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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 8. April 1944

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Tageschronik Nr.: 
99

Das Wetter:

Tagesmittel 7-16 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

10,

Geburten:

1 /w./

Festnahmen:

Diebstahl: 2

Bevölkerungsstand:

77.612

Tagesnachrichten.

Die Verfügung des Oberbürgermeisters Dr. Bradfisch, betreffend den Abbruch des Gettoteiles an der Holzstrasse bzw. Am Bach, ist bereits offiziell an den Aeltesten ergangen. Es muss sofort eine entsprechende Arbeitskolonne eingesetzt und mit den Arbeiten unverzüglich begonnen werden. Es ist anzunehmen, dass man die Arbeiten so führen wird, dass besonders gute Objekte zu allerletzt drankommen. Die Remontierungsabteilung des Wohnungsamtes hat alle Hände voll zu tun, um anderwärts Wohnungen zur Verfügung zu stellen.

Anbauflächen:

Die diesjährige Saison für den Anbau im Getto setzt ein mit einem Rundschreiben der Wirtschafts-Abteilung. Das Rundschreiben hat folgenden Wortlaut:

Rundschreiben an alle Ressorts und Abteilungen.

Betr.: Anbauflächen

Wir geben Ihnen hiemit zur Kenntnis, dass Deklarationen auf Anbauflächen von der Landwirtschaftlichen Sektion d. Wirtsch.Abtlg. Fischstr. 6 ab den1 8. April 1944 ausgefolgt werden. Letzter Termin zur Abgabe derselben ist endgültig der 12. April 1944, wobei von allen in der Deklaration angeführten Personen die Nahrungsmittelkarten mit vorzulegen sind. Nach diesem Termin wird jegliche Annahme von Deklarationen verweigert. Interessenten, denen an der Nutzniessung ihrer Hausparzelle gelegen ist, dürfen zur kollektiven Teilnahme an Anbauflächen im Ressort nicht gezwungen werden, da Doppelzuteilung nicht stattfinden kann.

Litzmannstadt, den 8.4.1944

Wirtschafts-Abteilung Fischstr. 6 2

Dazu ist zu bemerken, dass grundsätzlich pro Person 15 qum bewilligt werden, wie wir bereits berichtet haben. Die Ueberwachung der Durchführung liegt in den Händen von M. Kligier und A. Jakubowicz. Zunächst werden auf Grund der eingereichten Nahrungsmittelkarten den Ressorts und Abteilungen je Kopf 15 qum zugeteilt. Sobald die Anbauflächen für diese Gruppen bestimmt bzw. zugewiesen sind, erfolgt auch die Zuteilung an Privat-Interessenten. Es ist zu erwarten, dass in dieser Saison tatsächlich keine grossen Parzellen bewilligt werden, die eine Basis für einen umfangreichen Handel mit Feldfrüchten abgeben konnten. Im Vorjahre noch haben die Besitzer dieser grossen Flächen ungeheuere Vermögen gemacht. Zunächst haben sie schon aus den Abfallprodukten, wie Krautblätter, übermässige Gewinne herausgeholt und Unsummen für Feldfrüchte verlangt. Dies unter Ausnützung der vorjährigen Hungerlage, die während der ganzen Saison und auch während der Erntezeit herrschte. Ob die Absicht des Präses sich zur Gänze wird verwirklichen lassen, steht noch offen und man wird abwarten müssen, wie sich der kleine Mann mit seinen 15 qum verhalten wird. Natürlich hat sofort nach Erscheinen der Bekanntmachung ein Sturm auf die Wirtschafts-Abteilung eingesetzt, zunächst um sich in den Besitz der Deklaration zu setzen. Man erwartet, dass der grösste Teil der Bevölkerung sich diesmal um Anbauflächen bemühen wird, umsomehr als sich die Getto-Verwaltung /Wirtschaftsleitung/ diesmal mit einer kleineren Fläche als im Vorjahre begnügt hat.

Approvisation.

Das Getto erhielt heute wieder nach langer Zeit ca 16.500 kg Kohlrüben, ferner kamen 18.170 kg kons. Rote Beete und ca 5.240 kg Rote Rüben. Fleisch kam am heutigen Tage nicht herein.

Schmalz-Zuteilung:

Ab Sonntag, den 9. April 1944, werden an alle in den zuständigen Fleischläden auf Coupon Nr. 38 der Nahrungsmittelkarte

50 Gramm Schmalz pro Kopf für den Betrag von Mk. 1.50 herausgegeben.

Litzmannstadt, den 8.4.1944.

Diese Zuteilung ist eine Ueberraschung für das Getto. Es handelt sich um das Knochenfett, von dessen Eingang wir am 7. ds.Mts. berichtet haben.

Heizmaterial:

Die Kohlen-Abteilung publiziert folgende Bekanntmachung:

Betr.: Zuteilung v. Heizmaterialien auf Talon „J“ /grün/

Die Gettobevölkerung wird aufgefordert, die noch nicht behobene 20 kg Ration pro Kopf auf grüne Talons „J“ spätestens

  • am Sonntag, den 9. April 1944, und
  • Montag, den 10. April 1944, abzunehmen.

Die Verteilungsstellen auf dem Platze, Talweg 23, werden von 7 Uhr früh bis 19 Uhr abends ununterbrochen tätig sein. Nach dem obengenannten Termin verlieren die Talons ihre Gültigkeit und werden keinesfalls honoriert.

Litzmannstadt-G., den 8.4.1944

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt.

Ressortnachrichten.

Die Ressorts wurden durch das Zentralbüro, Baluter-Ring, verständigt, dass diesmal Ostersonntag und Ostermontag Ruhetage sind. Es ist zum ersten Male seit Bestand des Gettos, dass an beiden Tagen nicht gearbeitet wird. Ueberdies wurde für heute schon um 12 Uhr mittags Arbeitsschluss angeordnet. Die Bevölkerung weiss nicht recht, wie diese Verfügung aufzufassen ist. Die Stimmung: „Timeo Danaos et dona ferentes“3 – hält an. In Wirklichkeit wird es sich wohl darum handeln, dass die Herren der Getto-Verwaltung diesmal Ostern frei haben wollten und dass also für die Getto-Bevölkerung, im Zusammenhang mit dieser Verfügung, nichts zu befürchten ist.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 5 Lungentuberkulose, 2 Herzkrankheiten, 1 Gehirnapoplexie, 1 Rippenfellentzündung, 1 tuberk. Bauchfellentzündung.

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

Mit Ausnahme des Wortes „hiemit“ (im Original „hiermit“) wird das Rundschreiben vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/422, Bl. 47: Wirtschafts-Abteilung, Fischstr. 6, Rundschreiben an alle Ressorts und Abteilungen, 8.4.1944.

3

Das Zitat greift das sprichwörtlich gewordene Bild vom Danaergeschenk auf. Vgl. dazu die Anmerkungen zur Rubrik „Kleiner Getto-Spiegel“ in der Tageschronik vom 10. Dezember 1943.