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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 6. Mai 1944

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Tageschronik Nr.: 
126

Das Wetter:

Tagesmittel 11-20 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

18,

Geburten:

2 /1 m., 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 3,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.201

Tagesnachrichten.

Suppen-Streiks:

Eine Welle von Suppenstreiks geht durch das Getto. In fast allen Betrieben verweigern der Reihe nach die Arbeiter die Annahme der Zusatzmittage, in einzelnen Betrieben sogar auch die der ersten Suppe. Die Organisation, die hauptsächlich von Jugendlichen geführt wird, hat ihren Sitz in zwei Betrieben u.zw. in der Nagel-Fabrik und im Leder- und Sattler-Ressort. Diese halbwüchsigen Jungens und Mädels beeinflussen von dort aus alle anderen Ressorts und unterstützen sich gegenseitig in jedem Falle. So wurden z.B. in einem Schneiderei-Betrieb, in dem durchwegs Jugendliche beschäftigt werden, einige Jungens wegen solcher Umtriebe diszipliniert bzw. aus dem Betriebe entfernt. Ohne die Produktion zu stören, traten sämtliche jugendliche Arbeiter in den Hungerstreik und nahmen die Suppen in ihrem Ressort nicht ab. Sofort funktionierte das Solidaritätsgefühl bei den Jugendlichen in der benachbarten Metall-Abteilung, die von dort aus die erforderlichen Suppen schickten. Als der Leiter der Schneiderei-Zentrale, D. Warszawski, die Streikenden unter der Versicherung, die Jungens würden wieder zurückkehren, veranlassen wollte, den Streik abzubrechen, antworteten sie, dass sie auf seine Versprechungen nichts gäben und solange streiken würden, bis die disziplinierten Jungens wieder an Ort und Stelle wären. Erst als dies tatsächlich der Fall war, verständigten sie die Metall-Abteilung mit dem Ersuchen, weitere Aushilfssuppen nicht mehr zu senden. Der Präses versucht es in dieser sehr delikaten Situation natürlich nicht mit strengen Massnahmen, um die Sache nicht auf die Spitze zu treiben. Es ist zu hoffen, dass diese Demonstrationen aufhören, da dies sonst die Aufmerksamkeit der Behörden erwecken könnte.

Approvisation.

Die Lage ist immer noch äusserst gefährlich. Noch immer ist keine Einfuhr von nennenswerten Mengen Gemüse bzw. Kartoffeln zu verzeichnen. Zusammen kamen vom 29.4. bis 4.5. insgesamt an frischem und konserviertem Gemüse 128.547 kg herein, die zum grössten Teil den Küchen zugeführt werden mussten, sodass für eine Ration fast nichts bleibt. Im Getto herrscht infolgedessen eine verzweifelte Ratlosigkeit. An Fleisch kam an den gleichen Tagen 6.120 kg herein. Dieses Fleisch dient hauptsächlich zur Deckung der L-Ration. An eine Ration von Frischfleisch für die Bevölkerung ist augenblicklich nicht zu1 denken.

Ration:

Lebensmittelzuteilung für die gesamte Gettobevölkerung.

Ab Sonnabend, den 6.5.1944, wird auf Coupon Nr. 24 der Nahrungsmittelkarte für die Zeit vom 8.5.1944 bis zum 21.5.44 einschl. folgende Ration pro Kopf herausgegeben:

  • 600 Gramm Roggenmehl,
  • 200 Gramm Roggengrütze,
  • 450 Gramm Zucker, weiss,
  • 80 Gramm Oel,
  • 350 Gramm Brotaufstrich,
  • 150 Gramm Suppenpulver,
  • 400 Gramm Salz,
  • 300 Gramm Kaffeemischung,
  • 500 Gramm kons. Kohlrüben,
  • 70 Gramm Senf,
  • 50 Gramm Weinschlempe,
  • 25 Gramm Kümmel,
  • 10 Gramm Zitronensäure,
  • 10 Gramm Natron,
  • 10 Gramm Paprika.
  • Diese Ration beträgt Mk. 11.-.

Weiterhin gelangen ab Sonnabend, den 6. Mai 1944, an alle in den zuständigen Milchverteilungsstellen auf Coupon Nr. 140 der Gemüsekarte

  • 150 Gramm Margarine für den Betrag von Mk. 2.-

zur Verteilung.

Litzmannstadt, den 5.5.1944

Zur Ration selbst ist zu sagen, gegenüber der letzten Ration wieder eine kleine Verbesserung bestehend aus 5 dkg Zucker, sodass also der bisherige Stand wiederhergestellt ist. Eine Verschlechterung hingegen in der Fettration, indem jetzt insgesamt /8 dkg Oel und 15 dkg Margarine/ 23 dkg Fett, gegenüber der Zuschlagszuteilung von 4 dkg Schmelzbutter in der vorigen Ration, ausgegeben wurde.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

14 Lungentuberkulose, 1 Tuberk. Gehirnhautentzündung, 2 Herzschlag, 1 Brustkrebs.

1

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „rechnen“.