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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 25. Dezember 1943

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Tageschronik Nr.: 
343

Das Wetter:

Tagesmittel 2-3 Grad, trocken.

Sterbefälle:

-

Geburten:

- /keine Meldungen/

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevölkerungsstand:

83.165

Tagesnachrichten.

Am Baluter-Ring ist nach wie vor Weihnachtsstimmung. Es wird auf deutscher Seite nicht amtiert.

Approvisation.

Unveränderte Lage. Es kamen infolge der Weihnachtsfeiertage überhaupt keine Waren ins Getto.

Ressortnachrichten.

Exkursion in den Fabriken:

Zur Förderung eines möglichst vollen Verständnisses der Angestellten für die Leistung in den Fabriken regte Rechtsanwalt Neftalin regelmässige Exkursionen in den Fabriken an. Die 1. Exkursion dieser Art findet Samstag, den 1. Januar 1944, in dem Tischlerei-Betrieb statt.

Kleiner Getto-Spiegel.

Chanukkah1 im Getto 1943:

„Der lebendige Glaube verschwand ... Uebrig geblieben ist bloss die Poesie!“

So etwa könnte der oberflächliche Betrachter des Gettolebens über die Art urteilen, mit der die Feiertage hier begangen werden. Die Inbrunst des Gebetes hat – so scheint es – einer ritualen Technik Platz gemacht, die eine Weihe vortäuscht, von der nur bei den Alten und Frommen eine Spur vorhanden ist. Aber – so muss jeder unvoreingenommene Jude feststellen – die Symbole der Feste liegen noch unversehrt in der Tradition eingebettet und weder Hunger noch Kälte können ihm etwas anhaben.

Die Schwierigkeit, sich dem Zauber der religiösen Hebung2 hinzugeben, liegt zunächst im Mangel an geeigneten Räumen. Die Beeth-Mitraschim3 sind gesperrt. Nur wenige Minjamin4 gibt es, die in irgendeiner versteckten „Schul“5 ihre Gottesdienste absolvieren.

Chanukkah allerdings bedarf solcher Beethäuser6 nicht. Chanukkah ist im Getto wie einst vor diesem Kriege im ganzen Osten – ein Familienfest. Es bedarf keiner offiziellen Inszenierung. Der Jude, dem daran gelegen ist, die Erinnerung an die Makkabäer7 traditionell zu begehen, inszeniert sich das Fest zuhause.

In den Gassen, bei zerbrochenen Türen und auf schmutzigen Stufen, hockt irgendein vermummtes Geschöpf. Kaum dass aus Tüchern und Fetzen ein Gesicht hervorlugt. Dieses Geschöpf bietet Kerzen an: „Lecht! Lecht!“ – hört man rufen. Lecht – das sind ansonsten die Sabbath-Kerzen, die jede Woche am Sabbath-Vorabend verkauft werden. Diesmal geht es um etwas Anderes, Selteneres: Um die Kerzen für die Menorah!8

Nicht jeder kann es sich leisten, der Menorah ihren vollen Glanz zu verleihen. Acht Menorah-Arme bedeuten – wenn jeden Tag eine Kerze mehr brennen soll – 36 Kerzen, mit dem Diener, dem Schammes9, 37 Kerzen oder – in Geld ausgedrückt – mindestens 18 Mark, die Kerze zu 50 Pfennig gerechnet. Es gibt aber auch Familien, die sich Kerzen zu je 1 Mark leisten, so dass die „blosse Beleuchtung“ 34 Mark kostet.

Und doch, trotz der räumlichen und finanziellen Schwierigkeiten, ist auch heuer im Getto Chanukkah würdig begangen worden.

Sehr viele Familien haben Lichter gezündet. So wie die Sforim, Machsorim10 und Sidurim11, Tallit und Tefillin hat der Herr des Hauses auch die Menorah aus der Stadt hinübergebracht, hinübergerettet, hinübergeschmuggelt. Man kann einfache Messing- oder Eisengussmenorahs, man kann aber auch Kupfer- und Nickelmenorahs sehen, ältere Stücke, neuere Stücke, fabriksmässig erzeugte und handwerklich geformte Stehmenorahs und Wandmenorahs. Man lädt Freunde und Bekannte ein. Ueber finstere Stiegen, durch feuchte Höfe und Gänge klettert man hinauf in die Wohnung, die meistens aus einer Stube besteht, die gleichzeitig Wohnraum und Festraum ist.

Viele sind feiertäglich gekleidet – Alle feiertäglich gestimmt. Irgend eine bevorzugte Person, oft die Haustochter selbst, singt den einleitenden Spruch zum Lichterzünden. Oft kommt es vor, dass Juden, aus der Provinz und aus dem deutschen Westen zusammengeweht, sich plötzlich in solch einer Stube finden und Teilnehmer am Feste sind. Die Lichter strahlen. Erinnerungen an vergangene Chanukkah-Abende huschen durch das Gehirn. Jugenderinnerungen, Erinnerungen an die Studentenzeit, an glücklich verlebte Jahre in Freiheit, an Stimmungsbilder, die irgendwie mit dem Makkabäerfest zusammenhängen.

Man trifft sich „privat“, ohne den offiziellen Ritus, wenn nur die Menorahlichter brennen. Auch Kinder feiern Chanukkah. In grösseren Wohnungen kommen Menschen zusammen. Jeder bringt ein kleines, passendes Geschenk: irgend ein Spielzeug, ein Stückchen Babka, ein Band ins Haar, ein paar leere, buntfarbige Zigarettenschachteln, einen geblumten Teller, ein paar Strümpfe, ein warmes Häubchen. Dann wird gelost. Der Zufall entscheidet.

