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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 12. März 1944

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Tageschronik Nr.: 
72

Das Wetter:

3 Grad, in der Nacht heftiger Schneefall.

Sterbefälle:

1,

Geburten:

2 /m./

Festnahmen:

Diebstahl: 4

Bevölkerungsstand:

77.958

Selbstmord:

Am 11.3.44 verübte der Chajtowicz Izrael, geb. 1880 in Nowogrudek, wohnhaft Alexanderhofstr. 47, durch Erhängen Selbstmord. Die Staatl. Kripo hat die Leiche zur Beerdigung freigegeben.

Tagesnachrichten.

Die Aufmerksamkeit des Gettos ist auf Radegast gerichtet, wo jetzt weitere ausgemusterte „Arbeiter“ antreten sollen. Einige Worte über die dort durchzuführenden Arbeiten: Wie wir bereits öfter berichtet haben,1 sollen dort unmittelbar am Bahnhof, neben der Warenannahme, über das Gelände längs der Anschlussgeleise grosse Baracken errichtet werden, wo in grösserer Form die Produktion der Behelfshäuser aufgenommen werden soll. Aus Zement, Sand, Rauchkammerlösche2 und sonstige Beimischungen sollen dort jene Bauplatten hergestellt werden, die dann für typisierte Behelfshäuschen gebraucht werden.3 Eine Baracke, unmittelbar an der Warenannahmestelle in 92 m Länge, ist bereits ziemlich fertig. Man ist augenblicklich mit den Dachdeckerarbeiten und mit der Legung des Zementfussbodens beschäftigt. Zimmerleute arbeiten in einem kleinen Arbeitssaal die Bindungen und andere Gruppen zerschlagen herangebrachte Ziegeln von den Abbruchstellen zu Grus. Eine Gruppe polnischer Arbeiter arbeitet bei der Zementmischmaschine und bei der Fussbodenarbeit. Folgende physische Arbeiten kommen daher in Frage: 1./ Entladen der von den Abbruchstellen eintreffenden Loren mit alten Ziegeln, 2./ Beförderung des Materials in die Baracke, wo sie 3./ zu Grus zerschlagen werden, 4./ das Tragen von Brettern, gezimmerten und ungezimmerten Balken, 5./ das Tragen von Sand, 6./ Hilfsarbeiten bei den Zimmerleuten. Bis auf die letztere Arbeit erfolgt alle andere im Freien oder in der natürlich noch offenen Hauptbaracke, die besonders zugig ist. Um den Koksofen herum sitzen die Arbeiter und Arbeiterinnen und hämmern auf die Ziegeln4 los. Bei dem unglücklicherweise herrschenden Winterwetter ist diese Beschäftigung für die meisten nahezu unerträglich. Eine grosse Zahl von Menschen kam in völlig erschöpftem Zustand zu Fuss nach Radegast heraus und war natürlich arbeitsunfähig. Einzelne Fälle von physischen Zusammenbrüchen wurden verzeichnet. Da die Sonder-Abteilung den vielen neu hinzukommenden Arbeitern unmöglich Fahrkarten ausgeben kann, werden die Betroffenen zu Fuss hinaus und wieder zurückgehen müssen, wodurch das Menschenmaterial natürlich erst recht unbrauchbar werden wird. Nur wenige Personen mit besonders guten Beziehungen zur Sonder-Abteilung konnten sich Fahrkarten beschaffen. Diese Leute sind an den Fingern einer Hand abzuzählen.

In Radegast gab es natürlich kein Büro. Eine kleine Kammer von ungefähr 4 qum Flächenraum diente als Büro. Dort etablierte sich der sogenannte Chef der Arbeiterevidenz. Ing. Olszer begann sofort mit dem Bau eines Büros. Bei anhaltendem schlechtem Wetter jedoch ist an eine rasche Beendigung dieser Arbeit nicht zu denken.

Obwohl die so plötzlich aus ihrer Beschäftigung herausgerissenen Menschen doch einigermassen das Gefühl haben, dass dies ein Provisorium ist, herrscht unter den Leuten regelrechte Verzweiflung. Das liegt nicht so sehr an der Arbeit wie an der unglücklichen Wetterlage und dem anstrengenden Fussmarsch. Bei günstigem Wetter würde sich der grösste Teil dieser Menschen auch mit physischer Arbeit abfinden. Unter den gegebenen Umständen jedoch besteht für diese meist schwachen und an physische Arbeit ungewohnte Menschen eine ernste Gefahr für ihre Gesundheit.5

Am heutigen Sonntag kamen keine neuen Arbeiter heraus. Der nächste Schub wird morgen erwartet.

Approvisation.

Am heutigen Sonntag sind keine Wareneingänge zu verzeichnen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

6 Tuberkulose.

Die Todesursache des heutigen Sterbefalles:

1 Eitrige Rippenfellentzündung.

1

Vgl. etwa die Tageschroniken vom 9. Januar 1944 (Rubrik „Ressortnachrichten“), 7. März 1944 (Eintrag „Behelfs-Häuschen“) und 11. März 1944 (Eintrag „Die Lage in Radegast“).

2

Rauchkammerlösche: Feinkörnige unverbrannte Kohlenteilchen, die sich in der Rauchkammer der Dampflokomotive als fester Verbrennungsrückstand niederschlagen. Möglicherweise wurde Rauchkammerlösche in Notzeiten als Bauzuschlagstoff bzw. als Ersatz für Sand verwendet. Vgl. Stumpf 1960, S. 170.

3

Zum Behelfsheimbau vgl. Stier 1999.

4

So in HK, JK*, JFK*.

5

So in HK, JK*, JFK*.