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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 16. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
197

Das Wetter:

Tagesmittel 20-31 Grad, bewölkt, doch sehr warm. In den Abendstunden kurzes Gewitter mit heftigem Regen.

Sterbefälle:

keine,

Geburten:

1

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevölkerungsstand:1

Tagesnachrichten.

Versammlung der Leiter, Rede des Präses:

Der Präses hatte sämtliche Leiter der Betriebe und Abteilungen für 11 Uhr Vormittag in die grosse Maschinenhalle der Metall-Abteilung I, Hanseatenstr. 63, einberufen. Er erschien mit A. Jakubowicz und Kommandant L. Rosenblatt um 12 Uhr, betrat sofort die Tribüne und hielt folgende Ansprache: „Etwa 7,500 Menschen haben im Zuge der letzten Aktionen das Getto verlassen, sodass jetzt ungefähr 68,700 Menschen im Getto leben. Es ist klar, dass der Weggang sovieler Menschen Lücken in die Reihen der Arbeiterschaft der verschiedenen Betriebe gerissen hat und dass dadurch die Produktion einigermassen gelitten hat oder leiden könnte. Nun aber, nachdem die Transporte unterbrochen sind, verlangt man von mir eine Erhöhung der Produktion. Es ist jetzt unsere Aufgabe, die Lücken wieder auszufüllen und von morgen an muss die Produktion wieder normal gehen, im Gegenteil, sie muss wesentlich verbessert werden. Ich habe es selbst in die Hand genommen, die Ordnung wieder herzustellen. Das Arbeitsamt hat im Augenblick kein Recht, Arbeitszuteilungen zu geben, sondern es muss jeder einzelne Fall mir persönlich vorgelegt werden und ich selbst werde individuell eine Entscheidung treffen.

Wir werden gezwungen sein, einzelne Ressorts völlig zu liquidieren, andere wieder zu fusionieren, sodass man die freiwerdenden Arbeitskräfte dort wieder einsetzen könne, wo sie im Augenblick am dringendsten gebraucht werden. Einzelne Fabriken werden Nachtschichten einführen müssen und auch da wird es notwendig sein, durchgreifend zu reorganisieren. Dazu ist es notwendig, dass sich die Leiter der einzelnen Betriebe ins Klare darüber kommen, was sie entbehren bzw. was sie brauchen können. Noch heute bitte ich Sie, meine Herren Leiter, sich hinzusetzen und die Lage in Ihren Betrieben genauestens zu studieren, um mir dann genaue Ziffern geben zu können. Möglich, dass es mit dem älteren Material an Menschen schwerer gehen wird, dagegen lässt sich nichts tun. Die Produktion muss erreicht werden und man wird notfalls um zwei Stunden länger arbeiten müssen. Das ist eben der Zweck unserer heutigen Zusammenkunft. Ihr alle müsst es Euch sehr gut überlegen, wie Ihr es anstellt. Eine Richtlinie kann ich Euch jetzt schon geben, die Büros müssen auf mindestens 75% reduziert werden. Ueberdies müssen die jüngeren Kräfte in die Produktion und man wird, ob man will oder nicht, in den Büros mit älteren Leuten arbeiten müssen. Ich weiss, auch das wird schwer sein, aber besser so schwer, als anders noch schwerer. Das muss bis Mittwoch, den 19. ds.Mts., durchgeführt sein. Das gleiche gilt für die Abteilungen. Auch hier müssen die Leiter sich im Klaren sein, dass wir unsere Administrative auf ein Minimum reduzieren müssen. Es gibt in diesem Zusammenhang eine Menge schwieriger Fragen, die zu lösen sein werden, aber so, wie wir uns immer schon in noch schwierigeren Lagen Rat gewusst haben, werden wir auch jetzt die Lage meistern müssen. Ich weiss, wir haben Frauen, die zu Hause kleine Kinder haben, oder kranke Angehörige. Auch sie werden zur Arbeit gehen müssen.

Ich weiss, dass die Frauen der Herren Leiter oft nur pro forma gearbeitet haben und auch das muss aufhören. Ich werde sonst gezwungen sein, eine spezielle Fabrik einzurichten für diese Damen, um sie zur Arbeit in der Produktion zu zwingen. Wir sind in einer schwierigen Lage. Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass wir uns in einem Lager befinden. Diesen Bedingungen müssen wir uns unter allen Umständen anpassen. Auch die Praxis der Durchlass-Scheine muss strenger werden.

