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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Sonntag, den 19. Dezember 1943

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Tageschronik Nr.: 
337

Das Wetter:

Früh 1 Grad unter Null, Wind, sonnig, mittags 5 Grad +.

Sterbefälle:

11

Geburten:

1 /männlich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Bevölkerungsstand:

83.192

Tagesnachrichten.

Der Präses hat heute in Marysin 11 Paare getraut. 10 Paare wurden in der üblichen gemeinschaftlichen Zeremonie getraut, während ein besonderer Vorgang für die Hochzeit des Kommissars der Leder- und Sattler-Abteilung, Maximilian Zeligman, mit der Szac-Kantor Czesława arrangiert war. Der Präses gab eine Begründung für diese Sondertrauung, indem er sagte: Ich habe keine Möglichkeiten, einen verdienten Beamten, der zu meinen ältesten Mitarbeitern zählt, auszuzeichnen. Ich kann keine Orden verleihen und daher ist die Auszeichnung, die ich diesem Bräutigam gewähre, die, dass ich ihn in dieser besonderen Zeremonie in den Hafen der Ehe führe.

Bei dieser Sonderhochzeit war natürlich die Gesellschaft des Gettos stark vertreten.

Approvisation.

Am heutigen Tage kam, bis auf einen Rollwagen /ca 3.000 kg/ Kartoffeln, an Lebensmitteln nichts herein.

Kleiner Getto-Spiegel.

Durch die Maschen des Gesetzes:

Gäbe es im Getto eine Zeitung1 und in der Zeitung eine Gerichtssaalrubrik, dann wäre diese angefüllt mit dem Schlagwort „Diebstahlsprozesse“. Da aber das Getto nebst vielen anderen Dingen auch diesen literarischen Zeitvertreib entbehren muss, ist der Tageschronist auf mündliche Ueberlieferungen angewiesen und gegebenenfalls auf die Rapporte des O.D. und auf die kargen Protokolle des Gettogerichts.

Nicht die Fakten sind es, die unsere Teilnahme erwecken. Nicht einmal die Personen, d.s. die traurigen Helden der Gerichtsverhandlungen. Was die einzelnen Fälle über den banalen Begriff „Diebstahl“ hinaushebt, sind die Umstände, unter denen solch ein Diebstahl sich vollzieht. Im Allgemeinen hält die Kriminalität Schritt mit der Technik der Behörde, welche die kriminellen Tatbestände aufzuspüren und dokumentarisch zu beweisen hat. Indizienbeweise ohne corpus delicti verlieren viel von ihrer Beweiskraft. In den internationalen Gross-Städten verfügt die Kriminalpolizei gewöhnlich um einige Prozent weniger Raffinement als die Verbrecherwelt.

Im Getto hat die Kriminalität nicht den allgemeinen Charakter. Hier hat sich unter dem Zwang der Umstände ein System herausgebildet, das keine Gewalt, sondern bloss Kniffe, Tricks, Schlauheit anwendet. In 90 von hundert Fällen handelt es sich um Diebstähle von Nahrungsmitteln, um Mundraub. Manchmal sind diese Diebstähle so primitiv ausgeführt, dass man sich wundert, wie wenig Respekt der Dieb vor dem Recherchierungstalent der Polizei hat. Manchmal wieder geschieht der Diebstahl – das Wegtragen herabgefallener Kartoffeln oder Rettiche oder anderer Gemüsesorten – so offen vor den Augen der Strasse, dass nurmehr von einem öffentlichen Unfug die Rede sein kann.

Zu den Tatorten des „Verbrechens“ gehörten vornehmlich die Gemüse- und Kartoffelplätze – abgesehen von den Kolonialläden, wo der eine oder andere Angestellte seine Stellung missbraucht, indem er kleinere Quantitäten von Nahrungsmitteln wie Zucker, Marmelade u.ä. mitgehen liess. Hier bedurfte es keiner Geschicklichkeit, bloss einer gewissen Hemmungslosigkeit.

Anders auf den Plätzen. Der Bezugsberechtigte erscheint mit seinem Rucksack auf dem Platz. Seine freundschaftlichen, verwandtschaftlichen oder beruflichen Beziehungen sichern ihm eine bevorzugte Behandlung. Ein paar Buraki oder Kohlrabi mehr, ein paar dutzend Kartoffeln mehr – und er geht beglückt davon, nachdem er den Platz, also das Getto, um dieses Mehr geschädigt hat und sich eine vergrösserte Ration gesichert hat. Sogar die schärfste Kontrolle versagt, denn das Auge des Gesetzes ist selbst der Uebertreter. Der Hüter ist selbst der Mittäter.

Schwieriger sind die Fälle, wenn der Kandidat zu Fälschungen, d.h. zu Manipulationen greift, die als Betrug deklariert werden müssen. Ein Beispiel: Die Assignate wird von Beamten übernommen und nach Erledigung des Beziehens durch Verknüllen oder Einreissen unbrauchbar gemacht. Was geschieht, wenn das Kontrollorgan die Assignate nicht entwertet oder im Drange der Geschäfte dem Bezieher überlässt? Dieser kann sie nochmals benützen, der Vorgang spielt sich normal ab, ein Betrug nicht erkennbar ...

