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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonnabend, den 8. Juli 1944

Tageschronik Nr.: 
189
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Das Wetter:

Tagesmittel 25-38 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefälle:

17,

Geburten:

2 w.

Festnahmen:

keine

Ausweisungen:

803 Personen /auf Arbeit nach ausserhalb des Gettos, III. Transport, vom 28.6.1944/
20 /auf Arbeit ausserhalb des Gettos über Baluter-Ring, 7.7.44./1

Bevölkerungsstand:

73,805

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Durch nächtliche Razzien hilft sich die Kommission im Zentralgefängnis aus der prekären Lage. Immer mehr Menschen halten sich versteckt. Die Meldung von Freiwilligen hat nahezu ganz aufgehört. Ein Gerücht, das nicht die geringste Unterlage hat, dass angeblich die ganze Aktion in den nächsten Stunden abgestoppt werden soll, wird immer wieder, aus weiss Gott welchen Quellen, genährt.

Die nächtlichen Szenen der Menschenjagd sind immer wieder dieselben. Wir haben sie oft genug beschrieben.

Die Betriebe Metall I und II, Holzbetrieb I, II und IV2 und Chem. Reinigungs- und Waschanstalt I sind von der Verpflichtung zur Aufstellung der Listen befreit. Diese Betriebe haben laufend grössere Militäraufträge.

Der Amtsleiter an der Abbruchstelle:

Am gestrigen Tage besuchte der Amtsleiter die neue Abbruchstelle Am Bach–Holzstrasse und überzeugte sich vom Fortgang der Arbeiten. An dieser Arbeitsstelle arbeiten auch schon einige hundert Polen, von denen man behauptet, dass sie soeben erst aus Warschau hergekommen sind.

Translokation:

Seit gestern werden die Bewohner des Häuserblocks Am Bach 2 bis Nr. 14 Scheunenstrasse sowie auch die Bewohner von Holzstrasse 18-22 exmitiert3. Diese Objekte stehen ab heute bereits der Abbruchstelle zur Verfügung. Die Räumung dieses Gebietes muss bis morgen vollzogen sein. Das II. O.D.-Revier hat den Auftrag, die abzubrechenden Blocks zu durchsuchen, notfalls gewaltsam zu säubern und zu veranlassen, dass sofort auch die Gettoumzäunung entsprechend geändert wird.

Approvisation.

Heute erhielt das Getto 20,540 kg Kartoffeln, 6,040 kg Rettich und 2,800 kg Salat. An Fleisch kam heute 5,700 kg herein. Erfreulicherweise wieder ein grösserer Posten Fleischkonserven u.zw. 18,383 kg.

Die sonstige Zufuhr an Lebensmitteln und zusätzlichen Bedarfsgütern geht Ordnungsgemäss4 vor sich. Um ein Beispiel anzuführen, geben wir diesmal in diesem Rahmen eine Abschrift der Liste der eingelaufenen Lebensmittel und der zusätzlichen Bedarfsgüter.

Die täglichen Einlaufslisten werden im Archiv gesondert aufbewahrt.

Talone bis 15. Juli eingestellt: Am Verteilungsladen Steinmetzgasse 10 wurde durch Anschlag bekanntgegeben, dass sämtliche Zuteilungen der 4 Kategorien bis zum 15. Juli eingestellt sind.

Kleiner Getto-Spiegel.

Aepfelchen, wohin rollst Du?

Der zurückgekehrte Familienvater hat, nachdem er so ein trauriges Wiedersehen mit Frau und Sohn gefeiert hatte, sein Bett im Spital an der Matrosengasse bezogen. Der Präses sorgt für diese völlig heruntergekommenen Menschen. Er besucht sie und fragt nach ihren Wünschen. Auch unser Mann hat einen Wunsch: „Ich habe einen Sohn im Zentralgefängnis.“ Er gesteht nicht, dass dieser Sohn sich als Ersatzmann gegen Entgelt freiwillig gestellt hatte. Aber warum soll er das auch gestehen? Unter den gegebenen Umständen kann doch das Geschäft, das da abgeschlossen wurde, nicht mehr zu Recht bestehen, da es doch unter ganz anderen Voraussetzungen abgeschlossen wurde. Der Präses merkte sich vor und richtig, der Junge wird in die Reserve gestellt. Ein hochaufgeschossener 17-jähriger Knabe, dem man es ansieht, dass er schnurstracks der Tuberkulose entgegenmarschiert. Er bleibt also vorderhand im Zentralgefängnis, während die Mutter freigelassen wird, da ja der Sohn als Geisel zurückbleibt.

