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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 14. Mai 1944

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Tageschronik Nr.: 
134

Das Wetter:

Tagesmittel 19-27 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

keine,

Geburten:

2 /1 m., 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 5,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.088

Tagesnachrichten.

Ordnungsdienst-Konferenz beim Präses:

In den Vormittagsstunden empfing der Präses den Vorsteher des O.D. mit den Vorstehern der Reviere und der Untersuchungs-Abteilung, um mit ihnen die Fürsorge für die Mannschaften des O.D. zu besprechen. Der Präses hat verschiedene Sonderzuteilungen für besonders geschwächte O.D.-Männer zugesagt. Zunächst erhalten besonders bedürftige O.D.-Männer, ca 100 Leute, täglich im Revier ein Frühstück, bestehend aus Kaffee mit Zucker, 20 dkg Brot und 2 dkg Schmalz. Diese Zuteilung ist bestimmt geeignet, den Gesundheitszustand dieser Leute wesentlich zu bessern.

Approvisation.

Keine Aenderung. Die Lage ist unverändert katastrophal, was sich ja auch in der Steigerung der Sterblichkeit widerspiegelt.

Wohl kommen täglich Erbsen herein, doch die Suppe bestehend aus 3 dkg Erbsen, 4 dkg Roggengrütze und 1/2 dkg Mehl bleibt ja doch nur ein dünner „Chlapus“1, wie der Volksmund dieses Küchenprodukt erbittert benennt. In den Ressorts äussern sich Anzeichen der Unzufriedenheit, Suppenstreiks sind an der Tagesordnung. Die Küchen machen verzweifelte Versuche, um eine möglichst dichte Suppe herzustellen. Ein Versuch, Kaffeeersatz zusätzlich für die Suppen zu verwenden, schlug gänzlich fehl. Jetzt wird die Roggengrütze gequetscht, um sie ausgiebig zu machen, etwa wie die Flocken. Aber weder Roggengrütze noch Roggenflocken geben hinreichenden Schleim für eine Verdickung ab. Solange das Getto nicht Kartoffeln erhalten wird, bleibt die Lage hoffnungslos.

Der Präses für Waisenkinder:

Für alleinstehende Waisenkinder, die dem Fürsorgeausschuss für Jugendliche unterstehen, bewilligt der Präses eine Sonder-Zuteilung bestehend aus: 1 kg Kartoffeln, 1 kg Rote Rüben, 1 kg Möhren, 2 dkg Knoblauch, 10 dkg Himbeersaft und 1/3 Dose S Fleischkonserve.

Man sieht, dass der Präses, angesichts der äusserst prekären Verpflegslage, immerhin alle denkbaren Anstrengungen macht, um da oder dort zu helfen. Aber wo nichts ist, hat auch der Präses die Macht verloren. Er kann, wie man sieht, einmal dem O.D., ein andermal den alleinstehenden Kindern oder einer anderen Gruppe vorübergehend helfen, oder, mit anderen Worten, ein Loch zustopfen, indem er ein anderes aufreisst. Von einer systematischen Hilfe für die hungernde Bevölkerung kann keine Rede sein.

Wenn nicht raschest Hilfe kommt u.zw. ausgiebige Hilfe durch Einlauf entsprechender Mengen Kartoffeln und Gemüse, so werden die Sterblichkeitsziffern in der nächsten Zeit schon bedenklich hinaufschnellen.

Ressortnachrichten.

Der Holzbetrieb II

hat die Produktion von Schränken und Betten in beträchtlichem Umfange aufgenommen.

Im Metallbetrieb I

ist ein Teil der neuen Maschinen für die Munitionserzeugung bereits installiert und es werden bereits die ersten Proben erzeugt.

Im Anschluss an die Nadelrichterei organisierte der Leiter M. Rosenberg eine Erzeugung von ledernen Schnürsenkeln aus Lederabfällen. Die Versuche sind vollauf gelungen und die Produktion wird demnächst regulär beginnen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 14 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

keine Meldungen.

1

Chlapus, zur hebräischen Wurzel ch l p ‚vorübergehen, vorbeigehen, vergehen‘. Dazu gehört auch das Substantiv chelef ‚Ersatzteil‘.