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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 20. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
51

Das Wetter:

Früh 3 Grad unter 0, Frost, Mittag 5 Grad Wärme, sonnig.

Sterbefälle:

-

Geburten:

- /keine Meldungen/

Festnahmen:

keine

Bevölkerungsstand:

79.696

Selbstmordversuch:

Am 19.2.1944 versuchte der Cohn Julius, geb. 8.6.1882 in Bremen, wohnhaft Hohensteinerstrasse 43, durch Einnehmen eines Schlafmittels Selbstmord zu verüben. Derselbe wurde von der Rettungsbereitschaft ins Krankenhaus überführt.

Tagesnachrichten.

In den frühen Morgenstunden bezogen die Vertrauensleute in den Abteilungen und Betrieben ihre Positionen. Um 7 Uhr begann die Menschenjagd durch Umstellung und Durchsuchung ganzer Häuserblocks. Die Perlustrierung ging verhältnismässig rasch vor sich und war um 18 Uhr beendet. Das Resultat ist in Bezug auf die Versteckten überaus kläglich, alles in allem wurden ca 70 aufgefunden. Dennoch wurden etwa 400 Personen in den Revieren konzentriert. Personen, die sich mit dem Passierschein des Zentral-Gefängnisses ausweisen konnten, die also entweder als untauglich entlassen oder über Verfügung des Präses befreit worden waren, wurden unbehelligt gelassen. Hingegen wurden Personen, die sich aus mehrfachen Gründen sicher fühlten, mitgenommen. Zur Deckung der 100 zusätzlichen Arbeiter hat der Präses die Sicherstellung auch von Ressortarbeitern angeordnet u.zw. von Personen, die nicht unmittelbar an der Produktion beteiligt sind. Der Ordnungsdienst hatte namentliche Listen. Der gesamte Stand im Zentral-Gefängnis erhöht sich durch die heutige Aktion auf 1240 Personen.1 Davon werden natürlich noch die Untauglichen durch die ärztliche Kommission ausgeschieden bzw. wird die Kommission noch zu bestimmen haben, wer von den Angehaltenen für den auswärtigen Arbeitseinsatz in Frage kommt.

Das Getto machte am heutigen Sonntag den Eindruck einer vollkommen toten Stadt. Es war, seit das Getto besteht, der erste wirkliche Ruhetag. Die ans Haus gefesselten Menschen werden ihre Zeit sicherlich dazu verwenden, um ihre Behausungen etwas gründlicher in Ordnung zu bringen.2

Approvisation.

Das Getto hat am heutigen Sonntag keinerlei Wareneingänge zu verzeichnen.

Die Suppen

für den heutigen Sonntag haben alle Beschäftigten im Sinne der Kundmachung Nr. 411 noch am gestrigen Tage erhalten. Die Suppe bestand aus 8 dkg Kolonial3 ohne Kartoffeln.

Der Ordnungsdienst hat für seine Leistung besondere Zuteilungen erhalten. Offiziere erhielten: 1 kg Brot, 10 dkg Wurst /fette/, 10 dkg Fett, 10 dkg Marmelade, 25 dkg Zucker. Die Mannschaft erhielt: 50 dkg Brot, 3 dkg Fett, 10 dkg Wurst.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

2 Tuberkulose.

1

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „insgesamt“.

2

Oskar Rosenfeld notiert in seinem Tagebuch, wie er die Nacht und den Tag der Sperre erlebt: „20. Februar 1944, Sonntag. Nacht von Samstag auf Sonntag schwerer Asthmaanfall, hervorgerufen durch Erregung über Ereignisse. Menschen, die zur Arbeit geholt werden, als Sklaven, Verbrecher behandelt, aus Betten geholt, von Familien gerissen. Schon frühmorgens erscheinen zwei Ordnungsdienst männer bei mir. Blicken kaum ins Zimmer, gehen wieder. Nichts zu holen. Gegen Mittag, ich liege im Bett – besucht mich Sonder und erzählt, die Razzia hätte ein mittleres Resultat ergeben. 1 600 sollen außerhalb des Gettos beschäftigt werden; da aber allgemein Mißtrauen, haben Hunderte sich verborgen. Fürchterliche Situation: Nahrungsmittel auch für Familie gesperrt; zum Teil Wohnungen nach Wegschaffung der Möbel versiegelt. Wie zurück. Werden wir die Unglücklichen stellen?
Endlich, Sonntag 20ter, heißt es: mehrere Hundert eingefangen wie die tollen krätzigen Hunde. Und die anderen?
Wie sollen die ins bürgerliche Leben zurück?
Jetzt 5 Uhr Nachmittag. Friere in der Stube, da Heizkunst versagt. Wieder steht eine schwere Nacht bevor.
Resultat der Razzia am Tag der Gehsperre sehr gering. Insgesamt 1 240 ‚Arbeiter‘ in Czarnickiego. Das Bestreben, die Gesamtzahl aufzubringen, kann zu einer Katastrophe für das ganze Getto führen. Was wird der Praeses tun? Wird er aus dem Reservoir der Ressorts und Abteilungen das Material holen? Innerhalb welcher Zeit? Hierbei Wintertage, Steppenwind und Sturmschnee...“ (Rosenfeld 1994, S. 272).

3

Mit „Kolonial“ sind offenbar Zutaten wie Mehl, Grütze, Suppenpulver etc. gemeint. Eine Erläuterung dazu findet sich in der Tageschronik vom 10. März 1944 (Rubrik „Appprovisation“).