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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 23. Januar 1944

Tageschronik Nr.: 
23
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Das Wetter:

Tagesmittel 5-6 Grad, warm, nass.

Sterbefälle:

Geburten:

– /keine Meldungen/

Festnahmen:

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

82.970

Tagesnachrichten.

Der Präses hat heute, obwohl noch nicht ganz auf dem Posten, in seiner Privatwohnung 5 Trauungen vorgenommen.

Der Fall Gustav Garfinkel:

Das Tagesgespräch ist jetzt der heute beginnende Prozess gegen Gustav Garfinkel. Dem Beschuldigten werden verschiedene Malversationen mit Suppenlegitimationen zur Last gelegt, ferner, dass er Unterstützungsgelder, die er vom Sekretariat Wołkowna für die Arbeiter seines Betriebes in Empfang genommen hat, unterschlagen habe. Weiters beschuldigt ihn die Anklageschrift der Veruntreuung von 10 kg Naftalin2, und dass er ca 2.000 kg Sägespäne auf Bedarfsmeldung für das Ressort übernommen hat und für sich verwendet habe. Ferner, dass er sich 1 Paar Schuhe von einem Schuster unentgeltlich habe machen lassen, wofür er dessen Frau, die im Teppich-Ressort beschäftigt war, in die Bäckerei delegiert habe. Schliesslich wirft ihm die Anklageschrift vor, dass er Bekleidungstalons für seine Arbeiter verschlampt habe bzw. verfallen liess.

Wie wir bereits angedeutet haben, wollte der Präses diesen Fall in einem Monstre-Prozess behandeln lassen, wovon man jedoch abgekommen ist. Wir werden den Fall unter der Rubrik Justizwesen, nach Abschluss der Verhandlung, die voraussichtlich 3 Tage dauern wird, berichten.

Die verschollene Mandelik Anna ist bis heute noch nicht aufgefunden.

Approvisation.

Die Lage ist unverändert schlecht. Am gestrigen Tage kamen ausser 72.000 kg Roggenmehl und 1.773 kg Fleisch keine Lebensmittel herein. Am heutigen Tage sind überhaupt keine Wareneingänge.

Einige wenige Protektionskinder können sich etwas Kartoffelschalen beschaffen und das ist schon das hohe Glück des Tages.

Ressortnachrichten.

Lob für die Holzbetriebe I und II:

Bei der Leitung dieser beiden Holzbetriebe fand der Chronist ein Anerkennungsschreiben vor, das die FUKA an diesen Betrieb gerichtet hat. Das Schreiben hat folgenden Wortlaut:

Zentralbüro des Arbeits-Ressorts
FACH- und KONTROLL-REFERAT
Litzmannstadt-G., den 21.12.43.
Matrosengasse 1
Telefon Nr. 97

MR/Mo.

Tgb.Nr. 107993

An die Holzbetriebe I und II, Zimmerstrasse 12.

Bei den letztens in ihren Betrieben durchgeführten Kontrollen und Lustrationen4 konnten wir feststellen, dass die Reorganisation ihres Ressorts höchst zufriedenstellende Resultate ergeben hat und die Ordnung daselbst als mustergültig bezeichnet werden kann.

Wir nehmen die Gelegenheit wahr, um Ihnen diese Worte der Anerkennung auszusprechen und geben gleichzeitig der Hoffnung Ausdruck, dass die Bemühungen Ihrer Leitung auch weiterhin zu guten Ergebnissen führen werden.

Wir führen dieses Schreiben hier an, weil es sehr selten vorgekommen ist, dass die FUKA einem Betrieb Komplimente gemacht hatte.

Auch wir haben in der Chronik wiederholt über diese Betriebe berichtet und ihnen die Anerkennung nicht versagen können.

Man hört, man spricht ...

... dass die Einkaufsstelle in der Bank am Bleicherweg wohl aufgelassen wird, dass jedoch der Juwelier-Betrieb nicht in die Glimmerspalterei übersiedelt, sondern an Ort und Stelle bleiben wird.

... dass in den nächsten Tagen eine Ration von 3 kg Kartoffeln, 2 kg Möhren und 1/2 kg Rettich ausgegeben werden soll. Was die Kartoffeln betrifft, so entstand das Gerücht dadurch, dass angeblich die Kartoffeln in den Mieten faulen und dass daher die Mieten rasch geöffnet werden müssen. Diese Nachricht trifft nicht zu. Was hingegen Möhren und Rettich betrifft, so dürfte eine kleine Ration6 in der nächsten Zeit ausgegeben werden.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Krankheiten.

1

HK, LK**, JFK*: „den“ fehlt in der Kopfzeile.

2

Naphtalin (Steinkohlenkampfer) ist der Hauptbestandteil von Steinkohlenteer. Es fand breite Anwendung gegen Krätze und Hautkrankheiten sowie innerlich bei Erkrankungen der Atmungsorgane und gegen Spulwürmer. Des Weiteren dient Naphtalin als Ausgangsmaterial für diverse Farbstoffe und organische Verbindungen sowie als Mottenpulver.

3

HK, LK**, JFK*; Der Vorspann des Schreibens bis zur angezeigten Stelle wurde zunächst von Hand gestrichen, ein gleichlautender Neuansatz auf der nächsten Seite.

4

Lustrationen ‚Musterung‘; eigentl. ‚feierliche kultische Reinigung durch Sühneopfer‘, vgl. poln. lustracja ‚ ‚Prüfung, Musterung, Durchsicht, Revision‘, aus lat. lūstrātio ‚Reinigung durch Opfer, Sühne‘.

5

Das zitierte Anerkennungsschreiben hat sich in den Akten des YIVO-Instituts in New York erhalten (YIVO, RG 241/1007).

6

HK, LK**, JFK*: Ursprünglich „dürften kleine Rationen“; „dürften“ und „Rationen“ korrigiert; „eine“ am Rand.