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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 5. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
36

Das Wetter:

5 Grad Wärme, trocken.

Sterbefälle:

12,

Geburten:

1

Festnahmen:

Diebstahl 1,

Verschiedenes 1.

Bevölkerungsstand:

79,791.

Tagesnachrichten.

Baluter-Ring:

Heute um zwei Uhr nachmittags erhielt der Präses von Amtsleiter Biebow den Auftrag, den Baluter-Ring sofort zu räumen, so dass die verlassenen Räumlichkeiten schon ab Montag, den 7.II., der Gettoverwaltung zur Verfügung stehen können. Der Präses gab sofort die nötigen Anordnungen. Sämtliche Einrichtungsgegenstände der Büros des Zentralsekretariates und des Arbeitszimmers des Präses blieben unverändert zurück, ja selbst die Büroutensilien liess der Präses liegen. Er nahm lediglich das ganze Aktenmaterial mit sich. Die neuen Büroräume für den Präses / Zentral-Sekretariat/ werden in der bisherigen Gemüse-Zentrale eingerichtet, die ihrerseits sofort die Räumung vornahm. Montag morgens wird der Präses bereits in den neuen Amtsräumen arbeiten.

Kommission im Getto:

Heute ist wieder eine Kommission im Getto eingetroffen.

Luftschutz:

Die Strassenbausektion der Abteilung für Besondere Angelegenheiten hat den Auftrag erhalten, Luftschutzgräben im Getto zu ziehen. Der deutschen Behörde wurden die entsprechenden Pläne vorgelegt.

Neue GESTAPO:

An Stelle des bisherigen Gestapo-Leiters Fuchs haben Dr. Horn und ein Herr Konrad die Getto- Gestapo übernommen.1

L-Zusätze:

Die Abteilung für Zusatzkarten für Lang-, Schwer- und Nachtarbeiter hat erstmalig schriftliche Instruktionen herausgegeben.

Das Merkblatt hat folgenden Wortlaut:

Betrifft: Zusatz-Karten:

Instruktionen

für die Leiter und registerbuchführenden Beamten der zuständigen Verteilungsstellen.

  1. Einteilung der Konsumenten: Die Konsumenten werden je nach ihrem Wohnsitz in die zuständigen Verteilungsstellen zugewiesen. Zur Ausgabe der Zusatzrationen /L = Langarbeiter, S = Schwerarbeiter, N = Nachtarbeiter/ sind 5 Diät-Läden und 11 Fleisch-Läden bestimmt.

    Die Konsumenten erhalten die Fleisch-Zusatzzuteilungen in ihren normalen Fleisch-Verteilungsstellen. Die Konsumenten zweier bezw. dreier Fleischläden werden die Kolonial-Zusatzzuteilungen in einem Diät-Laden beheben.

  2. Fälligkeit der Zusatzrationen: Die Zusatzrationen sind erst nach dem Erhalten und Eintragen der Korrespondenz für den entsprechenden Abschnitt fällig.
  3. Zusatz-Karten: Die Zusatzkarten werden an die Arbeiter in ihren Arbeitsstätten verteilt. Jede Zusatz-Karte trägt ausser dem Namen, Vornamen und der Adresse auch noch die Brotkarten-Nummer des Inhabers. Jede Zusatz-Karte hat auch ihre Folionummer. Die Zusatz-Karte hat zwei Serien von je 60 Abschnitten, welche beide die Nummeration von 1 Z – 60 Z tragen. Die Nummeration auf der linken Seite /roter Druck/ berechtigt für die Abnahme der Kolonial-Zuteilungen /Diät-Läden/, hingegen die Abschnitte auf der rechten Seite der Zusatz-Karte /schwarzer Druck/ sind für die Fleisch-Läden bestimmt.
  4. Registerbücher: Jede Fleischverteilungsstelle erhält zwei Registerbücher. Eines mit der Karten-Nummeration von 1-99.999 und das zweite mit der Karten-Nummeration von 100,000 aufwärts. Demnach erhält jeder Diät-Laden 4-6 Registerbücher /je zwei korrespondierend mit seinen Fleisch-Läden/. In den Registerbüchern sind die Laufnummern, Kartennummern, Folionummern, Namen und Vornamen der Konsumenten, nach Kartennummern geordnet, einzutragen.

    Die Rubriken zur Eintragung der Assignate und Daten der Abnahme sind durch eine waagrechte Linie in zwei Teile geteilt.

