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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 21. Mai 1944

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Tageschronik Nr.: 
141

Das Wetter:

Tagesmittel 15-25 Grad, sonnig. In den Abendstunden kurzes Gewitter, mit Regen.

Sterbefälle:

keine

Geburten:

1 m.

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

77.002

Tagesnachrichten.

Anbauflächen:

Heute, Sonntag, sieht man allenthalben die Menschen auf ihren Gärten arbeiten. In der Wirtschaftsabteilung ist es aber noch nicht still geworden, immer noch suchen dort verzweifelte Menschen irgendwo ein Stückchen Boden zu ergattern. Alle Mistgruben wurden zugeschüttet, Wege kassiert, umgepflügt und trotzdem gibt es eine grosse Anzahl von Petenten, die jetzt Ende Mai noch immer nichts zugewiesen erhalten haben, weil ihnen ihr Stückchen vom Vorjahre durch die unüberlegte falsche Agrarpolitik weggenommen wurde. Dabei ist doch die Anbauzeit schon so vorgeschritten, dass die Leute ja höchstens noch ihre Buraczki1 /Rote Rüben/ anpflanzen können.

Es sind Kohlrabipflanzen ins Getto gekommen und werden auf dem Grundstück von A. Jakubowicz ausgegeben. Man erwartet auch Kohlpflanzen. Grosses Interesse besteht für Tomatenpflanzen, die angeblich auch noch aus der Stadt hereinkommen sollen.

Approvisation.

Am heutigen Sonntag kein Wareneinlauf.

Kleiner Getto-Spiegel.

Gold auf der Strasse:

Das Auge ist abgestumpft. In den Jahren des Gettojammers hat es genug, zuviel gesehen. Und immer wieder die gleichen Gestalten: Klepsydras2 beiderlei Geschlechts, auf dünnen Beinen humpelnd, erloschenen Blicks, mit wachsgelben Wangen, wie angekleidete Skelette; Suppenschlürfende Kinder, Männer, Frauen, Kutscher, Vertreter der „Weissen Garde“; Frauen, deren Füsse – weil von Hunger geschwollen – nicht in die einst kokett gewesenen Halbschuhe passen ...

Aber heuer, im Mai 1944, ein neues Bild. Ein Junge, mit einem schmutzigen Sack, einer Schaufel und einer Fussbodenbürste ausgestattet, lungert auf dem Trottoir ... blickt sich nach allen Seiten um ... plötzlich stürzt er auf die Strasse und kehrt rasch etwas zusammen. Die Hand ist flink, schon liegt das Ding auf der Schaufel und in der nächsten Minute wandert es in den schmutzigen Sack.

Die Bearbeitung der Działkas hat begonnen. Und da es weit und breit keinen Dünger gibt, muss man Ausschau halten nach einem ebenbürtigen Ersatz.

Pferdemist ist der begehrteste Artikel. Man kriegt ihn nicht auf der Ration, auch nicht auf den Talon, auch nicht in der Wirtschaftsstelle, welche die Aufgabe hat, für die rationelle Bearbeitung der Działkas Sorge zu tragen. Also – holt man sich den Pferdemist auf der Strasse. Ohne Protektion, ohne Pleizes, nur mit Hilfe der eigenen Tüchtigkeit, des eigenen Wagemuts. Pferdemist ist Gold.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 4 Tuberkulose.

1

„Buraczki“: Diminutiv von poln. buraki ‚rote Rüben‘.

2

Klepsydra: Wasseruhr, älteste Uhrenart. Sie besteht entweder aus einem Gefäß, aus dem Wasser tropfenweise ausfließt und dadurch den Wasserspiegel in einem zweiten, mit einer Stundenskala versehenen Gefäß hebt, oder aus einem Gefäß mit feiner Öffnung, das sich, auf Wasser gesetzt, langsam füllt. – Oskar Singer schreibt in der Getto-Enzyklopädie: „KLEPSYDRA / Meyers Konvers. Lex./ Wasserruhr [sic], früher im Gebrauch, um die Dauer gerichtlicher Reden zu bestimmen/, also etwa wie die Sanduhr Symbol des Lebensablaufes. Im polnischen und jiddischen Sprachgebrauch soviel wie Parte-Zettel /Todesanzeige/. Klepsydra im Getto allgemein gebräuchlich als Bezeichnung für Menschen, die vom Hunger ausgemergelt wie ihr eigener Partezettel aussehen /Lebender Leichnam/. Seine Tage waren gezählt und die Bezeichnung Klepsydra empfahl ihn dem allgemeinen Mitleid. Wurde so ein armer Teufel einem Betriebe zur Anstellung empfohlen, so war er sicher, als Klepsydra abgelehnt zu werden. Da aber die meisten Menschen des Gettos in elendem Zustande waren, kann man sich vorstellen, wie populär der Ausdruck Klepsydra war“ (AŻIH 205/311, Bl. 206). Vgl. dazu Meyers Großes Konversationslexikon 1903-1913ff., Bd. 11 (1905), S. 133. – Auch Ben Edelbaum beschreibt die Menschen, die im Getto als ‚Klepsydra‘ bezeichnet wurden: „These ‚havenots‘ usually carried a tin plate or a quart-size pot and a spoon attached with a piece of wire which were then attached to a belt made of string or wire. The belt was tightly girded around the waist over the outer garments. The person’s face was that of a liv­ing corpse. It was almost triangular in shape with a seemingly large cranial area. The eyes were sunken above the cheekbones and had a glassy look to them. The cheekbones seemed unusually high without the fleshy tissues to fill them out. These people we called Klepsydres for ‚Death Notice‘ or ‚Obituary‘ because one look at their faces told that they were ready for the grave“ (Edelbaum 1980, S. 166). Vgl. auch Bugajer 2000, S. 41.