Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 2. Januar 1944

Tageschronik Nr.: 
2
Podcast Icon

Das Wetter:

Tagesmittel 3-4 Grad, Regen.

Sterbefälle:

13

Geburten:

3 /1 männl., 1 weibl., 1 Totgeburt weibl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 2

Bevölkerungsstand:

83.122

Brand:

Am 1.1.1944 wurde die Feuerwehr in den Abendstunden zu den Häusern Sulzfelderstr. 3, Baluter Ring Nr. 3 und 6, Cranachstr. 9 und 25, alarmiert, wo durch den Sturmwind starker Funkenflug aus den Kaminen festgestellt wurde. Die Kamine wurden gefegt und dadurch die Brandgefahr beseitigt.

Tagesnachrichten.

Der Präses hat heute in Marysin, im ehemaligen Heim an der Karola Miarka, 9 Hochzeitspaare getraut.

Approvisation.

Ausser 10.200 kg Möhren kamen heute keine Lebensmittel ins Getto.

Die Gemüse-Abteilung gibt Anweisungen zur Ausfolgung der 10 kg Kohlrüben- und 10 kg Kartoffeln-Ration an Nachzügler. Dieses Gemüse wird vom Lager, Mühlgasse 25, ausgefolgt.

Ressortnachrichten.

Affaire im Teppich-Ressort Garfinkel:

Eine sehr peinliche Affaire wurde im Teppich-Ressort Garfinkel aufgedeckt. Garfinkel wurde heute verhaftet. Es wird ihm zur Last gelegt, dass er Malversationen mit Suppen-Legitimationen begangen habe. Er hat angeblich eine grössere Anzahl von Legitimationen für Arbeiter ausgestellt, die längst nicht mehr in seinem Betrieb beschäftigt sind: Mit diesen Legitimationen wurde ein lebhafter Handel betrieben. Man spricht, dass es sich um ca 20 Suppen täglich gehandelt habe. Die Affaire wurde vom FUKR aufgedeckt. Man beobachtete Garfinkel bereits längere Zeit. Schon vor einigen Tagen hat der Protektor der Teppich-Fabriken, Luzar Najman, vom FUKR, Garfinkel aufgesucht und bemerkte, dass Garfinkel,1 als Leiter des Ressorts, sich höchstpersönlich mit der Verteilung der Suppen-Legitimationen befasste. Najman machte ihm Vorhaltungen darüber, indem er ihm bemerkte, dass dies doch eine untergeordnete Arbeit sei, die in jedem andern Ressort ein hiezu eigens bestimmter Beamter besorge. Garfinkel scheint diesen Wink nicht verstanden zu haben. Auf Grund von Anzeigen ging sodann FUKR mit einer energischen Untersuchung vor, deren Resultat die Verhaftung Garfinkels war. Garfinkel wurde ins Zentral-Gefängnis überstellt. Die Untersuchung führt die Prokuratur, Prokurator Nussbrecher. Die ebenfalls mitverhaftete Sekretärin Leizerowicz wurde sofort wieder freigelassen. Bei einer Hausdurchsuchung bei Garfinkel fand man 2.000 Mk vor. Auch beim verdächtigen Portier dieses Betriebes wurden 550 Mk vorgefunden. Im ersten Stadium der Untersuchung wurde auch der Leiter der Küche, welche die Suppen für das Ressort liefert, Wolinski, einvernommen, gegen den aber die Untersuchung nicht fortgesetzt wurde.2

Schuhmacher-Ressort Gutreiman

erzeugt jetzt vorübergehend Holzschuhe fürs Getto. Ausserdem werden dort Reparaturen für das Getto durchgeführt.

Man hört, man spricht ...

... dass die Frage der Lang-Arbeiter noch immer nicht endgültig geregelt ist und dass es noch garnicht sicher ist, dass es bei dieser Regelung bleibt.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

9 Fleckfieber.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

7 Lungentuberkulose, 1 Tuberk. Gehirnhautentzündung, 1 Rippenfellentzündung, 1 Chron. Darmentzündung, 1 Urämie, 1 Tote Frühgeburt, 1 Selbstmord.

1

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „sich“.

2

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend jeweils von Hand gestrichen: „Vom Strohschuh-Ressort: Der Auftrag auf Bunker-Pantoffeln ist ausgeführt. Da weitere Aufträge auf Strohschuhe augenblicklich nicht vorliegen, wird ein grosser Teil der Belegschaft für das Leder- und Sattler-Ressort arbeiten“. Oberhalb des gestrichenen Eintrags von Hand die polnischsprachige Anmerkung ‚in beiden Exemplaren gestrichen‘. Offenbar von Nachkriegsbearbeitern.