

Handstrickerei:

Dieser Betrieb gibt wieder Heimarbeit aus. Es werden wieder Netztaschen aus Papiergarn hergestellt. Diese Taschen dienen als Behälter für die Desinfektion von Wäsche der Soldaten.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

9 Lungentuberkulose, 3 Herzkrankheiten, 2 Krankheiten der Verdauungswege, 1 Magenkrebs, 1 Leberzirrhose, 1 Pellagra, 1 Schädelbruch /Selbstmord/.

1

HK, LK*, NYK*, JK*, JFK*: Keine Angabe.

2

HK, LK*, NYK*, JK*, JFK*: Keine Angabe.

3

HK, LK*, NYK*, JK*, JFK*: Keine Angabe.

4

So in HK, LK*, NYK*, JK*, JFK*.

5

In dem Eintrag wird deutlich, wie sehr die Lage in der letzten Phase des Gettos gleichermaßen von Unsicherheit, Hoffnung und Bangen geprägt war. Einerseits gelangten zunehmend positive Signale – die Rote Armee näherte sich – ins Getto, andererseits fürchteten die Menschen – zu Recht, wie sich wenig später herausstellen sollte – ihre Deportation noch kurz vor dem Ende des Krieges. Jakub Hiller notiert an diesem 22. Juli 1944, dass viele Menschen optimistisch gestimmt aus ihren Wohnungen gekommen seien; dies in der Erwartung, dass nun – nach dem Attentat auf Hitler – alles anders werden würde. Gerüchte kursierten über eine neue Regierung in Deutschland (AŻIH, 302/10, Bl. 89). Ein unbekannter Verfasser schreibt am selben Tag: „Leider bin ich immer noch nicht sicher, was mit ihm passiert ist – diesem Feind der Menschheit No. 1 – Angeblich ist er schwer verletzt – Welche Teufelsmacht wacht über ihm, hält ihn in ihrer Obhut? Ich hatte gestern einen traurigen und fröhlichen Tag zugleich – einen traurigen – denn, wäre er getötet worden – wäre damit der Krieg beendet worden, ist doch bekannt, daß er der ‚Lebensnerv‘ des Krieges und überhaupt all dieser schrecklichen Dinge ist! habe mich gefreut – weil es doch schon die unwiderruflichen Signale dessen sind, was in der unmittelbaren Zukunft geschehen muß – was sogar die mörderische Entschlossenheit des Führers nicht in der Lage sein wird abzuwenden! Irgend etwas ist in diesem diabolischen Königreich kaputt gegangen, irgend etwas beginnt zu gären und wird unvermeidlich explodieren! […] Es läßt sich leicht erahnen, daß es dem „Führer“ – diesem vitalsten aller Unterdrücker – diesmal nicht gelingt, den Aufstand niederzuschlagen, der ihn letztlich wegfegen wird! – Das Schwind en seines persönlichen Einflusses ist für uns mit der Frage „to be or not to be“ verbunden, im engsten Sinne dieser Worte! Darum freuen wir uns so, (obwohl vielleicht zu früh …) Weil wir bestens wissen, daß er und wir – na ja, besser nicht darüber nachdenken! – Es kursiert der Witz, daß Adolf Hit. seiner Mutter geschworen hat, das deutsche Volk bis zum letzten auszurotten – nur auf eine andere, mehr vornehme Weise als das jüdische – weil man tatsächlich schwer eine Erklärung dafür findet, warum sie nicht ihre Niederlage einsehen und kapitulieren!“ (Loewy/Bodek 1997, S. 82f.).