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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 2. April 1944

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Tageschronik Nr.: 
93

Das Wetter:

Tagesmittel 6-12 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

1,

Geburten:

1 /w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

77.693

Tagesnachrichten.

Der Präses hat heute in zwei Gruppen 10 Trauungen vorgenommen.

Das Büro Wołkowna1:

Erstmalig nach der Auflösung dieses Büros amtieren die ehemaligen Beamtinnen am Sonntag einige Stunden zum Zwecke der Auszahlung von Geldunterstützungen. Da Frl. Wołk krank ist, besorgen die Geschäfte die Damen German, Gszewska und Szejrman. Die Unterstützungslisten der Ressorts werden vom Büro Wołk, soweit dies noch als solches besteht, an den Sonntagen überprüft und die Betriebe erhalten sodann Schecks auf die Hauptkassa, wo ihnen die Beträge direkt ausgezahlt werden. Barauszahlung erfolgt also nur an einzelne Petenten.

Approvisation.

Ausser 4.540 kg Sauerkraut kamen an Lebensmittel nichts ins Getto.2

Sonderzuteilung

für den O.D. 15 dkg Fleisch und 25 dkg Mehl. Auch die Arbeiter bei den Winterbaukisten in Radegast erhielten die gleiche Zuteilung.

Ressortnachrichten.

Die Schuhfabrik, Franzstr. 76,

hat grössere Aufträge auf Reparaturen von Schuhen für die Wehrmacht erhalten.

Kleiderkammer:

Die Altkleiderkammer ist von der Rungegasse zur Bekleidungs-Abteilung, Hohensteinerstr. 70, übersiedelt, bzw. wurde das gesamte Material dorthin überführt.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache des heutigen Sterbefalles: 1 Bauchfelltuberkulose.

1

Das „Sekretariat Wołkowna“ ist das am 15. Oktober 1940 gegründete „Sekretariat für Bittschriften und Beschwerden“ mit Sitz in der ul. Dworska 1a (ab Ende 1942 in der ul. Łagiewnicka 25). Das Personal bestand aus 4 Beamten und 4 Kontrolleuren unter der Leitung von Regina (Rebeka) Wołk. Häufig wurde das Sekretariat schlicht „Sekretariat Wołkówna“ genannt (die Endung -ówna kennzeichnet bei polnischen Namen eine unverheiratete Frau, ein „Fräulein“). Allein in den ersten 6 Monaten seiner Tätigkeit gingen bei dem Sekretariat ca. 20000 verschiedene Anträge und über 6700 Bittschriften ein. Vgl. die „Getto-Zeitung“ Nr. 9 vom 2. Mai 1941, Bl. 1f. (APŁ, 278/1076); zudem Dąbrowska 1964a, S. 43f. Den Ablauf eines Termins im „Sekretariat für Bittschriften und Beschwerden“ beschreibt Plager-Zyskind 1993, S. 124f.

2

So in HK, LK*, JFK*.