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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 21. November 1943

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Tageschronik Nr.: 
309

Das Wetter:

Tagesmittel 3-4 Grad, bewölkt, neblig.

Sterbefälle:

14,

Geburten:

3 /2 weiblich, 1 männlich/

Festnahmen:

Verschiedenes 1,

Diebstahl 1

Bevölkerungsstand:

83,382

Tagesnachrichten.

Der Präses hat heute in Marysin 9 Paare getraut. Zum erstenmal seit der Einführung der Trauungszeremonie konnte der Präses den Hochzeitspaaren den von ihm eingeführten Hochzeitstalon nicht mehr geben. Hingegen bewilligte er jedem Paare etwas Fleisch.

Approvisation.

Der Wareneingang am heutigen Tage war sehr gering. Es kamen herein: 95,000 kg Kartoffeln und zirka 49,000 kg verschiedenes Gemüse. Fleisch keines.

Fürsorgewesen.

Heim für Alleinstehende:

Heute fand bei Rechtsanwalt Neftalin die Besprechung für die Schaffung der vom Präses projektierten Heime für alleinstehende Personen statt. Neftalin empfing die Interessenten in zwei Gruppen in seinem Kabinett und legte ihnen das Projekt ausführlich dar. Zunächst sei, so führte er aus, das Heim 4 in Marysin in Aussicht genommen. Die Gemeinde beteiligt sich an dieser Aktion lediglich durch Beistellung von Fachkräften für die Küche, während die Form des Zusammenlebens auf kollektiver Grundlage den Insassen überlassen bleibt. Die Teilnehmer hätten ihre Ration u.zw. Kolonialwaren und Gemüse sowie sonstige Zutaten der Küche abzuliefern, bezw. würden die Rationen gemeinschaftlich eingeholt werden, wodurch den Einzelpersonen das Anstellen um die Rationen erspart blieb: Insassen, die Sonderzuteilungen haben, müssen ebenfalls die Kolonialwaren aus diesen Zuteilungen in den gemeinschaftlichen Topf legen. Wann die Mahlzeiten fertiggestellt bezw. ausgefolgt werden sollen, bleibt einer kollektiven Besprechung überlassen. Die Insassen erhalten von der Gemeinde keine weiteren Zuschüsse, doch ist es selbstverständlich, dass sich aus dem gemeinschaftlichen Leben grössere Vorteile ergeben. Während ein Alleinstehender mit dem zugeteilten Brennmaterial kaum seine Mahlzeiten kochen, geschweige denn die Stube erwärmen kann, wird er bei Zusammenlegung aller Brennmaterial-Rationen eine warme Stube haben. Ausserdem stellt die Gemeinde Betten und Bettzeug zur Verfügung, was den meisten Alleinstehenden fehlt. Auch den Reinigungsdienst hätten die Insassen unter sich turnusweise zu regeln.

Die meisten Anwesenden fassten die Ausführungen von Rechtsanwalt Neftalin sehr schnell auf und meldeten sich sofort als Teilnehmer. Sobald das Heim 4 in Marysin eingerichtet bezw. besetzt sein wird, wird man dazu übergehen, das Heim 6 oder1 in der Gnesenerstrasse zu belegen. Die ganze Aktion wird unter Mitarbeit der Leiterin des aufgelassenen Urlaubsreferates, Frl. Tatarka, durchgeführt.

Sanitätswesen.

Heute keine ansteckenden Krankheiten gemeldet.

Die Ursache der heutigen Todesfälle: 8 Lungentuberkulose, 1 Hirnhauttuberkulose, 1 Herzschwäche, 2 Darmentzündungen, 1 Blutvergiftung, Lippenfurunkel2, 1 Leberatrophie.

1

HK, JFK**: „oder“ jeweils von Hand hinzugefügt. LK**: „oder Heim“; von Hand hinzugefügt.

2

Ein Lippenfurunkel ist eine durch Bakterien (meist Streptokokken) hervorgerufene, akut-eitrige Entzündung eines Haarbalges und seiner Talgdrüse an der Ober- oder Unterlippe. Lebensgefahr besteht, wenn sich die Bakterien über die Blutbahnen verbreiten und z.B. über eine Entzündung des Augenhöhlengewebes (Orbitalphlegmone) auf den Sehnerv oder die Hirnhäute übergreifen. Todesursachen sind meist folgebedingte Sepsis, Hirnhautentzündung (Meningitis) oder Hirnvenengerinsel (Sinusvenenthrombose).