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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 2. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
183

Das Wetter:

Tagesmittel 17-29 Grad, früh bewölkt, dann sonnig.

Sterbefälle:

keine,

Geburten:

1 w.

Festnahmen:

keine

Bevölkerungsstand:1

Selbstmordversuche:

Am 30.6.1944 versuchte die Adler Pesa, geb. 19.9.1925 in Lodsch, durch Sprung aus dem III. Stockwerke ihres Wohnhauses, Matrosengasse 50, Selbstmord zu verüben. Die Genannte wurde ins Krankenhaus überführt.

Am 2. Juli 1944 versuchte die Gumpelewicz Malka, geb. 1914 in Lodsch, wohnhaft Hohensteinerstrasse 31, durch Sprung aus dem III. Stockwerke des Hauses Alexanderhofstr. 24, Selbstmord zu begehen. Die Genannte wurde durch die Rettungsbereitschaft ins Krankenhaus überführt.2

Tagesnachrichten.

Heute fand beim Präses eine Sitzung sämtlicher Leiter der Schneiderbetriebe statt, in der die Lage dieser Betriebe besprochen wurde. Mit Rücksicht auf die augenblickliche Aussiedlung wurde die Nachtschicht vorläufig aufgelassen.

Der Leiter der Schneider-Zentrale Dawid Warszawski ist noch immer bei der Kripo. Lediglich das Adoptivkind und das Dienstmädchen3 wurden entlassen.4

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Der morgige V. Transport ist bereits sichergestellt.

Man hat im Getto noch immer keine Ahnung, wohin die Transporte gehen. Da die Zugsgarnitur immer zur Aufnahme des nächsten Transportes rechtzeitig zur Stelle ist, liegt also ein Pendelverkehr vor. Die Transporte gehen zweifellos nur bis Kutno, wo, wie man behauptet, eine Sichtung des Menschenmaterials vorgenommen wird. Man erzählt sich, dass von Kutno aus gesunde arbeitsfähige Menschen an landwirtschaftliche Unternehmen abgegeben werden. Eine Bestätigung dieses Gerüchtes ist natürlich nicht zu erhalten.

Obwohl der I. Transport am 23.6. abgegangen ist, also ein Zeitraum von 9 Tagen verstrichen ist, gibt es im Getto noch keine zuverlässige Nachricht von den Ausgesiedelten.5

Ersatzmänner:

Auch jetzt noch wird die Praxis der Ersatzmänner fortgesetzt. Der Preis für den Ersatzmann ist derselbe: 3 Laib Brot, 1/2 kg Margarine, 1 kg Zucker /kleine individuelle Schwankungen/.

Approvisation.

Am heutigen Sonntag kam etwas Frischgemüse herein u.zw. 1360 kg Mairettich, 4100 kg Kohlrabi und ca 2000 kg Salat. Sonst nichts.

Angesichts der schlechten Ernährungslage ist die Sterblichkeit noch immer sehr beträchtlich. Eine Steigerung ist leider zu befürchten.

Kleiner Getto-Spiegel.

Die Leiter handeln mit Menschen:

Der Clearingverkehr mit Menschen blüht. Der Leiter hat jetzt die beste Gelegenheit, sich unliebsamer Personen zu entledigen. Das wird meist telefonisch bereinigt.

Der Leiter der I. Wäscherei ruft die Textilfabrik: „Bei Dir ist Herr X beschäftigt, hast Du ihn auf der Liste?“ Antwort: „Nein!“

„Du brauchst ihn dringend?“ Antwort: „Ja!“

„Schade!“ Antwort: „Warum denn?“

„Ich hätte gerne seine Frau auf die Liste gesetzt!“

Der Leiter der Textilfabrik weiss aber Rat: „Wenn Du mir Frau Y nicht auf die Liste setzt, so setz ich Herrn X noch nachträglich hinein, dann kannst Du seine Frau auch noch auf die Liste setzen.“

Das Geschäft wird gemacht.

Irgendeine persönliche Animosität und das Schicksal der Menschen wäre besiegelt.

