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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 23. Juli 1944

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Tageschronik Nr.: 
204

Das Wetter:

Tagesmittel 23-38 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefälle:

keine

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

69,376

Tagesnachrichten.

Der Tag verlief ruhig. Die Bevölkerung zieht, so gut sie kann, ins Freie nach Marysin, wo sich die Dignitare auch heuer ihre Sommerresidenzen geschaffen haben.

Die Stimmung im Getto ist rosig. Alles ist voller Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges. Aber alles verhält sich ruhig und so wird es hoffentlich auch bleiben.1

Approvisation.

Wir bringen heute nachträglich die Lebensmitteleingänge vom 20. ds.Mts. bis heute u.zw.:

  20.7.44   21.7.44   22.7.44   23.7.44
175,795 kg Weisskohl, 5920 kg Kartoff., 20330 kg Kohlrabi, 4070 kg Kart.,
7,995 kg Kohlrabi, 14740 kg Kohlrabi, 2010 kg Kart., 570 kg Salat,
2,000 kg Rettich, 33630 kg Möhren, 52330 kg Möhren, 20387 kg Möhren,
60 kg Petersilie, 106260 kg Weisskohl, 240 kg Rettich, 130 kg Rettich,
9,070 kg Kartoffeln, 2253 kg Fleisch. 650 kg Rote Beete, 14243 kg Kohlr.,
4,064 kg Fleisch.     108360 kg Weisskohl, 7450 kg Wirsing,
        137466 kg Weisskohl 115760 kg Weissk.,
        2000 kg Fleisch. 3506 kg Fleisch.

Neue Krautration:

Ab heute werden wieder

  • 5 kg Kraut pro Kopf herausgegeben.

Kleiner Getto-Spiegel.

„Kraut, Kraut!“

„Seit Wochen kein Gemüse hereingekommen, von Kartoffeln gar nicht zu reden!“ So geht es durch das ganze Getto. Kaum einer kann sich solch einer Betrachtung entziehen ... bis man plötzlich zu flüstern beginnt: „Kraut wird hereinkommen, Weisskohl heisst es offiziell, in Mengen. Wir werden zu essen bekommen. Man wird wieder etwas haben, in den Topf hereinzulegen, den Magen zu füllen ...“

Und richtig. Kraut kam herein. Vom Baluter-Ring rollten Wagen und Lastautos mit Kraut durch die Gassen: auf die Gemüseplätze und von da in die Kooperative. Kraut kam von der Stadt ohne Unterlass. Die hellgrünen Köpfe leuchteten in der Sommersonne. Wann immer man durchs Getto ging, sah man die Wagen durch die Strassen fahren, vorn der Kutscher mit ausdruckslosem Gesicht, hinten dem O.D.-Mann als verantwortungsbedrücktem Wächter.

„Noch immer kommt Kraut ...“

„Ich zähle schon den zehnten Wagen ...“

„Mindestens 200.000 kg sind schon da ...“

„Eine schöne Ration!“

„Vorläufig für die Küchen. Die nächsten Wochen wird es in den Küchen Krautsuppen geben ...“

„Gottseidank eine Abwechslung.“

Die Krautsuppe kam. Sie kam täglich. Es gab Menschen, die täglich drei Krautsuppen verzehrten. Krautsuppe wurde das Hauptnahrungsmittel für 60.000 Menschen. Ausserdem kamen Krautrationen: 1 kg Kraut, 5 Kilo, 5 Kilo ... Kraut, Kraut, Kraut! Auch zuhause fabrizierte man Krautsuppe. Das Getto wühlte in Kraut. Das Getto roch nach Kraut.

Allmählich wurde man des Krauts überdrüssig. Der Preis der Suppe fiel von 25 Mk auf 5 Mk. Die Menschen sehnten sich nach der Kolonialsuppe, der sogenannten Klej2-Suppe, die aus Mehl und Grütze zubereitet war. Eine unstillbare Sehnsucht! Noch immer rollte Kraut ins Getto. Die Wasserbäuche wurden grösser. Der Magen revoltierte. Dem Darm ging es nicht besser. Durchfall trat ein. Ueblichkeiten3 waren eine allgemeine Erscheinung. Jeder zweite Gettobewohner litt irgendwie an den Folgen des allzu intensiven Krautgenusses. Bei Tag trank man die Krautsuppen, bei Nacht gab man sie stossweise ab. Mit der Nachtruhe stand es also nicht am besten.

Schon heisst es, dass endlich Kartoffeln kommen werden, grössere Mengen von Kartoffeln, hinreichend genug, um die Küchen zu versorgen, als plötzlich wieder – Kraut ins Getto rollt. Man ist natürlich des Krauts schon überdrüssig, sogar die „kleinen Leute“ beginnen ihre Krautrationen zu verkaufen, als ganz überraschend im Getto eine Stimmung entsteht, die man nicht in Worte fassen kann, weil die Ursache dieser Stimmung auf keine greifbare Tatsache zurückgeht. Aber wie dem auch sein mag – die letzte Juliwoche des Jahres 1944 beweist, dass psychische Momente jedes physische Uebel überwinden können. Die letzte Juliwoche des Gettojahres 1944 stand im Zeichen der Hoffnung, dass der Ewige, gelobt Sein Name, das Getto von der Krautsuppe befreien wird, mehero bejomenu ...4

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: keine.

1

Der Tagebucheintrag eines unbekannten jungen Mannes bestätigt die hoffnungsvolle Stimmung an diesem Tag: „Es dringen fröhliche und trostvolle Gerüchte ins Getto ein, solche nämlich: daß der General Keitel, Chef des Generalstabs, von seinem Amt zurückgetreten ist, daß sich die Russen Warschau nähern, daß sich der Aufstand in Deutschland dermaßen verstärkt hat, daß die Gestapo in vielen Städten nicht mehr in der Lage ist, der Situation Herr zu werden. Wahrscheinlich umfaßt der Aufstand breite Kreise in der Armee. Es gibt auch sonst Nachrichten verschiedener Art, an die man kaum glauben kann, doch eins ist klar: der Krieg nähert sich seinem Ende – ob dieses Ende [auch] das Ende unserer schrecklichen und sonderbaren Nöte sein wird? Ob wir überleben? Wer weiß!“ (Loewy/Bodek 1997, S. 84). Auch Jakub Hiller berichtet in seinem Tagebuch über eine bessere Stimmung im Getto aufgrund positiver Nachrichten über den Kriegsverlauf (AŻIH, 302/10, Bl. 65f.). Sophie Machtinger schreibt in ihren Erinnerungen: „We learned from clandestine radio listening, which we did at mortal peril, that the Russians were approaching in the direction of Warsaw and that the Germans had been pushed to retreat, beginning at Stalingrad. The panic level among them grew, and we Jews thought that the great moment was at hand, that our salvation was imminent. We had longed for this moment for five years, but at the same time we feared that Hitler would do away with us at the last minute“ (USHMM, RG-02.012*01, Bl. 37).

2

Klej-Suppe, zu jidd. klej ‚Leim‘.

3

Ueblichkeiten, hier im Sinne von „Übelkeiten“.

4

Zum Ausdruck „mehero bejomenu“ vgl. den Eintrag „Abschied im Spital“ in der Tageschronik vom 12. Mai 1944 sowie die dortige Anmerkung 26.