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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Sonntag, den 1. August 1943

Tageschronik Nr.: 
197
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Das Wetter:

Tagesmittel 28-40 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

20

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Diebstahl: 1

Bevoelkerungsstand:

84.260

Tagesnachrichten.

Auch am heutigen Sonntag haben noch keine Trauungen stattgefunden.

Der Praeses ist in guter Form und aeusserst agil.

Sanitaets-Kommission im Getto:

Freitag, den 30. Juli 1943, besichtigte eine Sanitaets-Kommission das Getto. Die Pruefung der sanitaeren Verhaeltnisse ist zufriedenstellend ausgefallen.

Approvisation.

Unveraendert angestrengte Lage. Die schwache Ration, insbesondere die kleine Kartoffelration, eroeffnet auch fuer die naechsten Tage keine guenstige Perspektive. Von der Leitung der Gemueseabteilung erfahren wir, dass nur sehr geringe Gemuesemengen hereinkommen, dass hingegen eine kleine Kartoffelzusatzration fuer die allernaechsten Tage zu erwarten ist. Von den Kleingemuesegaerten des Gettos ist nichts oder sehr wenig kaeuflich zu haben und die Preise sind dementsprechend. Fuer Botwinki 8.- Mk das kg, fuer kleine Zwiebelpflanzen 1-2 Mk das Stueck, aehnlich Porree. Fuer Blumenkohl wurde 50 Mk das kg bezahlt. Es ist unter diesen Umstaenden kaum moeglich, dass der Arbeiter oder kleine Beamte auch nur etwas Gemuese zukaufen kann, von Kolonialwaren oder Fetten nicht zu sprechen.

Ressortnachrichten.

Kautschukprothesen:

Der Praeses hat die Gummiabteilung beauftragt, Versuche zu machen zur Herstellung von Kautschukbestandteilen fuer Zahnprothesen. Dieses Ressort hat tatsaechlich die Versuche bereits unternommen und es sind brauchbare Gummiformen hergestellt worden. Man sieht, dass auch auf diesem Gebiete die Initiative und Leistungsfaehigkeit der Juden bewiesen ist. Groessere Zahnbehandlungen muessen durch das Ressort direkt an den Praeses beantragt werden. Nur er kann solche groessere Arbeiten bewilligen. Die Formalitaeten erledigt nach erteilter Bewilligung das Sekretariat Wołkówna.

Die Feuerwache in den Ressorts:

Der Kommandant der Feuerwehr Kaufman hielt heute eine Musterung seines Kaders ab. Im Zuge dieser Musterung sollen 150 Feuerwehrmaenner reduziert und in neuzueroeffnende Ressorts transferiert werden. Wie wir bereits gemeldet haben,1 soll infolge der Reduktion der Feuerwehr dienst in den Ressorts nur noch in den Nachtstunden beibehalten werden, u.z. in 2 Schichten: von 17-24 Uhr und von 24-7 Uhr morgens.

Kleiner Getto-Spiegel.

Sonntag im Getto.

I.

Das Wort Sonntag hat im Getto einen anderen Klang als draussen in der freien Welt. Einen anderen Klang und einen anderen Sinn. Man verbindet hier mit diesem Wort nicht die Vorstellung von Ruhe, Freude und Feierlichkeit. Dem Getto ist ein lastenreicher Sonntag aufgepraegt worden, so lastenreich und muehevoll wie jeder Werktag. Und wenn man einen Vergleich ziehen wollte zwischen Werktag und Sonntag, wuerde er bei manchem Gettobewohner sogar zugunsten des ersten ausfallen. Die Hand zoegert nicht, das niederzuschreiben. Die Hand wird von einem Hirn gefuehrt, das alle Eindruecke von Auge und Ohr verlaesslich aufbewahrt.

Das hat fast drei Jahre hindurch, vom Fruehjahr 1940 bis zum Fruehjahr 1943, einen Ruhetag nicht gekannt. So aussergewoehnlich die Institution Getto an sich, so aussergewoehnlich alle Aeusserungen dieses Gebildes. Man muss die Dinge so einfach wie moeglich beschreiben.

Das Getto hatte jede Woche 7 Arbeitstage, jeden Arbeitstag 8 Arbeitsstunden. Keinen Sabbat, keinen Feiertag, keinen nichtjuedischen Sonntag. Den hohen Feiertagen, in der ganzen Welt auch von der nichtjuedischen Umgebung respektiert, ward kein Raum gegoennt, kein Einlass gewaehrt. Als haette es keine Thora und Tradition gegeben. Man muss verstehen, dass das Getto Litzmannstadt nicht als juedisches Getto gedacht war, sondern als ein Getto fuer Juden. 160.000 Juden – soviele waren es anfangs – sollten hinter Zaun und Draht solange leben, bis ... bis die ganze Welt ein anderes Gesicht bekommen wuerde. Ein Teil dieser Zeit ist bereits abgelaufen. Wir schreiben Sonntag, den 1. August 1943.

Seit dem Fruehjahr 1943 ist der Sonntag als Ruhetag bewilligt. Dagegen wurden die taeglichen Arbeitsstunden von 8 auf 10 erhoeht, so dass die arbeitende Bevoelkerung, d.s. 90 Prozent der Gesamtbevoelkerung des Gettos Litzmannstadt, dieses Geschenk mit einem woechentlichen Mehraufwand von 4 Arbeitsstunden zu bezahlen haben.2 Nur dass sich dieser Mehraufwand selbst nicht bezahlt machte, da der Sonntag eben kein Ruhetag ist, sondern ganz etwas anderes.