Aber Herr X verschafft sich „Plejzes“, er rettet sich. Nun ist aber Frau X schon auf der Liste und jetzt geht der Kampf von neuem los. Das Geschäft kann nicht ganz rückgängig gemacht werden, da ja für die X die Y freigegeben wurde. Ein wenig kompliziert sind die Sachen für den erstaunten Leser unserer Nachwelt. Aber wir Juden verstehen ja zu handeln, warum sollen wir nicht auch den Handel mit Menschen verstehen.

Es ist schwer, alle Nuancen, alle Möglichkeiten, alle vorkommenden Gemeinheiten, die in diesem Sumpf wachsen, zu schildern. Die meisten Tragödien aus Willkür deckt ein gnädiger Schleier.6

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 20 Tuberkulose.

1

HK, LK*, JK*, JFK*: Keine Angabe.

2

In einem tags zuvor verfassten Tagebucheintrag äußert ein unbekannter Autor seine Selbstmord gedanken: „Ich bin ohne Frühstück und ohne weiteren Lebenswillen, einen Selbstmord zu begehen, fehlt mir der Mut – doch könnte ich auf irgendeine schmerzlose Weise aufhören zu existieren, könnte ich dies herbeiführen – ich würde mit Sicherheit nicht zögern“ (Loewy/Bodek 1997, S. 55).

3

Manche Mitglieder der privilegierten Oberschicht hatten Dienstmädchen, es ist jedoch nicht bekannt, wie viele es gab. Über eine Bewerbung als Kindermädchen im Haus von Aron Jakubowicz berichtet Genia Bryl in ihren Erinnerungen (USHMM, RG-02.146, Bl. 71); vgl. auch den Eintrag ‚High-life herrscht am Week-end‘ in den ‚Gerüchten‘ vom 25. Juli 1941. Jakub Hiller berichtet in seinem Tagebuch, dass während der Deportationen im Juli 1944 viele Frauen versuchten, als Dienstmädchen bei den „Würdenträgern“ eingestellt zu werden, da sie hofften, dadurch vor der „Aussiedlung“ geschützt zu sein (AŻIH, 302/10, Bl. 28).

4

Jakub Poznański berichtet in seinem Tagebuch von der Inhaftierung Warszawskis durch den jüdischen „Ordnungsdienst“: „Wie sich später herausgestellt hat, hatte die Kripo den Inhaftierungsbefehl herausgegeben. Die Wohnung wurde versiegelt. Am Dienstag wurden die Kinder und das Dienstmädchen entlassen. Zu diesem Thema kursieren im Getto verschiedene Gerüchte […] Sicher ist nur, dass er inhaftiert wurde“ (Poznański 2002, S. 174f.; übers. aus dem Poln.).

5

Ein unbekannter Autor schreibt an diesem 2. Juli 1944 in sein Tagebuch: „Die Zeit vergeht und vergeht, und unser Leiden scheint nie zu Ende zu gehen, der verfluchte, teuflische Feind löscht weiter die Reste unserer unglücklichen Nation aus. – Sie haben jetzt Angst vor dem Vorrücken der russischen Front und fangen deshalb wieder mit den Aussiedlungen an. Die Stimmung ist wieder auf dem Tiefpunkt. Gott möge Erbarmen mit uns haben – und sie vernichten – sie, die nie genug von menschlichem Blut und von Tränen haben“ (Loewy/Bodek 1997, S. 55).

6

Über den „Handel“ mit Menschen und die Bedeutung der Protektion ist auch in Tagebüchern und Berichten die Rede. Wer mit dem Leiter einer Fabrik, aus der ein Teil der Belegschaft deportiert werden sollte, bekannt war, hatte gute Chancen, nicht zu den Personen zu gehören, die einen Aussiedlungsbescheid bekamen. Ein junger Mann schreibt Anfang Juli 1944 in sein Tagebuch: „[Handelt es sich um] irgendein schönes Mädchen, das weiß, sein Herz mit seinem Lächeln zu erobern, so bleibt es“ (Loewy/Bodek 1997, S. 61; Klammern im Original). Vgl. auch das Tagebuch von Jakub Hiller (AŻIH, 302/10, Bl. 21).