Alles wird nun davon abhängen, wie lange die Transporte noch werden gehen müssen. Aber man sieht, ein Funken Hoffnung ist da, vielleicht wird die Familie zusammen5 bleiben können.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

9 Lungentuberkulose, 1 Tuberk. Hirnhautentzündung, 3 Lungenentzündung, 2 Herzkrankheiten, 1 Darmentzündung, 1 Periappendizischer Abszess6.

[Beilage]7

Abschrift

Bericht vom 8. Juli 1944

I. Sterbefälle: Am 8. Juli 1944 wurden im Standesamt
keine Sterbefälle
gemeldet.
II. Geburten: Am 8. Juli 1944 wurden im Standesamt
keine Geburten
gemeldet.

III. WARENEINGANG:

Am 8. Juli 1944 haben wir erhalten:

1./ Lebensmittel: 20,540 Kg Kartoffeln  
  6,044 Rettich  
  2,826 Salat  
  32,000 Roggenmehl  
  10,000 Roggengrütze  
  1,200 Gerstenflocken  
  6,632 Brotaufstrich  
  1,000 Frühlingssuppe  
  1,636 Pferdsfleisch  
  104 Schweinefleisch  
  17,500 Salz  
  15,200 Roggengrütze  
  2,950 Rossfleisch b-tto
  18,383 Fleischkonserven
2./ Zusätzliche Bedarfsgüter: 27,480 kg Koksgrus
  912 St Glühlampen
  3,340 kg Kunstteer
  100 St Kuris-Bandmesser8
  1,000 Pfeil-Trenner9
  16,295 kg Papiergewebe
  500 St Strickmaschinennadeln
  59,360 kg Laubholz
  15,450 Sperrholzsohlen
  17,560 Holzsohlen
  16,140 Einheitstuch
  11,450 Stoffe
  6,710 Holzkohle
  14,500 Pappe
  36,887 Eisendraht
  10,053 Eis.Rohre
  65,485 Chlorkalk
  29,940 Rauchkammerlösche
  89,500 Steinkohle
  79,000 Briketts
1

Die 20 Arbeiter, die separat aus dem Getto geschickt wurden, kamen aus dem „Zentralgefängnis“; eine Transportliste liegt vor (APŁ, 278/442, Bl. 71). Man kann davon ausgehen, dass sie tatsächlich zum Torfstechen gebracht wurden, da sie das Getto nicht mit der großen Gruppe Deportierter verließen, sondern als eigene Gruppe über den Baluter Ring.

2

„II und IV“ nur in HK, JFK*; dort von Hand hinzugefügt.

3

exmitieren ‚durch gerichtlich angeordnete Zwangsräumung aus einer Wohnung, von einem Grundstück weisen‘, zu lat. exmittere ‚fortschicken, herauswerfen‘; fachspr.

4

So in HK, LK**, JK**, JFK*.

5

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „kommen“.

6

Periappendizischer Abszess: Es dürfte sich um einen Abszess in unmittelbarer Umgebung des Blinddarms (Appendix) gehandelt haben. Dieser könnte infolge einer Blinddarmentzündung oder eines Blinddarmdurchbruchs entstanden sein und eine Bauchfellentzündung ausgelöst haben.

7

Beilage nur in JK**.

8

„Kuris“ ist der Name eines seit 1912 bestehenden Unternehmens für Lege- und Zuschneidetechnologie mit Firmensitz in Weinstadt in Baden-Württemberg.

9

Pfeiltrenner: Werkzeug zum Auftrennen von Nähten, Aufschneiden von Knopflöchern u.ä.