Diese und ähnliche Fälle führten dazu, dass die Kontrolle nach jeder Richtung hin verschärft wurde. Um ein Uebergewicht unmöglich zu machen, wird jeder Sack mit Inhalt vor Verlassen des Platzes nachgewogen. Protektion oder Schwindel sollen endlich aufhören.

Aber auch hier weiss die Schlauheit des hungrigen Gettobewohners Rat. Auf dem Wege von der Waage zum Ausgang entnimmt man dem Sack – je nach der Ration – Kartoffeln oder irgend eine andere Frucht und lässt sie in der Tasche verschwinden. Der Kontrolleur wiegt, konstatiert Untergewicht, d.h. schlechte Waage. Der „geschädigte“ Kandidat wird entschädigt. Das fehlende Quantum wird ersetzt. Bis endlich auch dieser Kniff an den Tag kommt.

Immer wieder stösst der Arm der Gerichtsbarkeit mit der Not des Bürgers zusammen. Ein kleiner Diebstahl, ein kleiner Betrug, ein kleiner Einbruch – Signale namenlosen Elends und einen Ausweg suchender Phantasie! Da aber auch die Welt des Gettos auf den Fundamenten der Thora – Recht und Gerechtigkeit – beruht, muss der Arme schuldig erkannt werden. Er tröstet sich – bis zum nächstenmal.

An einem einzigen Tag sechs Fälle von Kartoffeldiebstahl vor der Sonder-Abteilung. Sechs Fälle, aber im Grunde genommen ein Motiv: Hunger! Die Sonder-Abteilung erledigt diese Fälle administrativ, ohne Gerichtsverfahren. Eine schnellere und dabei harmlosere Prozedur. Die vorgeführten sechs Personen haben sich durch Tricks, durch manuelle oder intellektuelle Tüchtigkeit in den Besitz von ein paar Kartoffeln gesetzt:

Ein Mann gegen sechzig, krank und schwach, die Frau und vier Kinder der September-Aussiedlung zum Opfer gefallen ... Eine ältere Frau, unterernährt, fiebrig, lungenkrank ... Eine Witwe mit sichtbarem Rotlauf2, in zerissenem Kleid, sorgend für ein hungerndes Kind ... Sie und das Kind haben am Tag der Inhaftierung ausser der Ressortsuppe nichts Warmes im Magen gehabt ... Ein Greis, verfallen, zitternd, ein Bild des Jammers. Diese vier Angeklagten gehen frei aus. Man weicht ihrem Elend aus. Man schickt sie nachhause. Ausser ihnen noch zwei junge Burschen, elternlos, wegen Krautdiebstahls bereits vorbestraft. Sie kommen mit 48 Stunden Arrest davon.

Das spielt sich vor der „Sonder“ ab. Das Gericht ist strenger, mehr paragraphentreu. Aber das Leben im Getto hat weder vor der Polizei noch vor dem Gericht Respekt. Es schafft sich seine Gesetze, auch wenn sie in den Arrest oder zur Fäkalienarbeit führen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

3 Bauchtyphus.

Die Todesursachen der heutigen Sterbefälle:

3 Lungentuberkulose, 1 Tuberkulöse Gehirnhautentzündung, 4 Herzkrankheiten, 1 Lungenentzündung, 1 Magengeschwür, 1 Kotfistel3.

1

Es gab im Getto nur im Jahre 1941 eine offizielle Zeitung, die sog. „Getto-Zeitung“. Die „Geto-Tsaytung far informatsye farordenungen un bakantmakhungen“ (APŁ, 278/1075) war ein offizielles Organ des Judenältesten in hebräischen Lettern, das ausschließlich Informationen und Nachrichten aus dem Gettoleben enthielt. Neben der jiddischen Ausgabe ist eine im Getto angefertigte deutsche Übersetzung der Zeitung erhalten, die den vollständigen Titel „Getto-Zeitung für Informationen, Verordnungen und Bekanntmachungen“ trägt (APŁ, 278/1076). Zitate und Verweise beziehen sich in der vorliegenden Edition stets auf die Übersetzung. Ein Programm der Zeitung ist in der ersten Ausgabe abgedruckt (APŁ, 278/1076, Bl. 1f.). Wegen Papiermangels erschienen nur 18 Nummern. Das letzte Wochenblatt ist datiert auf den 21. September 1941. Sein Redakteur war Szmul Rozensztajn, der vor dem Krieg bereits als Journalist gearbeitet hatte. Er verfasste 1941 im Getto auch ein Tagebuch in jiddischer Sprache, das unter der Signatur AŻIH, 302/115 überliefert ist.

2

Rotlauf ist eine mit roten Flecken oder roter bis blauroter Verfärbung der Haut einhergehende bösartige Infektionskrankheit.

3

Kot- oder Darmfisteln sind angeborene oder durch eine Entzündungskrankheit entstandene, unnatürliche Verbindungen des Darms mit der Körperoberfläche (äußere Darmfistel) oder einem anderen Organ (innere Darmfistel).