II.

Schon am fruehen Morgen sind die Strassen belebter als sonst, als an den Werktagen. Menschen aller Altersstufen gehen von und zu den verschiedenen Laeden, in denen die zugeteilten Lebensmittel abgegeben werden: Kolonial-Brot-Milch-Fleisch-Wurstlaeden! Aber wenn man die Dinge naeher besieht, dann reicht das Eingeholte kaum fuer ein paar Tage und sollte doch fuer 14 Tage reichen. Der Jammer des Gettos!

Kinder tragen Holz. Das spricht sich so schoen aus: Holz! In Wirklichkeit sind es morsche, von rostigen Naegeln durchbohrte Bretter, Latten, Balken, Pfosten, Fenster- und Tuerrahmen – und wer Glueck hat, der wurde mit kleinen harten Holzresten aus den Tischlerei-Abteilungen bedacht und wird beneidet.

Tausende gebeugte Ruecken sind zu sehen, Schultern mit Rucksaecken beladen. Knaben fuehren Briketts auf Kinderwaegelchen, alte Maenner tragen Brotlaibe und Krautkoepfe in Koerben und Netzen. Vor den Laeden staut sich Volk. Man schreit, gestikuliert, lacht unter Traenen, das Hilfspersonal der Kooperativen beschimpft die Draengenden, schlaegt auch manchmal drein, Kinder wimmern, kollern in die offenen Ausguesse hinein, die gerade jetzt im hoechsten Sommer wie stinkender Fusel duften. Ein paar Stunden des Sonntags sind bald dahin.

Schuster, Schneider, Friseure holen die uebernommenen Arbeiten fuer ihre privaten Kunden auf. An den offenen Tueren sieht man sie schwitzen und schuften. Sonntagsruhe! Mehr noch haben die Hausfrauen zu tun. Die Waesche muss versorgt, Zerrissenes geflickt werden. Man muss lueften, scheuern, plaetten. Das Bettzeug hinaus in den Hof, in den Garten ... Alles ist voll davon – ueberall rote, rotgestreifte Poelster und Ueberzuege, Decken, Wisch- und Tischzeug; Frauen-, Maenner- und Kinderwaesche an Zaeunen, Fenstern und Gartenlatten. Manchmal tauchen auch nackte Maennerruecken oder nackte Frauenbeine oder schmutzige, von der Sonne gebraeunte Kinderfuesse auf ... Einigen gelingt es, in der schwuelen dunstigen Luft zu schlafen, zu schlummern. Weit und breit kein Wasser, kein Waesserchen, kein Fluss, kein Bach, kein See! Ein halbverdursteter Brunnen gibt ein paar Eimer Wasser! Das ist alles! Das sind die Elemente des Sonnen-, des Freiluftbades! 85.000 Menschen lassen die ausgetrockneten Zungen haengen ...

Es gibt aber unter diesen einige, die den Mut haben, ins – Freie hinauszuwandern, nach Marysin, in dem3 Distrikt der Bevorzugten, Auserkorenen ... der kleinen Schar von Menschen, die den Sommer in einer Art Luftkurort verbringen, d.h. nur waehrend der Arbeitsstunden das Getto geniessen ... Diese mutigen Menschen, zumeist Paerchen, scheren sich nicht um Hitze und Staub, sie wandern und singen mit leerem Magen und vollem Herzen, pfluecken rasch ein paar Brombeeren oder Kirschen, die in „fremden“ Gaerten stehen! Die fremden Gaerten – das sind die von den Gettobewohnern geschaffenen Dzjalkis, der Ertrag der Obstbaeume gehoert zur Haelfte den Bebauern, zur Haelfte der Gemeinde. Bald kommt die Ernte. Die Aepfel haengen schwer an den Zweigen. Tausende Menschen blicken mit waessrigem Mund zu ihnen auf.

III.

Der Sonntag im Getto ist nur ein Ruhetag fuer die Sterbenden. Man blickt in die Fenster, hinter denen, von keinem Vorhang verwehrt, diese Sterbenden – halb Kranke, halb Verhungerte – so ziemlich einsam auf den von Fliegen bedeckten Bettstellen liegen. Denn die Familienmitglieder sind mit Tragen von Lebensmitteln, mit Waschen und Reinigen beschaeftigt. Wer Glueck hat, am Sonntag begraben zu werden, der wird darum nicht auch der Ehre eines zahlreich beschickten Begraebnisses teilhaftig. Denn der Sonntag im Getto ist nur ein Ruhetag fuer die Toten.4

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

3 Bauchtyphus.

1

Vgl. die Rubrik „Tagesnachrichten“ in der Tageschronik vom 26. Juli 1943.

2

So in HK, LK*, JFK*.

3

So in HK, LK*, JFK*.

4

Sarah Bick Berkowitz erinnert sich an die nur scheinbar freien Sonntage im Getto: „Sunday was our day off, but we were not idle. My brother, because of his poor health, was given light work; Mirka would go to the Kooperative; and I, the strong one, would go to the vegetable places and come home carrying heavy bundles“ (Bick Berkowitz 1965, S. 38).