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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Sonntag, den 22. August 1943

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Tageschronik Nr.: 
218

Das Wetter:

Tagesmittel 30-43 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

20

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Diebstahl: 4

Einweisungen:

1 /Mann aus Litzmannstadt /

Bevoelkerungsstand:

84.065

Feueralarm:

Am 20. ds. wurde die Feuerwehr um 19 Uhr 15 nach dem Hause Rembrandtstr. 1 gerufen. Es wurde festgestellt, dass aus einer Kaminschachtoeffnung im Kellerraum Rauchschwaden entstiegen. Das Vermauern der Kaminschachtoeffnung wurde angeordnet.

Am 21. ds. wurde die Feuerwehr um 21 Uhr 55 zu einem Russbrand nach dem Hause Sattlerstrasse 25 alarmiert. Das Feuer wurde erstickt und der Kamin gefegt.

Tagesnachrichten.

Das Getto ist ruhig. Aus der drueckenden Hitze des Zentrums fluechten die Menschen, soweit die Sorgen um die Einholung der kaerglichen Lebensmittel es zulassen, ins Freie nach Marysin.1

Trauungen:

Der Praeses hat heute im Erholungsheim an der Gnesenerstrasse 19 Paare getraut. Unter diesen befindet sich auch Frl. Z. German, eine der leitenden Beamtinnen im Sekretariat Wołkówna. Eine grosse Zahl von Freunden hat sich eingefunden, um der im Getto sehr populaeren Braut Glueck zu wuenschen.

Approvisation.

Fruehere Kartoffelausgabe:

Die Ausgabe der Kartoffelration, die erst am 24. ds. erfolgen sollte, kann schon morgen beginnen, da hinreichend Kartoffel eingelaufen sind. Ausser durch den Baluter-Ring kamen auch ueber Bahnhof Radegast Kartoffel herein.

Waren-Eingang

vom 21. August 1943.

1./ Lebensmittel: 600 kg Schmelzbutter, 114.750 kg Kartoffeln, 7.440 kg Weisskohl, 7.150 kg Rettich, 160 kg Petersilie, 7810 kg Kohlrabi, 17.000 kg Roggenmehl, 14.520 kg Brotmehl, 2000 kg K. Walzmehl, 10.000 kg Steinsalz, 410 kg Rindfleisch Freib., 534 kg Schweinefleisch Freib., 58 kg Kalbfleisch, 1.058 kg Pferdefleisch.

2./ Zusaetzliche Bedarfsgueter: 17.100 kg Gas-Staubkohle, 28 kg Plastelin2, 20.000 Blatt Kohlepapier, 47 Rollen Verdunklungspapier, 1500 St. Saecke, 13 Fl. Sauerstoff, 5848 kg Eisen, 12 Satz Gewindeschneidbucken3, 1160 kg Wiesenheu.

Kartoffel-Eingaenge:

Nach Bericht der Gemuese-Zentrale darf auch weiterhin mit reichlichen Kartoffel-Eingaengen gerechnet werden, sodass fuer die naechsten Zuteilungen keinerlei Gefahr besteht. Seit Freitag, den 20. August, laufen taeglich Kartoffelmengen zwischen 60.000 und 120.000 kg ein. Von diesen Quantitaeten werden rund 30.000 kg taeglich an die Kuechen abgegeben.

Die Gemuesezufuhren sind viel spaerlicher. Sie belaufen sich auf einen taeglichen Durchschnitt von bloss 7000 kg, wobei es sich in der Hauptsache um Kraut und Rettich handelt. Auch die Belieferung mit anderen Lebensmitteln ist vorlaeufig nicht ausreichend. Die Ausschreibung der Zuteilung auf die diversen Talons ist bis heute, den 22. August, also 2 Tage nach der Dekade, noch immer nicht erfolgt. Wie von der Leitung der entsprechenden Verteilungsstellen /Diaet-Laeden/ mitgeteilt wird, ist die Zuteilung der Kartoffelmenge fuer diese Talons quantitativ noch nicht sichergestellt.

Die Gettobevoelkerung erwartet mit Ungeduld die Zuteilung von Zuendhoelzern, die in den letzten 2 Rationen nicht erfolgt ist.

Preise im Schwarzhandel:

Brot 260 Mk, Mehl 150 Mk, Zucker 2.30 Mk das dkg, Erbsen 1.80 Mk, Fleisch 1.35 Mk, Wurst 1.50 Mk, Kaese 3.50 Mk, Marmelade 0.80 Mk, Oel 4.50 Mk.

Ressortnachrichten.

Neue Produktionen:

Die Metall-Abteilung erhaelt andauernd neue Maschinen, die fuer die Produktion der neuaufzunehmenden Erzeugnisse gebraucht werden. Die grosse Halle, die in der Metall-Abteilung I gebaut wird, naehert sich der Vollendung. Der allgemeine Beschaeftigungsstand ist ausgezeichnet.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

7 Bauchtyphus, 2 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

9 Lungentuberkulose, 4 Tuberkulose anderer Organe, 4 Herzkrankheiten, 1 Typhus, 1 Phlegmone, 1 Blutsturz.

1

Oskar Rosenfeld schreibt am selben Tag in seinen privaten Aufzeichnungen: „Fürchterliche Hitze – 45 Grad! Man verschmachtet. Kein Abkühlungsmittel – kein Bad – kein Tee – kein Obst – kein Garten oder Wald – kein Wasser – kein Fluß! Unbeschreibliches Leiden. Menschen wie Zugtiere an Wagen, Fäkalien führend. Zufuhren für Küchen, Kinder Holz tragend etc. Gleichzeitig Hunger…“ (Rosenfeld 1994, S. 219).

2

Die Modelliermasse „Plastilin“ wurde im Getto zur Herstellung von Puppen für „Museumszwecke“ verwendet. Vgl. etwa den Eintrag ‚Museum‘ in der Tageschronik vom 22. Juni 1942.

3

So in HK, LK*, JFK*. Gemeint sind offenbar Gewindeschneidbacken.