Zunächst werden wir also wahrscheinlich folgende Betriebe zur Gänze liquidieren: Teppich-, Hausschuhe- und Hut-Abteilung.

Die Umschichtungskommission wird die Frage der Jugendlichen studieren und entsprechende, den heutigen Umständen angemessene, Schritte unternehmen. In der Frage der Kinderfürsorge werde ich noch entsprechende Weisungen geben.

Mein Programm ist sehr kurz, es muss aber auch in sehr kurzer Zeit verwirklicht werden. Daher beauftrage ich mit der Reorganisation der Schneiderbetriebe Herrn Grossman und den Leiter von Jakuba 16, Inzelsztajn, und für die Tischlerbetriebe Herrn Terkeltaub. Mit der Reorganisation der inneren Abteilungen werde ich noch mit Rechtsanwalt Neftalin zu sprechen haben.

Ich hätte gerne von Euch Anregungen gehört /der Präses musste für kurze Zeit die Versammlung unterbrechen, da ein heftiges Gewitter seine Stimme übertönte/, aber ich höre auch keinen Widerspruch und ich weiss, dass Ihr alle mit mir einverstanden seid.

So schliesse ich meine Ausführungen, mit der dringenden Aufforderung an Euch, mitzuhelfen an der Reorganisation unserer Produktion.

Wer in dieser Zeit nicht mit allen Kräften dabei ist, schädigt nur unser eigenes Interesse, das Interesse des Gettos.“ –2

Die Zusammenkunft der Leiter fand im Zeichen der allgemeinen Entspannung statt. Der Präses war in guter Verfassung und die Versammlungsteilnehmer aufnahmsfähig. Trotzdem liess sich aus dem Plenum keine Stimme zu den aktuellen Problemen vernehmen. Es wird auch diesmal so sein, dass sich jedermann auf die Entscheidungen und die sichere Hand des Präses verlassen wird und dass er von sich aus alle schwebenden Fragen lösen wird, die sich aus der neugeschaffenen Lage ergeben.

Eine ernstliche Störung der für das Getto wichtigsten Betriebe lag sowieso nicht vor, da ja aus diesen Betrieben nennenswerte Kontingente nicht abgegeben wurden. Am meisten betroffen waren durch diese Aussiedlung wohl nur die leichten, sozusagen Nebenbetriebe, die, wie der Präses angekündigt hat, sowieso liquidiert werden. Grössere Aufträge haben zur Zeit nur die Schneidereibetriebe, sodass anzunehmen ist, dass sich das produktive Leben des Gettos wieder sehr rasch ins alte Geleise bringen lassen wird.

Man hatte den Eindruck, als ob der Präses die Leiter wieder fester bei der Hand nehmen wollte, um, nach dem Schock der letzten Tage, ein Absinken des Verantwortungsbewusstseins im Allgemeinen und der Produktion im Besonderen unter allen Umständen zu vermeiden.

Dr. Klozenberg, der bekannte Nervenarzt, ist seit einiger Zeit schwer krank. Da in den letzten Tagen typhöse Erscheinungen hinzugetreten sind, befürchtet man für die nächsten Stunden das Schlimmste.

Approvisation.

Die Lage bessert sich infolge reichlicher Zufuhr von Frischgemüse. Am heutigen Sonntag kamen 5,000 kg Kartoffeln, 6,270 kg Kohlrabi, 25,300 kg Möhren, 21,000 kg Rettich, 3580 Rote Beete, 8,170 kg Schoten, 3,750 kg Wirsingkohl und 161,680 kg Weisskohl.

Schwarzhandelspreise:

1 Laib Brot Samstag noch 1200 Mk, heute Mk 800, Zucker 1600 Mk, heute 1000 Mk. Alle anderen Lebensmittel entsprechend dem Brotpreis gefallen.

Eine Erklärung für den Preissturz ist der Umstand, dass durch die Deblockierung aller Karten die rückständigen Brotrationen ausgefolgt werden, sodass beispielsweise eine viergliedrige Familie für die Dauer von 4 Wochen, in welcher Zeit sie sich verborgen gehalten hat, plötzlich 16 Brote besass. Demzufolge ist die Nachfrage nach Brot einigermassen geringer.

Eine Ressortsuppe, die gestern noch 23 Mk gekostet hat, kostet heute schon 15 Mk. Eine weitere Senkung ist zu erwarten.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 6 Tuberkulose, 1 Ruhr.

1

HK, NYK**, JK**, JFK*: Keine Angabe.

2

NYK**: „das Interesse des Gettos“ von Hand durch eine Wellenlinie unterstrichen.