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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 25. März 1944

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Tageschronik Nr.: 
85

Das Wetter:

0 Grad, die ganze Nacht heftige Schneestürme.

Sterbefälle:

13,

Geburten:

2 /m./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.774

Tagesnachrichten.

Heute hat der Präses im Kino Marysin eine Musterung der nach Radegast zugeteilten physischen Arbeiter vorgenommen. Zur Musterung erschienen ca 200 Personen, der Rest der neuen Belegschaft stellte sich absichtlich nicht, weil diese Leute in Radegast verbleiben wollen. Ausserdem fehlten natürlich auch die Kranken. Die Anzahl der Kranken ist am heutigen Tage auf ungefähr 60 angewachsen.

Der Präses erschien mit Direktor Jozef Rumkowski, der nunmehr offiziell über Weisung des Amtsleiters im Rahmen des Arbeitsamtes arbeitet. Weiters kamen die Herren Sienicki und Perle. In Anwesenheit der technischen und administrativen Leitung von Radegast wurde das Menschenmaterial gemustert. Die meisten Frauen dirigierte der Präses in die Schneidereibetriebe, einzelne Personen wurden zur Verfügung des Arbeitsamtes zurückdirigiert und einige wenige Arbeiter der Remontierungsstelle des Wohnungsamtes wurden dieser Stelle rückverwiesen. Frauen, die sich nicht sofort dazu bekannten, dass sie sich auf etwas Schneiderei verstehen, beliess der Präses als physische Arbeiter in Radegast. Um 8 Uhr abends war die Arbeit beendet und im grossen und ganzen verblieben in Radegast nur noch arbeitsfähige Personen.

Schon bei dieser Gelegenheit kündigte der Präses an, dass er nach Radegast, als Ersatz der ausgesonderten Personen, entsprechendes Arbeitermaterial senden werde. Nach Schluss der Musterung bewilligte der Präses den in Radegast verbliebenen Arbeitern je 30 dkg Mehl, nachdem er schon vorher den 7 Meistern /Zimmerleute und Maurer/ je 1 kg Brot als Sonderzuteilung bewilligt hatte. Damit ist das Kapitel Radegast vorläufig für das Getto abgeschlossen. Woher der Präses den Ersatz für die ausgemusterten Arbeiter nehmen wird, ist vorderhand unbekannt.

Der Präses hat offiziell die Leitung des Arbeitsamtes übernommen und haftet so der Getto-Verwaltung für eine reibungslose Beistellung der angeforderten Arbeiter. Nach all dem, was das Getto in den letzten Tagen mitgemacht hat, atmet es auf.

Die Karten-Abteilung,

die durch die Reduktion so empfindlich getroffen war, dass eine Fortsetzung der Arbeit in Frage gestellt war, hat der Präses sofort wieder rekonstruiert, so dass wenigstens hier wieder alles ins Geleise kommt. Auch im Wohnungsamt kommt wieder alles langsam ins alte Geleise.

Approvisation.

Am heutigen Tage kamen nur ca 4.160 kg Rote Beete herein. An Fleisch erhielt das Getto heute 3.300 kg. Sonst Lebensmittel im Rahmen des Kontingents.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 9 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

6 Lungentuberkulose, 4 Herzkrankheiten, 1 Magenblutung, 1 Tuberk. Gehirnhautentzündung, 1 krebsartige Bauchfellentzündung.