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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 26. Dezember 1943

Tageschronik Nr.: 
344
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Das Wetter:

Tagesmittel 1-2 Grad, windig.

Sterbefälle:

10

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

83.155

Tagesnachrichten.

Auch am heutigen Tage herrscht am Baluter-Ring vollkommene Ruhe und es sind keinerlei Warenbewegungen zu vermelden.

Approvisation.

Mit Rücksicht auf den zweiten Weihnachtsfeiertag vollkommene Verkehrsstille, also keine Einfuhr von Lebensmittel ins Getto.

Gemüsesalat-Zuteilung:

Ab Sonntag, den 26.12.1943, wird auf Coupon Nr. 86 der Nahrungsmittelkarte

  • 250 g Gemüsesalat für den Betrag von Mk 0.50 herausgegeben.

Sonderzuteilung für den Ordnungsdienst:

Die Ordnungsdienst-Männer, die an den Drähten und den Durchgangstoren Dienst machen, erhalten vom 27. ds.Mts. an eine Sonder-Zuteilung von 15 dkg Brot und 3 dkg Wurst.

Ressortnachrichten.

Die II. Abteilung der Tischlerei /Holzbetrieb II/ Reiterstrasse, steht noch immer still.

Kleiner Getto-Spiegel.

Ein Teller Suppe:

Wenn im Getto irgendetwas nicht funktioniert, dann bedarf es langer Zeit und vieler Mühe, um den Gegenstand wieder in Ordnung zu bringen. „Es ist zuschanden geworden“, heisst es hier im Volksmund. Man macht sich nicht viel Sorge darob. Der „Rebojne schel ojlom“1 wird schon helfen ...

Die Wasserleitung versagt. Die Wassernot vergrössert die Uebel, die auf die Tatsache „Getto“ geknüpft sind. Man hilft sich, geht zum Brunnen.

Da aber alle Hausbewohner zur gleichen Stunde Wasser benötigen und die lieben Nachbarn ebenso, entsteht also gleich eine Kolejka2. –

Inzwischen werden Fachleute geholt, die das Wasserpumpwerk in Ordnung bringen sollen, wenn die Kunst des Hauswarts versagt hat.

Zwei junge kräftige Burschen kommen. Prüfen, studieren, gehen an die Sache heran. Bald hört man das Schnauben des Motors, das Geräusch also, das das Herannahen des Wassers ankündigt. Falsche Hoffnung! Ein paar Tropfen in der Wasserleitung – der Traum zu Ende. Die Burschen sind abgezogen.

Dieses Spiel wiederholt sich einige Tage hindurch. Ist die Reparatur gar so schwierig oder hat die Verzögerung andere Ursachen?

Man erfährt, dass die nachbarliche Ressortküche an die Wasserleitung angeschlossen ist. Das wissen natürlich auch unsere „Hydrauliker“. Und da sie, so oft sie zur Reparatur erscheinen, eine gute „gedachte“ Gratis-Suppe serviert bekommen, haben sie keine Eile. Jeden Tag ein Stückchen Reparatur, jeden Tag eine Schüssel Suppe ...

Das ist Getto. Für eine Suppe wird gearbeitet, für eine Suppe wird gestreikt.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

4 Lungentuberkulose, 1 Bauchfelltuberkulose, 1 Lungenentzündung, 3 Herzkrankheiten, 1 Gallenblasenentzündung.

1

Rebojne schel ojlom (jidd. ‚Herr der Welt, der Allmächtige‘) ist ein feststehender Ausdruck für Gott.

2

Kolejka ist das polnische Wort für ‚Schlange‘, das Eingang in die Gettosprache fand.