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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 25. Juni 1944

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Tageschronik Nr.: 
176

Das Wetter:

Tagesmittel 18-29 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

keine Meldungen

Geburten:

1 w.

Festnahmen:

Diebstahl: 1,

Verschiedenes: 3

Bevölkerungsstand:

76,362

Brand:

Am 24.6.1944 wurde die Feuerwehr um 17,07 Uhr nach der Hohensteinerstr. 28, alarmiert, wo ein Wasserpumpenmotor in Brand geriet. Der brennende Motor wurde mit Hilfe eines trockenen Handfeuerlöschapparates gelöscht.

Tagesnachrichten.

Der Präses ist wieder zu Hause und dürfte morgen oder übermorgen wieder im Amt erscheinen. Diese Tatsache wird allseits mit Freude begrüsst, weil man doch fühlt, dass die sichere Hand des Präses in den entscheidenden Stunden, wie das Getto sie jetzt erlebt, überall fehlt.

Nach dem Abtransport der 561 Menschen verblieben im Zentralgefängnis ca 400 Personen. Die Kommission ist jedoch nicht besonders beunruhigt und glaubt, die nächsten Transporte unter allen Umständen glatt sicherstellen zu können. Es heisst, dass insgesamt 25 Transporte zu je ca 800 Menschen abgehen sollen. Aber diese Zahlen schwirren nur so durch die Luft. Von offizieller Seite erfährt man nichts über genaue Transportzahlen bzw. Kontingente. Möglicherweise wird durch unverbindliche Aussprachen zwischen Kliger und Gestapo jeweils eine Abmachung über die Anzahl der auszusendenden Personen getroffen werden. Es werden jeweils soviel Menschen beigestellt werden müssen, als von der Gestapo angefordert werden. Man hofft jedoch, dass die Zahl von 25 Transporten nicht überschritten werden wird und dass höchstens 7-800 Personen pro Transport gehen werden.

Aerzte für die Transporte:

Die Gesundheitsabteilung / Dr. Miller/ hat bereits eine Liste der Aerzte vorbereitet, die mit den einzelnen Transporten herausgehen sollen. Mit dem 1. Transport ging Dr. Robert Blum /Köln/ als Arzt mit.

Bei der Zentraleinkaufstelle

herrscht lebhaftes Treiben. Die Leute, die zur Ausreise bestimmt sind, bringen ihre Habseligkeiten und bieten sie der Zentraleinkaufstelle an. Es sind echte Gettohabseligkeiten, Federbetten, Möbelstücke und armseliges Küchengerät. Auf dem Hofe, Kirchplatz 4, wo sich die Zentraleinkaufstelle befindet, türmen sich allmählich Berge von Federbetten. Es ist ein erschütterndes Bild, das uns an die schlimmen Tage der Sperre erinnert und an die Einsiedlung aus den Provinzstädten, denen dann der grosse Import von Federbetten folgte. Wir erinnern uns, dass waggonweise Federbetten in die Kirche am Kirchplatz und in die „Schul“1 an der Żórawiagasse von ausserhalb Getto gekommen sind, Federbetten, die dann hier sortiert und für deutsche Rechnung wieder exportiert wurden. Ein Bild des Elends und des Jammers, das zu beschreiben hier nicht möglich ist. Die Menschen werden am Hof rasch abgefertigt, erhalten ihre Anweisungen und im Büro der Zentraleinkaufstelle werden ihnen Checks auf Reichsmark ausgefolgt. Diese Checks werden erst im Zentralgefängnis eingelöst. Die Verwaltung der zur Verfügung stehenden Reichsmarkbestände besorgt treuhänderisch bei der Zentraleinkaufstelle Rechtsanwalt Neftalin.

Approvisation.

Am heutigen Sonntag kamen insgesamt 7,200 kg Mairettich und 5,185 kg Salat herein. Ausserdem kamen noch 1575 kg Rossfleisch. Sonst nichts.

Kleiner Getto-Spiegel.

Es wird ernst.

Die Wirklichkeit hat den Strom der Gerüchte völlig eingedämmt. Die Transporte von Personen zur Arbeit ausserhalb des Gettos gehen. Einer wurde bereits abgefertigt, der zweite wird morgen das Getto verlassen. Heute schreiben wir Sonntag, den 25. Juni. Ein Sonntag mit Sonne und Wolkentreiben, mit Windstille und Sturm und Regentropfen. Die Gassen, die zum Zentralgefängnis führen, sind belebter als sonst. Menschen verschiedener Altersklassen und beiderlei Geschlechts, Grauhaarige und Kinder, schleppen Koffer und Rucksäcke und enggepresste Bündeln2 auf den Schultern. An den Koffern ist oft ein deutscher Name und eine deutsche Stadt zu lesen. Sie gehören Juden, welche im Herbst 1941 in Litzmannstadt-Getto eingesiedelt wurden und jetzt den Ausreisebefehl erhalten haben. Auch ist viel buntes Gepäck zu sehen: gestreifte Pölster und grellfarbige Decken – das Bettzeug für die künftigen Schlafstätten.

Die Menschen gehen ihren Weg. Vorüber an ihnen Menschen mit Blumen in den Händen, mit Heckenblüten und Pfingstrosen, mit Jasmin und anderen Juniblüten. Man plauscht, schlendert. Die Działki sind voll von arbeitenden Gettogeschöpfen. Vor den Läden drängt sich die Menge. Alles wie sonst.

Und doch ein Schleier der Wehmut über dem ganzen Getto. 25 Transporte sind angekündigt. Alle wissen, dass es um eine ernste Sache geht, dass die Existenz des Gettos in Gefahr ist. Niemand kann die Berechtigung solch einer Befürchtung bestreiten. Diejenigen, welche mit allerlei Argumenten beweisen wollen, dass sogar „diese Aussiedlung“ den Kern des Gettos nicht anrühren wird, finden kein Gehör. Denn fast alle Gettobewohner sind betroffen. Jeder verliert einen Verwandten, einen Freund, einen Stubengenossen, einen Arbeitskollegen.

Und doch – der jüdische Glaube an eine Gerechtigkeit, die irgendwann siegen wird, lässt den äussersten Pessimismus nicht zu. Man versucht, sich selbst zu trösten, sich irgendwie selbst zu täuschen. Aber fast alle sagen sich und sprechen es aus:

„Gott allein weiss, für wen es besser sein wird: für den, der hier bleibt oder für den, der weggeht!“

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen3

1

„Schul“ ist der jiddische Ausdruck für die Synagoge. Vgl. die Anmerkung 95 zum Eintrag „Chanukkah im Getto 1943“ in der Tageschronik vom 25. Dezember 1943.

2

So in HK, LK*, JFK*.

3

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „Die“.