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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 23. April 1944

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Tageschronik Nr.: 
113

Das Wetter:

Tagesmittel 6-10 Grad, windig, zeitweise Regen.

Sterbefälle:

-

Geburten:

- /keine Meldungen/

Festnahmen:

Verschiedenes: 1,

Diebstahl: 3

Bevölkerungsstand:

77.465

Brand:

Am 22.4.44 wurde die Feuerwehr nach dem Hause Bertramstr. 22 gerufen, wo starker Funkenflug aus dem Kamin dieses Hauses festgestellt wurde. Dieser Uebelstand wurde durch Fegen der Kamine beseitigt. Die Feuerwehr, die um 17,05 Uhr alarmiert wurde, konnte um 18,05 zurückkehren.

Tagesnachrichten.

Am heutigen Sonntag hat der Präses in Marysin 14 Paare getraut.

Anbauflächen:

Immer noch bedrängt die Menge den Eingang der Wirtschaftsabteilung, wo sich im I. Stock unbeschreibliche Szenen abspielen. Der Parteienempfang beginnt eigentlich erst um 17 Uhr, nichtsdestoweniger aber staut sich schon von 7 Uhr morgens an der Schwarm von Interessenten am Eingang, wo 2 O.D.-Männer ein strenges Regime führen und selbstverständlich alles, was Kappe trägt, hereinlassen, oder alles, was Protektion hat, oder nach Protektion auch nur riecht. Gelingt es nun endlich, in den I. Stock zu kommen, so beginnt der Kampf um Einlass zum Leiter Zajbert. Man muss sagen, dass der Mann Nerven aus Stahl hat. Die Weisungen, die er hauptsächlich von A. Jakubowicz erhalten hat, muss er natürlich widerspruchslos hinnehmen und es ist nicht einzusehen, warum er die völlig irrigen und unpraktischen, ja geradezu das Getto schädigenden Weisungen bekämpfen sollte, wo es doch bequemer ist, stur zu allem Ja und Amen zu sagen. Aber was den Kampf des kleinen Mannes um sein Stückchen Erde betrifft, muss man ihm Verständnis und guten Willen zubilligen. Der Zustand ist natürlich chaotisch. Wiewohl der Präses ausdrücklich angeordnet hat, dass die Hausbewohner unter allen Umständen bei der Vergebung der Hausparzellen zu berücksichtigen sind, wurden, wie wir bereits geschildert haben, zusammenhängende Stücke an den Wohnobjekten entweder an Ressorts oder an Protektionen vergeben. So passiert es also, dass eine Gruppe von 5 Personen, die an der Fischgasse wohnen, mangels anderen Terrains ein kleines Stückchen Feld auf dem ehemaligen Mietengelände in Marysin zugewiesen1 der so beraubten kleinen Gärtner spiegelt sich in dem Betriebe vor der Türe Zajberts. Raufbolde, Frechlinge, Polizianten erzwingen sich den Eintritt und mehr als einmal muss Herr Zajbert, immer umringt von einer Gruppe debattierender, handelnder, aufgeregter Menschen aufspringen, um mit der Faust auf die Menschen loszuschlagen, die sich darum raufen, bei ihm eingelassen zu werden. Ist schon die eine oder die andere kleine Sache erledigt, so kommt der Mann am nächsten Tag wieder und beklagt sich über die Qualität des Bodens oder über eine unrichtige Vermessung. Die Landmesser haben zu Beginn der Aktion etwas lässig gearbeitet, haben grosszügig geschätzt bzw. vermessen und nachher stellt sich heraus, dass an einer Stelle 1000 m disponiert wurden, während nur 800 m vorhanden waren. Es wird mit allen Mitteln gekämpft. Die Kombinatoren des Gettos erfinden alle möglichen Schwindel. Es wird da und dort gepackelt2, gedreht und gelogen, nur um ein paar qum mehr zu gewinnen.

Die Leiter der Ressorts stehen bei diesem Schwindel an der Thete3. Kommt der Landmesser ausmessen, so findet er, dass ein ganzes grosses Stück mit Brettern belegt ist, oder dass sich dort ein Strohschober befindet, dass dieses Terrain also für Anbauflächen nicht in Frage kommt. Ursprünglich aber figurierte auch dieses Terrain in der Kartothek der Wirtschaftsabteilung. Wird der Sturm sich legen, dann werden die Bretter verschwinden, der Strohschober wird plötzlich verarbeitet sein und das so gewonnene Terrain wird später eine prachtvolle Działka des betreffenden Leiters, Unterleiters oder sonst eines Bonzen abgeben. Manch einer ist kouragiert, besitzt ein Stück Erde, das ihm noch nicht zugesprochen wurde, bearbeitet es und erkämpft dann dieses Stückchen mit dem Rechtstitel des tatsächlichen Besitzers. Gelingt es ihm aber nicht, dann gibt es in der Wirtschaftsabteilung regelrechte Raufszenen.

Von den im Getto lebenden 80.000 Menschen haben keine 100 jemals Beziehungen zu landwirtschaftlichem Boden gehabt. Jetzt ist jeder Einzelne mit irgendeinem Stückchen Erde verwachsen, klebt an der Gettoscholle, hat es gelernt, die Erde zu segnen, auch wenn sie oft nur karge Ernte gibt. Der Jude im Getto ist Kleinbauer geworden, der Hunger hat ihn umgeschichtet und manch einer, der das Getto überleben wird, wird wohl nie wieder ein Stück Erde, Garten oder Feld missen wollen, das er im Schweisse seines Angesichts mit der Liebe des Bauern bearbeiten wird. Der Hunger hat im Getto gezaubert, aus Händlern hat er Tischler, Schneider, Schlosser und Bauarbeiter gemacht. Aus kleinen Beamten geschulte Kleingärtner, die mit geübter Hand der Erde Schätze entreissen, die er früher nur irgendwo auf einem Gemüsemarkt gesehen hat, ohne zu ahnen, wie es wächst.

Approvisation.

Am heutigen Sonntag keine Wareneingänge.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Meldungen.

2

packeln ‚Abmachungen treffen, kungeln, taktieren‘; zu Pack ‚Gruppe von Menschen, die abgelehnt wird‘; österr.

3

an der Thete ‚an der Spitze‘; zu Tete in der Bedeutung ‚Anfang, Spitze einer militärischen Kolonne‘, zu frz. tête ‚Kopf‘; älteres Nhd.