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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Sonntag, den 19. September 1943

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Tageschronik Nr.: 
246

Das Wetter:

Tagesmittel 21-35 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefaelle:

17

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Diebstahl: 2

Einweisung:

1 /am 18.9.1943 aus Litzmannstadt /1

Bevoelkerungsstand:

83.773

Brand:

Am 18.9.1943 wurde die Feuerwehr um 6 Uhr 15 nach der Cranachstrasse 15 alarmiert. Wie festgestellt wurde, drangen Rauchschwaden in die Wohnungen. In der Annahme, dass es brennt, alarmierten die Hausbewohner die Feuerwehr. Die Kamine wurden gefegt.

Tagesnachrichten.

Der Praeses hat heute auf Marysin 24 Paare getraut.

Approvisation.

Die Lage spitzt sich zu einer Hungerkatastrophe zu. Der knappe Vorrat zwingt sogar die Kuechen zu einer Herabsetzung der Kartoffelmenge bei den Suppen auf 15 dkg. Die Menschen irren ratlos durch die Stadt, um irgendetwas Essbares aufzutreiben. Am 17., 18. und 19. ds. sind alles in allem 238.340 kg Kartoffel hereingekommen. Dieses Quantum konsumieren natuerlich zunaechst die Kuechen, sodass fuer eine Kartoffelausgabe nichts bleibt. Und wenn eben keine Kartoffel vorhanden sind, dann gibt es nackten Hunger. An den genannten 3 Tagen kamen zwar wieder diverse Gemuese an /Kohlrabi, Moehren, Rettich, Weisskohl, Petersilie, ferner Sauerkohl2, letztere allerdings wieder nur fuer Suppen/ u.z. zusammen 127.800 kg. Wenn nicht raschest eine Aenderung eintritt, sind die Folgen unabsehbar.

Ressortnachrichten.

Warentransport bei Nacht:

Seit einigen Tagen wird der Transport von Materialien, Maschinen etc. ins Getto sowie der Abtransport von Fertigwaren nach der Stadt vorwiegend in den Abend- bzw. Nachtstunden abgewickelt.

Neue Bausektion:

Der Praeses beabsichtigt, im Rahmen der Abteilung fuer besondere Angelegenheiten eine neue Bau- und Remontierungssektion einzurichten.

Von der Tabak-Abteilung:

Die Tabak-Abteilung hat in den letzten Monaten sehr geringe Wareneingaenge zu verzeichnen. Der Praeses sah sich daher veranlasst, den Verkauf von jugoslavischen Zigaretten und Tabak vollkommen einzustellen. Im Handel sind also nur die schlechten belgischen Sorten. Die Tabak-Abteilung hat auch den Detail-Verkauf im Hauptladen eingestellt. Das heisst also, dass auch die sogenannten „guten Gemachten“ nicht mehr verkauft werden. Lediglich die Verkaufspunkte erhalten ergaenztes Quantum gestopfter Zigaretten. Die Folge davon ist, dass sich auch an den Zigaretten-Verkaufsstaenden lange Reihen zeigen. Im freien Handel steigen natuerlich die Preise fuer jugoslavische Zigaretten auf 70-80 Pfennig das Stueck.

Im Zusammenhang damit verbreitete sich das Geruecht, dass auch nicht mehr genuegend Zigaretten fuer die Beiratzuteilungen vorhanden sind. Das ist aber nicht richtig. Die Tabak-Abteilung hat fuer diesen Zweck mindestens fuer 4 Dekaden genuegend Vorrat. Man hofft, dass demnaechst wieder etwas Zigaretten eintreffen werden. Allmaehlich hat sich der Raucher zum Teil schon auf Zigarren umgestellt. Aber auch diese Vorraete sind nicht allzugross.

Das Teppich-Ressort III liquidiert:

Das Teppich-Ressort, Muehlgasse 7, ist nunmehr endgueltig liquidiert. Ins Objekt ist bereits die Abteilung fuer Militaer-Stickerei, Radziejewski, eingezogen. Der bisherige Leiter der Teppich-Abteilung, Bernhard Freund, hat zur Stunde noch keine neue Funktion erhalten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er diese Abteilung von Radziejewski als Leiter uebernehmen wird.

Finanzwirtschaft.

Geldknappheit:

Die Hauptkassa hat in der letzten Zeit eine immer empfindlichere Geldknappheit zu verzeichnen. Folge davon ist, dass verschiedene Abteilungen und Ressorts mit der Auszahlung von Loehnen und Gehaeltern im Rueckstande sind. Besonders empfindlich wirkt sich dies auch im Sekretariat Wołkówna aus, das taeglich um die paar tausend Mark zur Auszahlung von Unterstuetzung kaempfen muss. In langen Reihen stauen sich vor dieser Abteilung die Menschen, fuellen die Korridore und warten ab, ob der Diener nicht doch etwas Papiergeld von der Hauptkassa hereinholt. Die Hauptursache dieses mangelhaften Notenumlaufs ist hauptsaechlich darin zu erblicken, dass nicht genuegend Rationen vorliegen. Zu anderen Zeiten hat sich der Praeses im Falle von Geldknappheit in aehnlichen Faellen dadurch geholfen, dass er raschest eine Ration von Gemuesesalat oder Bonbons ausgab, was sofort die Hauptkassa fluessig machte. Jetzt kann er weder das eine noch das andere tun, weil fuer Gemuesesalat, wie berichtet, zu wenig Rohstoffe vorhanden sind.

Man hoert, man spricht ...

... dass der Praeses sich mit einer neuen Idee trage u.z. mit einer Erweiterung der Aktion der Kraeftigungs-Kuechen zum Zwecke der Liquidierung der Talone BI, BII, BIII, und CP. Wir werden den Hintergruenden dieses Geruechtes noch nachgehen.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Meldungen.

Die Todesursachen der heutigen Sterbefaelle:

8 Lungentuberkulose, 1 Lungenblutung, 6 Herzkrankheiten, 1 Darmkatarrh, 1 Typhus.

1

Am 18. September informiert der „Älteste der Juden“ das „Meldebüro“: „Ich bringe Ihnen zu Kenntnis, dass am 18. September 1943 durch die Geheime Staatspolizei die Frankenstein Henia, geboren im Jahre 1890 in Ozorkow in das Getto- Litzmannstadt eingeliefert wurde. Dieselbe wird zurzeit Am-Bach-Strasse 15/51 wohnen“ (APŁ, 278/1171a, Bl. 41).

2

Sauerkohl (auch Sauerkraut) ist reich an Vitamin A, B, C, Mineralstoffen und Milchsäure. Die Zusatzbemerkung „allerdings wieder nur fuer Suppen“ erlaubt zweierlei Deutungen. Sauerkraut erhält bei überlanger Lagerung bzw. Gärung einen extrem sauren Geschmack, der bei der Verarbeitung zu Suppe wesentlich abgemildert werden kann. Zum anderen könnte es sich um einen Hinweis auf die unzureichende Menge des ohnehin wenig nahrhaften Krauts handeln (lediglich 19 kcal pro 100 g), die durch die Verarbeitung zur Suppe „gestreckt“ werden konnte.