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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 8. Januar 1944

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Tageschronik Nr.: 
8

Das Wetter:

Tagesmittel 4-6 Grad Wärme, trocken.

Sterbefälle:

Geburten:

– /keine Meldungen/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

83,089

Tagesnachrichten.

Gestern besuchte der Oberbürgermeister und Chef der Gestapo, Dr. Bradfisch, das Getto. Er hielt sich ungefähr eine Stunde am Baluter-Ring auf. Unmittelbar darauf wurde eine neue Kundmachung bezüglich der Grusspflicht affichiert1. Allem Anscheine nach hat der Oberbürgermeister festgestellt, dass die Bevölkerung den durchfahrenden Personenwagen nicht vorschriftsgemäss gegrüsst hat. Die Kundmachung hat folgenden Wortlaut:

Bekanntmachung Nr. 406

Betr.:

Pflicht zum Grüssen

aller Uniformträger und deutschen Beamten /Zivilpersonen/.

Unter Bezugnahme auf mein Rundschreiben vom 3.6.1942 und das an alle Abteilungen, Werkstätten und Fabriken gerichtete Rundschreiben vom 19.6.42 weise ich nochmals schärfstens darauf hin, dass sämtliche Gettoeinwohner /Männer und Frauen/ alle Uniformträger sowie alle deutschen Beamten /Zivilpersonen/ sowohl auf der Strasse als auch in den Werkstätten und Fabriken unbedingt und unaufgefordert zu grüssen haben.

Dabei ist es ganz gleichgültig, ob sich die Uniformträger, bezw. die deutschen Zivilpersonen zu Fuss oder im Auto im Getto bewegen.

Es besteht also

strengste Grusspflicht

und zieht die Nichtbefolgung dieser Anordnung schärfste Bestrafung nach sich.

Bei Besichtigung der Abteilungen, Werkstätten und Fabriken sowie auch bei den Besuchen der Herren von der Gettoverwaltung haben sich alle auf den Ruf: „Achtung!“ von ihren Plätzen zu erheben.

Nachdem die Besucher vollzählig in der Werkstätte sind, wird die Arbeit fortgesetzt, indem dieselbe Person, die „Achtung“ gerufen hat, das Wort: „Weiterarbeiten!“ befiehlt.

Der Leiter einer jeden Werkstätte muss eine bestimmte Person ernennen, die jeweils bei Besichtigungen und Besuchen die vorbezeichneten Worte: „Achtung“ und „Weiterarbeiten“ ausruft.

Litzmannstadt-Getto, den 6. Januar 1944.

Der Amtsleiter Biebow ist von seinem Weihnachtsurlaub noch immer nicht zurückgekehrt, was in der Bevölkerung mit Unruhe vermerkt wird.

Approvisation.

Die Zufuhr von Gemüse ist äusserst gering. Am heutigen Tage erhielt das Getto alles in allem nur 4170 kg Kartoffeln, 8260 kg Möhren und 25,730 kg Kohlrüben. Auch die Fleischzufuhr ist sehr gering. Heute kamen insgesamt 1380 kg herein. Die Lage spitzt sich immer mehr zu. Nur noch wenige Haushalte verfügen über spärliche Reste der Winterbevorratung an Kartoffeln und Steckrüben. Dieser Umstand ist nicht so sehr darauf zurückzuführen, dass die Menschen mehr konsumiert haben, als sie termingemäss durften, sondern auf die wiederholt betonte schlechte Qualität der Wintergemüse. Bei der seinerzeitigen Verteilung der Steckrüben waren Partien, die bis zu 50% unbrauchbar waren. Es ist daher leider nicht abzusehen, wie die Bevölkerung die nächste Zeit durchstehen soll.

Schwarzhandelspreise:

Infolge der überaus angestrengten Lage steigen natürlich die Preise im Schwarzhandel von Stunde zu Stunde. Wir notieren heute folgende Preise: Brot 450 Mk, Mehl 350 Mk das kg, Flocken 400 Mk das kg, Zucker, weiss 600-650 Mk, Zucker, braun 450 Mk, Kartoffeln 80 Mk, Kohlrüben 17 Mk., Möhren 35.-, Oel 9.- Mk. pro Deka, Butter 13-15 Mk., Margarine 8 Mk. für 1 Dekagramm. Griess /Manna/3 10 Mk. 1 Deka, Fleisch und Wurst 350.- Mk. 1 Kilo.

Für Seife werden 8-9 Mk. pro Stück gefordert, Kohle 8 Mk. und Holz 4 bis 4.50 Mk. pro Kilo.

Auch die Zigarettenpreise sind nicht verschont geblieben: Bregava 1,50, Gestopfte /sehr dünn und kurz/ 3 Stk. für eine Mark.

Ein Kilogramm Kartoffeln kostet also mehr, als der Durchschnittslohn für einen Monat beträgt. Ein Stückchen Brot kann sich ein gewöhnlicher Sterblicher im Getto nicht kaufen.

Eine Schachtel Streichhölzer notiert heute mit 10 Mark, während ein Zündstein für das Feuerzeug 8-10 Mark kostet.

Die Bäckerei Piwna 49

stellt die Erzeugung von Zwieback und Mazzoth ein. Demzufolge wird die Talonabteilung nicht mehr den Tausch von Brot gegen Zwieback und Mazzoth bewilligen können. In dieser Bäckerei werden gegenwärtig ausser den normalen Laib-Broten Weckenbrote zu 1 kg Gewicht gebacken.

Ressortnachrichten.

Metallabteilung I

erzeugt gegenwärtig Bestandteile für die Winterbaukisten, die in Marysin gepackt werden. Ausserdem erzeugt der Betrieb laufend Werkzeuge für die Holzbetriebe und Schuhfabriken.

Finanzwesen.

Hartgeld:

Die Hauptkasse bringt täglich 5000 Stück 10-Mark-Münzen in den Verkehr. Gleichzeitig hat die Hauptkasse einen grossen Posten neuer 20-Mark-Noten in Umlauf gesetzt.

Demnächst beginnt die Metallabteilung mit der Prägung der neuen 5-Mark-Münzen.

Gesundheitswesen.

Vigantol

preis heute 65 Mark für 10 ccm.

Sanitätswesen.

Heute keine Meldungen.

1

affichieren ‚(Plakate) ankleben, befestigen‘; aus frz. afficher.

2

Unter Aussparung des Zusatzes „Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt“ wird der Wortlaut der Bekanntmachung Nr. 406 vollständig wiedergegeben. Vgl. APŁ, 278/170, Bl. 101: Rumkowski, Bekanntmachung Nr. 406, 6.1.1944.

3

Manna ‚(Weizen-)Grieß‘; aus hebr. man hu ‚was (ist) das, woher (kommt) das‘, hebr. man ‚Honigtau‘. Vgl. poln. manna ‚Grieß(brei)‘. Manna wird in der Bibel als die Speise der Israeliten während der 40-jährigen Wüstenwanderung beschrieben. Gott versorgte sein Volk jeden Tag (außer am Schabbat) mit neuem Manna, das dem Morgentau als auch den weißen Koriandersamen ähnlich gewesen sein soll. Vgl. Schoeps 2000, S. 544f.; Werblowsky/Wigoder 1997, S. 440f.