Nach dem Lichterzünden kommt das Beschenken. Gettogeschenke sind nicht wertvoll, aber werden mit inniger Dankbarkeit entgegengenommen. Zum Schluss singt man Lieder, jiddische, hebräische, auch polnische. Jedenfalls solche Lieder, die geeignet sind, die Festesstimmung zu erhöhen. Ein paar Stunden Feier, ein paar Stunden Vergessen, ein paar Stunden Versunkenheit ... Das Chanukkahfest 1943 soll das letzte Kriegs-, das letzte Gettochanukkah sein. So hoffen alle. Einer wünscht es dem andern beim Auseinandergehen – ohne Worte, stumm, mit Händedruck.

Die Menorahlichter erlöschen, es wird wieder dunkel. Man betritt die Gasse. Das Gettoleben beginnt von neuem.12

Man hört, man spricht ...

... dass der Präses morgen, den 26. ds.Mts., zu den Leitern und Arbeitern der Fabriken und Abteilungen in der ehemaligen Kräftigungs-Küche, Hohensteinerstrasse, sprechen soll.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Krankheiten.

1

Das achttägige Chanukka-Fest (hebr. chanukka ‚Einweihung‘) erinnert an die Wiedereinweihung des Tempels in Jerusalem 165 v.Chr. nach dem Sieg der Makkabäer über die Seleukiden. Es ist kein von der Tora vorgeschriebener Feiertag. Gemäß der Überlieferung fand man in dem von den Syrern entweihten Heiligtum nur noch einen einzigen Ölkrug vor, dessen Inhalt normalerweise nur für einen Tag als Brennstoff für die Menora, den siebenarmigen Tempelleuchter, genügt hätte. Dennoch reichte diese Menge für acht Tage aus, bis neues reines Öl hergestellt war. Dieses Wunders gedenkt man zu Hause und in der Synagoge, indem man täglich eine neue Kerze am achtarmigen Chanukka-Leuchter entzündet. Vgl. de Vries 2003, S. 111-120; Schoeps 2000, S. 161f.

2

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „zu entziehen“.

3

Der hebräische Ausdruck beit midrasch ‚Haus der Lehre‘ bezeichnet das Unterrichtszimmer in einer Synagoge. Dort kann sich jeder Gläubige allein oder in Gruppen mit den religiösen Schriften befassen. Vgl. de Vries 2003, S. 14-15.

4

So in HK, LK*, JFK*.

5

Schul ist der jiddische Ausdruck für die Synagoge, da das jüdische Gotteshaus auch immer ein Zentrum der religiösen Lehre ist. Vgl. de Vries 2003, S. 15.

6

So in HK, LK, JFK*. Gemeint sind Bethäuser, die meist in privaten Räumen eingerichtet werden und einen Ersatz für Synagogen bilden.

7

Die Gruppe der Makkabäer, geführt von Judas Makkabäus aus dem Hause Hasmon, lehnte sich gegen die Fremdherrschaft der Seleukiden über das Land Juda auf (167-165 v.Chr.). Durch den Aufstand dieser Frommen aus der Priesterkaste, die sich gegen die Unterdrückung der jüdischen Religion wehrten, erlangte das Land Juda wieder die volle Unabhängigkeit und der Tempel wurde neu eingeweiht. Mit der anschließenden Thronbesteigung der Hasmonäer hielten sie nun den Königsthron und das Hohepriesteramt in Personalunion in Händen. Vgl. Trepp 1999, S. 39.

8

An Chanukka benutzt man nicht die herkömmliche siebenarmige Menora, sondern einen speziellen Leuchter. Der achtarmige Chanukkaleuchter wird nur während dieser Feiertage benutzt. Über die acht Festtage wird täglich eine neue Kerze entzündet. Damit erinnert man an das Chanukkawunder, bei dem ein kleines Fässchen Öl statt einen Tag acht Tage lang ausreichte. Dadurch wurde die Wiedereinweihung des Tempels möglich, und die Zeit reichte aus, um neues Öl herzustellen. Vgl. de Vries 2003, S. 114-120.

9

Schammes ist die jiddische Form des hebräischen Wortes schamasch ‚Diener‘. Der achtarmige Chanukkaleuchter besitzt meist in der Mitte oder auch an einem der Enden ein exponiertes neuntes Licht, den Schamasch. An ihm werden Tag für Tag die anderen acht Kerzen entzündet. Vgl. de Vries 2003, S. 119.

10

Machsorim, Plural von hebr. machsor ‚Zyklus‘. Der Machsor ist das Gebetbuch für die Feiertage Pessach, Schawuot, Sukkot, Rosch Haschana und Jom Kippur. Vgl. Böckler 2002, S. 19.

11

Siddurim, Plural von hebr. siddur ‚Regelung, Ordnung‘. Siddur ist das Gebetbuch für den jüdischen Gottesdienst, das an Wochentagen und am Schabbat in Benutzung ist. Vgl. Böckler 2002, S. 8f. und 19; de Vries 2003, S. 16f.

12

Oskar Rosenfeld notiert am 25. Dezember 1943: „Vorabend. Für heute abend bei Luser Najman mit einigen Freunden. Chanukah-Schabbath. Soll bei dieser Gelegenheit sprechen. Über die Legende und über uns, die Lebenden. Keine großen Phrasen. Wir können die Menorah anzünden, jeder selbst ein Diener am Licht. Erinnere mich plötzlich an Bessier v. Babothy – Licht! Gesprochen: ‚Diener am Licht‘. Gute Wirkung. Nacht darauf nicht geschlafen, gepeinigt von Husten und Muskelschmerz... Es kündigt sich trotz des Winters die Erlösung an“ (Rosenfeld 1994, S. 255).