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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 29. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
210

Das Wetter:

Tagesmittel 22-36 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefälle:

22,

Geburten:

1 m

Festnahmen:

Verschiedenes: 4

Ausweisung:

700 Personen /zur Arbeit ausserhalb des Gettos, X. Transp. am 14.7.1944/

Bevölkerungsstand:

68,561

Tagesnachrichten.

Der Tag verlief ruhig. Auffallend ist, dass sich in den Ressorts verschiedene Elemente bemerkbar machen, die sich bisher im Hintergrund gehalten haben und nun glauben, dass jetzt ihre Zeit gekommen sei.1 Es sind dies Menschen, die nicht verstehen wollen, dass das Getto bis zur letzten Minute in Ruhe und Ordnung erhalten werden muss und dass unter allen Umständen die Produktion so geführt werden muss wie früher, als hätte sich in der Weltgeschichte noch nichts gerührt. Diese Elemente wühlen hauptsächlich in den Schneider- und Schusterbetrieben die Arbeiter auf. Die Produktion in den Schneidereien sinkt, in den Schusterbetrieben sogar rapid.

Der Präses tut alles, um die Betriebe in Schwung zu halten.

Approvisation.

Die Belieferung des Gettos mit Weisskohl hält an. Vom 27.-29.7. einschl. erhielt das Getto: 512,965 kg Weisskohl, 2,280 kg Wirsingkohl, 58,560 kg Kohlrabi, dazu etwas Rote Beete und Möhren. Ferner kamen 51,680 kg Frühkartoffeln. Auch die Fleischeinfuhr hält an. An den 3 Tagen erhielt das Getto zusammen 7,006 kg.

Hingegen ist an diesen 3 Tagen kein Mehl eingetroffen, was höchst besorgniserregend ist. Lediglich 12,700 kg Roggenflocken kamen herein.

Erfreulich ist der Einlauf von 10,000 kg Käse.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 28 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

11 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzündung, 7 Herzkrankheiten, 1 Darmentzündung, 1 Krebs, 1 Lebensunfähigkeit /neugeborenes Kind/.

1

Vermutlich sind mit den genannten „Elementen“ Mitglieder der Widerstandsgruppen in den Ressorts gemeint, die angesichts der näher rückenden Roten Armee verstärkt zur Sabotage aufriefen. Außerdem ermunterten sie die Menschen seit Beginn der Deportationen im Juni 1944 immer wieder, sich nicht zur „Aussiedlung“ zu melden. Sie bereiteten außerdem Verstecke für die befürchtete endgültige Auflösung des Gettos vor. Vgl. Löw 2006a, S. 328-333 und 479f.