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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 26. Februar 1944

Tageschronik Nr.: 
57
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Das Wetter:

Tagesmittel 1-2 Grad unter 0, windig.

Sterbefälle:

13

Geburten:

3 /2 männl., 1 weibl./

Festnahmen:

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

79.654 /79.666 lt. Karten-Abtlg./

Tagesnachrichten.

1600 Arbeiter:

Keine Aenderung. In der Nacht wurden wieder einige Leute festgenommen. Noch immer kein Termin zur Ausreise. Das gibt dem Getto Anlass zu allen möglichen Gerüchten.

Approvisation.

Keine Aenderung der Lage. Am gestrigen Tage kam ausser 35.500 kg Roggenmehl an Lebensmittel1 nichts herein.

Heute hat der Sturm auf die Verteilungsläden begonnen. Unbeschreibliche Szenen spielen sich in den dunklen Strassen ab. Auch der Ordnungsdienst kann nicht Abhilfe schaffen. Lediglich der morgige Sonntag, an dem die Läden den ganzen Tag geöffnet sind, wird hoffentlich einige Erleichterung bringen. /Siehe unten „Kleiner Getto-Spiegel“./

Kleiner Getto-Spiegel.

Nachtleben im Getto:

Neben Amerika ist das Getto von Litzmannstadt das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Was gestern noch streng untersagt war, wird morgen Gesetz. Innerhalb weniger Stunden wird das ganze Getto auf den Kopf gestellt. So geschah es auch diesmal.

Am Montag, den 14. Februar 1944, erhielt das Getto plötzlich sein „Nachtleben“. Dieses „Nachtleben“ spielt sich allerdings nicht in Bars oder in hellerleuchteten Konzertcafés mit gutangezogenen, fröhlichen Menschen ab, sondern in den Gettostrassen und Verteilungsläden.

Während im vergangenen Sommer, als es heisse Tage und schöne, warme Abende gab, das Ausgehen nach 9 Uhr abends strenge verboten war und jeder säumige Passant, der noch ein wenig frische Luft atmen wollte, anstatt sich hinter verdunkelten Fenstern in der Stube zu verkriechen, von den Ordnungsdienst-Männern angehalten, legitimiert oder, wenn es knapp um 9 Uhr war, mit dem Ruf ermahnt wurde: „Prędko, prędko, iść do domu! Nie Spacerować!“2, ist es jetzt gerade umgekehrt.

Nach spätestens 8 Uhr morgens bis 17 Uhr nachmittags, das ist also während der Arbeitszeit, darf sich niemand in den Strassen blicken lassen. Ausgenommen jene Personen, die zu Dienstwegen einen Passierschein haben, welcher genau die Strecke und die Stunde bestimmt, für die er berechtigt ist, seinen Arbeitsplatz zu verlassen. Diese Passierscheine werden nur in den dringendsten Fällen von der Leitung des Betriebes oder der Abteilung ausgestellt. Aber nicht nur das, es ist auch verboten, sich während des Tages in der Wohnung aufzuhalten, sofern man nicht Heimarbeiter oder ärztlich bestätigt krank ist. Man muss damit rechnen, dass die Wohnung – nicht zuletzt aus Gründen der Hygiene und Reinlichkeit – ebenfalls kontrolliert wird und dass man sich genau so rechtfertigen muss wie auf der Strasse.

Nun ist der Gettobewohner zwar schon auf ganz schmale Ration gesetzt, aber nur von der Luft und von der Arbeit kann er doch nicht leben. Früher hatten Familien mit mehreren Köpfen und verschiedener Arbeitszeit die Möglichkeit, sich während des Tages ihre Rationen zu besorgen, während Alleinstehende sich zwecks Einholung der Zuteilungen kurzfristig von der Arbeit freimachen konnten, kurzum, es ging recht und schlecht. Man schob den schweren Getto-Karren irgendwie. Die Folge davon aber war ein ewiges Gehen und Wogen in den Strassen und eintreffenden Kommissionen war es unbegreiflich, wieso während der Arbeitszeit die Strassen und Läden voll Menschen waren.

