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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Sonntag, den 15. August 1943

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Tageschronik Nr.: 
211

Das Wetter:

Frueh 14 Grad, es regnet weiter, nachdem es schon die ganze Nacht vom 14. auf dem1 15. geregnet hat. Mittags 16 Grad, es hat zu regnen aufgehoert.

Sterbefaelle:

18

Geburten:

1 /maennlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 2

Bevoelkerungsstand:

84.129

Tagesnachrichten.

Am heutigen Tage hat der Praeses nach einer Pause von 3 Wochen wieder Trauungen vorgenommen. Die Zeremonie fand diesmal um 6 Uhr abends im III. Heim an der Gnesenerstrasse statt. Angetreten waren 20 Paare, darunter der Leiter der Postabteilung, Misza Gumener, und der Mannschaftschef des O.D., Fiszbajn. Unter den Heiratskandidaten befand sich auch ein gewisser Kuper Szymon, der bei der tieferstehenden Aktion in der Nacht ausgehoben wurde. Mit Ruecksicht darauf, dass der Mann heute heiraten sollte, hat ihn der Praeses von der Ausweisung befreit. Fuer die Zeremonie wurde der Speisesaal des Heimes geraeumt. Anwesend war der Leiter der Evidenz-Abteilung, Rechtsanwalt Neftalin. Recht stark war die Beteiligung des Ordnungsdienstes. Der Praeses war zwar in guter Form, jedoch etwas nervoes. Die Zeremonie verlief in der ueblichen wuerdigen Form. Auf dem Terrain des Heimes herrschte reges Treiben, da insbesondere nahezu der ganze Brieftraegerstab mit sonstigen Angestellten der Postabteilung das junge Paar nach der Trauung jubelnd begruesste. Der Praeses musste beim Verlassen des Hauses durch den Ordnungsdienst das Terrain raeumen lassen.

Aufloesung des Heimes Gnesenerstrasse:

Der Praeses hat die Aufloesung dieses seines groessten Heimes angeordnet. Als Grund wird die augenblickliche Ernaehrungslage angegeben. Diese Begruendung scheint nicht ganz plausibel zu sein.2

Aussiedlung:

In der Nacht vom3 Sonnabend auf Sonntag wurden die zur Ausweisung auf Arbeit ausserhalb des Gettos bestimmten Personen ausgehoben. Die genaue Zahl der Auszusiedelnden steht noch nicht fest. Es handelt sich um Arbeitskraefte, die von der Behoerde fuer eine Arbeit unweit Litzmannstadt angefordert wurden. In erster Linie wurden Maenner herangezogen, die bereits ausserhalb des Gettos in diversen Arbeitslagern gearbeitet haben und verschiedentlich in Gruppen ins Getto zurueckgekehrt sind. Die zur Ausreise aus dem Getto bestimmten Kandidaten haben jetzt noch eine Sichtung durch eine Kommission zu gewaertigen. Weitere Aushebungen sind im Gange, da entsprechende Reserven geschaffen werden muessen, wie dies in solchen Faellen notwendig ist. Der Tag der Ausreise steht noch nicht fest.4

Approvisation.

Staerkere Kartoffelzufuhren bringen eine gewisse Erleichterung. Leider ist die Gemuesezufuhr auch weiterhin unzureichend. Nach wie vor ist die Lage aeusserst ernst. In einigen Kooperativen gab es 1/2 kg Kohlrabi pro Person.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

5 Bauchtyphus, 1 Flecktyphus, 3 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

12 Lungentuberkulose, 1 Knochen- u. Gehirntuberkulose, 1 Herzkrankheit, 1 Lungenentzuendung, 1 Nierenentzuendung, 2 Darmentzuendung.

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

Wenig später ließ Biebow im Zusammenhang mit der Entdeckung, dass in einem der Heime hauptsächlich Beamte und Gettobewohner mit Protektion anstelle von Arbeitern wohnten, sämtliche „Erholungsheime“ schließen. Vermutlich stand die hier genannte erste Schließung bereits in diesem Kontext. Für Näheres vgl. die Rubrik „Fürsorgewesen“ in der Tageschronik vom 25. August 1943.

3

So in HK, LK*, JFK*.

4

Zu den beschriebenen „Aushebungen“ notiert Oskar Rosenfeld in seinen privaten Aufzeichnungen: „Nachts. Nacht von Samstag auf Sonntag (14./15. August) wieder Aushebungen von 200 Menschen, angeblich zur Arbeit außerhalb des Gettos. Wieder nachts!“ (Rosenfeld 1994, S. 219). Auch Jakub Poznański berichtet davon in seinem Tagebuch (Poznański 2002, S. 98f.).