    Nach der letzten ausgefüllten Laufnummer wird ein Stempel und Unterschrift gesetzt und eine nachträgliche Eintragung kann seitens der Verteilungsstelle nur auf Grund der Korrespondenz erfolgen. Die einzelnen Abschnitt-Rubriken sind oberhalb vornummeriert, und die Zuteilungen müssen entsprechend den Karten-Abschnitten in die zuständigen Kolonnen einregistriert werden. Die Abnahme wird in der Weise registriert, indem die Nummer der Assignate in den oberen, der Tag der Behebung der Zuteilung, gebrochen durch die römische Zahl des Monats in den untern Teil der Rubrik eingetragen wird. Die Registerbücher müssen rein geführt werden und es ist strengstens darauf zu achten, dass die einzelnen Abhebungen in die zuständigen Kolonnen eingetragen werden.

  5. Korrespondenz: Jedwede Veränderung wird den einzelnen Verteilungsstellen nur im Wege der Korrespondenz mitgeteilt. Jeder im Registerbuch eingetragene Zusatzkarten-Inhaber ist zur Behebung der Zusatz-Zuteilungen berechtigt, solange nicht eine ihn zur Abnahme unberechtigt machende Korrespondenz in der Verteilungsstelle eintrifft. Die Korrespondenz ergeht immer einmal in der Woche. Diese Korrespondenz ist dann für den nächst angefangenen Absatz gültig. Die Korrespondenz wird nummeriert und ist die Nummer der Korrespondenz gleichlautend mit der des Abschnittes.

    In jeden Fleischladen gelangen jede Woche zwei Korrespondenzen, nämlich für das Registerbuch mit der Karten-Nummeration bis 99,999 und für das Registerbuch mit der Karten-Nummeration von 100,000 aufwärts. In die einzelnen Diät-Läden gelangen demnach jede Woche vier /4/ Korrespondenzen /je zwei pro Fleischladen/. Die Korrespondenz enthält nachfolgende Rubriken: Position /Laufnummer/, Kartennummer, Folio-Nummer, Name und Vorname, Vermerk, Begründung, Betr., Lf. Nr.

    Die Verteilungsstellen betreffen bloss die ersten fünf Rubriken, dagegen die Notizen in den letzten drei Rubriken /Begründung, Betr., Lf. Nr./ sind für Kontrollzwecke der Abteilung für Zusatz-Karten bestimmt. Es handelt sich bei der Korrespondenz um drei Arten von Vermerken, nämlich:


    a/ Eintragen /E/: Neueinzutragender Konsument: Steht in der Korrespondenz unter der Rubrik „Vermerk“ ... „Eintragen“, so ist diese Position als nächstfolgende im Registerbuch einzutragen. Gleichzeitig ist in der Rubrik des Abschnittes, für welchen diese Korrespondenz bestimmt ist /gleiche Nummer der Korrespondenz und des Abschnittes/ in der oberen Hälfte die Eintragung „E“, gebrochen durch die Positionsnummer der Korrespondenz, einzusetzen. Dadurch kann der registerbuchführende Beamte einer Kontrolle die Unterlage seiner Notiz vorzeigen. In die untere Hälfte der Abschnitt-Rubrik wird dann die Registrierung der Abnahme u.zw. Assignat-Nummer, gebrochen durch den Tag der Behebung, eingetragen. Alle vorangegangenen Rubriken bis zu dem durch die Korrespondenz abnahmeberechtigten Abschnitt sind in ihrer unteren Hälfte durch einen dicken, womöglich roten waagrechten Strich zu kassieren.


    b/ Arbeitsstätte /AS/: Für den für diese Woche bestimmten Abschnitt abnahmeunberechtigt.

    Steht in der Korrespondenz unter der Rubrik „Vermerk“: „AS“, so ist die Abnahme der Zusatz-Zuteilung für die eine laufende Woche gesperrt. Die Eintragung im Registerbuch erfolgt in der Weise, dass im oberen Teil der Abschnitt-Rubrik die Notiz „AS“, im unteren Teil die Positionsnummer der Korrespondenz eingesetzt wird. Der Abschnitt wird den Arbeitern in ihrer Arbeitsstätte /A/ bei der Auszahlung entfernt. Ein solcher Vermerk wird in solchen Fällen ergehen, wo den Arbeitern seitens der Arbeitsstätten für die bestimmte Woche der Genuss der Zusatz-Karte entsagt wird. Ergeht in der nächstfolgenden oder weiteren Korrespondenz auf diese Kartennummer keine Mitteilung, ist der Inhaber dieser Zusatzkarte wieder zur Abnahme der Zusatz-Ration für die folgenden Wochen berechtigt.


    c/ Streichen /Str/: Eine ab nun abnahmeunberechtigte2 Zusatzkarte.

