Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 11. Juni 1944

Podcast Icon
Tageschronik Nr.: 
162

Das Wetter:

Tagesmittel 13-22 Grad, bewölkt.

Sterbefälle:

1,

Geburten:

2 /1 m., 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

76.593

Brand:

Am 10.6.1944 wurde die Feuerwehr um 18,04 Uhr nach dem Hause Bleicherweg 17 alarmiert, wo durch eine undichte Kaminwange1 durch den Fussboden Rauchschwaden drangen. Die Bauabteilung wurde mit der sofortigen Reparatur beauftragt.

Tagesnachrichten.

Beerdigung:

Heute fand in aller Stille in den Morgenstunden die Beerdigung des Chaim Widawski statt. Es waren nur die Angehörigen anwesend. Die Anordnungen am Friedhof selbst traf Boruch Praszkier, in dessen Amtsbereich auch der Friedhof gehört.

Approvisation.

Am heutigen Sonntag kam nur etwas Frischgemüse herein u.zw. 260 kg Dille, 6.760 kg Radieschen und 8.740 kg Rettich. Eine weitere Ration in Radieschen ist also zu erwarten.

Kleiner Getto-Spiegel.

Bei der Post:

Eine kleine verhutzelte Frau drängt sich an den Postschalter heran. Eine geborene „Reichsbaluterin“2. Sie will Postkarten kaufen. Postkarten sind jetzt ein sehr begehrter Artikel, seit die Postsperre aufgehoben wurde und seit vor allem die Eingesiedelten in ihre ehemalige Heimat schreiben, um Lebensmittelpakete zu erhalten. Die Post hat keine Karten mehr. Ueberdies liegen noch ganze Berge nichtexpedierter Karten da. Die kleine Frau will unbedingt Postkarten haben. Der Leiter der Post, Gumener, geht auf sie zu. „Was wollt Ihr, gute Frau?“ „Postkarten will ich kaufen!“ „Wem wollt Ihr denn schreiben und wohin?“ „Ich weiss! Ich hab keinem zu schreiben, aber alle Leute kaufen, kauf ich auch!“ –

Nun sind auch Postkarten in die Reihe der Artikel gerückt, die im Schwarzhandel Rekordpreise erzielen. Unter der Hand werden Postkarten, die sonst bei der Postabteilung 10 Pfennig das Stück kosten, für 15 Mk angeboten und Leute, die nicht wissen, dass die Post in diesen Mengen nicht weggehen kann, kaufen sogar.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache des heutigen Sterbefalles: Selbstmord.

1

Kaminwange: Kaminwand aus Mauerziegeln, selten auch Holzfachwerk und Lehm, innerhalb von Gebäuden.

2

Mit „Reichsbaluterin“ ist eine Bewohnerin der Łόdzer Vorstadt Bałuty gemeint. Oskar Singer vermerkt dazu in der Getto-Enzyklopädie unter dem Stichwort „Reichsbaluter“, dass die „eingeborenen“ jüdischen Bewohner der Vorstadt Bałuty schon vor dem Krieg einen zweifelhaften Ruf genossen. Die Bezeichnung Reichsbaluter, die Oskar Singer hier benutzt, entstand in Analogie zu Reichsdeutscher, was – hier freilich ironisch – insofern ein positiver Begriff war, als er diejenigen Deutschen meinte, die innerhalb der Grenzen des Deutschen Reiches vor 1939 lebten. „Durch die Bezeichnung ‚Reichsbaluter‘ distanzierten sich die ins Getto eingesiedelten Juden aus Łódź von der sogenannten Unterwelt“, so Oskar Singer weiter (AŻIH, 205/311, Bl. 317-318). Mehr dazu bei Singer 2002, S. 179-206. Vgl. auch Freund/Perz/Stuhlpfarrer 1990a, S. 19.