Nun ergiesst sich dieser Menschenstrom von müden, hungrigen Arbeitern erst um 5 Uhr auf die Strasse. Das Programm ist folgendes: Einholen der Rationen, Bereitung der Abendmahlzeit, Räumen der Wohnung, die in den meisten Fällen bereits nach 6 Uhr morgens, also noch im Dunkel, verlassen wurde, sodass die diversen Eimertouren, die Holz- und Kohlenfrage etc. etc. auf den Heimkehrer warten. Jeder will also möglichst rasch nachhause kommen und am Heimweg die Rationen mitnehmen. Daher stürzt sich alles auf die Verteilungsläden, um nicht zur späten Nachtzeit in Schnee, Nässe und Kälte draussen sein zu müssen. Was sich nun vor und in den Läden abspielt, die von 17 bis 24 Uhr geöffnet sind, ist nicht nur unbeschreiblich, sondern geradezu lebensgefährlich. Zum Beispiel am Brottag. Jeder rechnet damit, dass er, wie sonst üblich, frühmorgens, ehe er zur Arbeit geht, sein für 8 Tage bestimmtes Zweikilo-Brot erhalten werde und es gab nur ganz, ganz Wenige, die noch eine Schnitte Vorrat hatten. Die Brotausgabe erfolgte jedoch erst ab 5 Uhr nachmittags. Somit waren fast alle Arbeitenden – viele von ihnen schon Tage vorher – an diesem Tage brotlos. Kein Wunder, wenn sie sich dann wie die hungrigen Wölfe auf die Läden stürzten, die Fenster einschlugen, sich gegenseitig die Kleider vom Leibe rissen, schlugen, stritten und sich die Rippen quetschten. Dabei war nicht nur der Hunger ausschlaggebend, sondern vielfach auch die Furcht, überhaupt kein Brot zu erhalten, denn es konnte „ausfehlen“, wie man hier sagt, wenn ein Artikel momentan nicht vorrätig ist. Wenn man also nach 1 1/2 Stunden, oft auch noch länger, endlich m i t einem Laib Brot und noch ganzen Kleidern und Gliedern den Laden verlassen konnte, hatte man grosses Glück.

Wie hier, so auch bei den Milchläden, Fleischläden, bei der Kohleneinholungskasse in der Matrosenstrasse und auf dem Kohlenplatz in der Reigergasse. Ueberall stehen die Menschenschlangen und frieren im nassen kalten Dunkel der Nacht. Soferne der „Verteilungsplan“ nicht zur Einhaltung einer bestimmten Stunde zwingt und man die späteren Abendstunden, neun oder zehn Uhr wählt, kann es mitunter passieren, dass man „herein-heraus-geht“, also ohne Reihe seine Ration beheben kann, sonst aber muss man sich „stuppen“3.

Es ist also so, dass man entweder von 5 bis 9 Uhr um die Rationen steht, dann nachhause kommt, und – wenn der Ofen brav heizt und alles gut geht – um zirka 11 Uhr zu seiner Abendsuppe, bestenfalls noch zu einem Negerplätzchen, dem sogenannten „Lofix“, kommt, einem aus Kaffeersatz hergestellten Etwas, das die Bitterkeit des ganzen Gettolebens in sich vereinigt. Oder aber man macht die Reihenfolge umgekehrt, kocht und isst zuerst und läuft dann um die Rationen, wenn das „nächtliche Gettoleben“ beginnt.

Man hört, man spricht ...

... dass noch im Laufe der kommenden Woche 1 kg Kartoffeln ausgegeben werden soll. Ein Wunschtraum, der wohl kaum in Erfüllung gehen wird.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 7 Lungentuberkulose, 4 Herzkrankheiten, 1 Gehirnhautentzündung, 1 Tuberk. Bauchfellentzündung.

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

„Prędko, prędko, iść do domu! Nie Spacerować!“: ‚Schnell, schnell, nach Hause gehen! Nicht spazieren gehen‘; poln.

3

stuppen ‚schubsen, stößen, drängeln‘; niederdt. neben hochdt. stupfen.