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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Sonnabend, den 28. August 1943

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Tageschronik Nr.: 
224

Das Wetter:

Tagesmittel 20-30 Grad, sonnig, kuehl.

Sterbefaelle:

-

Geburten:

- /keine Meldungen/

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Bevoelkerungsstand:

84.030

Tagesnachrichten.

Keine Ereignisse im Getto.

Approvisation.

Mehr Kartoffel:

Die Sensation des Tages ist die Erhoehung der Kartoffelration von 3 auf 6 kg, freilich mit der Einschraenkung, dass diese Ration fuer 14 Tage ausgegeben wird. Der empfindliche Mangel an Gemuese wird aber kaum geeignet sein, die Bevoelkerung zur Einhaltung dieses Termins zu ermutigen und man wird diese Gabe rascher verzehren, in der Hoffnung, dass innerhalb dieser 14 Tage weitere Kartoffel zugeteilt werden.

Der Wareneingang ermutigt auch zu diesem Wagnis. Wie aus demselben zu ersehen ist, laufen doch wieder grosse Mengen Kartoffeln ein.

Ressortnachrichten.

In den Schwachstrom uebersiedelt:

In den allernaechsten Tagen wird die Schwachstromabteilung mit seiner1 Radioroehren-Erzeugung und der Nadelrichterei ins Objekt Holzstrasse 15 uebersiedeln.

In der Nadelrichterei tritt insoferne eine Aenderung ein, als die bisherigen Instruktoren, soweit sie nicht aus dieser Branche kommen, ausscheiden. Mehrfache Reklamationen sind die Veranlassung der Einstellung von nur geschulten Fachkraeften.

In der Schwachstrom-Abteilung werden ebenfalls, insbesondere bei der Roehrenproduktion, Frauen beschaeftigt, die im Zuge der Reduktion aus den Bueros ausscheiden.

Man hoert, man spricht ...

... es ist bezeichnend fuer das Tempo des Lebens im Getto, dass man ueber die Person Gertlers nicht mehr spricht. Nur noch in den Kreisen der Sonder-Abteilung bzw. in der persoenlichen Umgebung Gertlers bleibt dieses Thema Gespraechsstoff. Das Getto selbst hat sich mit der Tatsache abgefunden und ist zur Tagesordnung uebergegangen. Nur in den kritischen Hungertagen der letzten 2 Wochen wurde hie und da eine Stimme laut, die wissen wollte, dass der Mangel an Lebensmittel2 darauf zurueckzufuehren sei, dass Gertler diesen Sektor nicht mehr beeinflusse. Aber das ist wohl mehr ein Reflex der Stimmung ohne tatsaechliche Unterlage.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

5 Bauchtyphus.

Nachtrag zu „Approvisation“.

Waren-Eingang vom 27. August 1943.

1./ Lebensmittel: 198.560 kg Kartoffeln, 2110 kg Sellerie, 5614 kg Sauerkraut, 10.500 kg Roggenmehl, 627 kg Pferdefleisch, 1230 kg Rindfleisch Fr., 143 kg Schweinefleisch Freib., 15.000 kg Steinsalz, 10.000 kg Kaffee-Ersatz.

2./ Zusaetzliche Bedarfsgueter: 15.884 kg Einheitsseife, 19.780 St Zinkplatten3s, 53 kg Naegel, 5130 kg Eiche, 75 St Eichenbohlen, 23 Fl Sauerstoff, 16.950 kg Gasstaubkohle, 60 kg Schornsteinfegerstricke, 83 kg Hanfseile, 1 Naehmaschine, 679 kg Schusshuelsen, 3000 St Zwirnspulen, 159.050 kg Schnittholz, 27.910 kg Nadelholz, 9000 kg Einheitstuch, 7200 kg Holzkohlen.

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

So in HK, LK*, JFK*.

3

Zinkplatten wurden hauptsächlich im Rahmen der Galvanik oder als Druckplatten benötigt. Sind verzinkte Eisenplatten gemeint, so wurden diese vor allem zum Bau von Behältern, Wannen und auch „Zinksärgen“ (Särge aus verzinktem Eisenblech) gebraucht.