    Steht in der Korrespondenz unter der Rubrik „Vermerk“: „Streichen“, so ist diese Position als aus dem Registerbuch zu streichen zu betrachten. Die Eintragung im Registerbuch erfolgt in der Weise, dass in der zuständigen Abschnitt-Rubrik im oberen Teile der Vermerk „Str“, im unteren die Position der Korrespondenz eingesetzt wird. Durch alle weiteren Rubriken dieser Position ist dann ein dicker, waagrechter, womöglich roter Strich zu setzen. Dadurch werden sämtliche Abschnitte abnahmeunberechtigt geprägt.

Besondere Aufmerksamkeit ist zu schenken:

  1. dass die Eintragungen im Registerbuch richtig vorgenommen werden,
  2. dass die Korrespondenz bei der richtigen Kartennummer eingesetzt wird,
  3. dass die Neueintragungen in das der Korrespondenz entsprechende Registerbuch eingesetzt werden,
  4. dass die Abnahme auf die zuständige Karten-Nummer und den zuständigen Abschnitt
  5. dass die Korrespondenz unbedingt v o r der Ausgabe der Zuteilungen auf den gültigen Abschnitt eingetragen wird. Es ist strengstens untersagt, die Ausgabe von Lebensmitteln für einen Abschnitt zu beginnen, bevor die entsprechende Korrespondenz vollständig in die Register eingetragen ist,
  6. dass sämtliche Korrespondenz sorgfältig aufbewahrt bleibt /Kontrolle/,
  7. dass auf die Zusatz-Karten bei der ersten Registereintragung der registerbuchführende Beamte die Seite des Registerbuches einsetzt, auf welcher die Zusatz-Karte eingetragen ist, damit er sodann bei der nächsten Abnahme diese Karten-Nummer im Registerbuch leicht findet /Besonders wichtig, da bei den vielen zu erwartenden Neueintragungen viele Karten-Nummern eingetragen sein werden und demnach schwer auffindbar wären/,
  8. dass irgendwelche Reklamationen unverzüglich der Abteilung für Zusatz-Karten zu melden sind,
  9. dass in den Registerbüchern keine Verbesserungen vorgenommen werden dürfen, sondern dass dies bloss in der Abteilung für Zusatz-Karten direkt geschehen darf,
  10. dass in den Registerbüchern bloss die Abnahme und die Korrespondenz durch die verantwortlichen registerbuchführenden Beamten eingetragen werden dürfen. Die Leiter und die registerbuchführenden Beamten werden angewiesen, sich striktest nach den ihnen erteilten Instruktionen zu halten.3

Approvisation.

Keine Aenderung der Lage.

Finanzwesen.

Hartgeld:

In der Metall-Abteilung wird die Herstellung von 10-Mark-Stücken fortgesetzt. Es wurden bisher für zirka zwei Millionen Münzen hergestellt. Die Haupt-Kasse hält jedoch dieses Zahlungsmittel noch zurück, da erst vor kurzem neues Papiergeld zu 5, 10 und 20 Mark emittiert wurde.

Inzwischen wird aber auch schon die Form für die neuen 5-Mark-Stücke gestanzt und in den nächsten Tagen4 mit der Prägung dieser Geldstücke begonnen werden. Wieviel 5-Mark-Stücke herauskommen werden, ist nicht bekannt, da auch das von den zur Verfügung stehenden Blechbeständen abhängig ist.

Sanitätswesen.

Ansteckende Krankheiten: Heute keine Meldungen.

Die Ursache der heutigen Sterbefälle: 5 Lungentuberkulose, 1 tbk. Gehirnhautentzündung, 1 Herzmuskelschwäche, 2 Lungenentzündung, 1 chronischer Darmkatarrh, 1 Leberabszess, 1 Mastdarmkrebs.

1

Die Nachricht über die neue Gestapo -Leitung war eine Fehlmeldung. Vgl. den Eintrag „Neue Gestapo“ in der Tageschronik vom 8. Februar 1944.

2

HK, LK**, JFK*: Ursprünglich „abnahmeberechtigte“; die Silbe „un“ jeweils von Hand hinzugefügt.

3

Das in der Tageschronik genannte Merkblatt ist als Entwurf erhalten. Der in der Tageschronik wiedergegebene Text stimmt bis auf geringe Abweichungen mit dem Wortlaut des Entwurfs überein (APŁ, 278/173, Bl. 99-101).

4

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „auch“.