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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 27. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
58

Das Wetter:

Tagesmittel 1-4 Grad Wärme, sonnig.

Sterbefälle:

keine Meldungen

Geburten:

3 /2 männl., 1 weibl./

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

79.657 /79.669 lt. Karten-Abtlg./

Tagesnachrichten.

1600 Arbeiter:

Unveränderte Lage, noch immer kein Ausreise-Termin. Die Zahl von 1600 ist noch immer nicht komplett.1

Kommission im Getto:

Eine Kommission besuchte am heutigen Ruhetag unter Leitung des Amtsleiters Biebow einige Ressorts.

Approvisation.

Keine Aenderung der Hungerlage.

Schwarzhandelspreise:

Brot 1050-1100 Mk, Mehl 7 Mk das dkg, Flocken 7.50 Mk das dkg, Grütze 7.50 Mk das dkg, Zucker 10 Mk das dkg, Butter 20 Mk das dkg, Oel 18 Mk das dkg, Kartoffeln 200 Mk das kg, Kohlrüben 70 Mk das kg, Sauerkraut 140 Mk das kg, Knoblauch 12 Mk das dkg, Zwiebel 6.50 das dkg, 1 Iris2 5 Mk, Saccharin 1 Stück 1 Mk, 1 Ressortsuppe 42 Mk.

Kleiner Getto-Spiegel.

Postpakete:

Seit einigen Wochen gibt es ein Dutzend „Glückliche“ im Getto. Nicht in dem Sinne, dass sie etwa aller Uebel des Gettolebens enthoben sind oder sich zur Erkenntnis alles Vergänglichen durchgerungen haben. Nein. Ihr Glück ist von einfacherer Art: sie haben Lebensmittelpakete von draussen bekommen, von irgendwo aus der Welt.3 Man kann diese Tatsache ohne Uebertreibung als Wunder bezeichnen. Denn seit dem Dezember 1941, also seit mehr als zwei Jahren, gibt es keinen Briefwechsel mehr zwischen Getto und Aussenwelt. Nur wenn jemand von den Eingesiedelten aus dem Westen ein paar Mark bekommt, kann er sie auf einem vorgedruckten Formular bestätigen. Das ist alles. Das ist die Bindung mit Mensch und Ding ausserhalb des Gettos. Und nun plötzlich – „Liebesgabenpakete“. Nicht anders kann man diese Sendungen nennen. Sie kommen, so erzählt man, aus Wien und Prag, aus Holland, Rumänien, ja aus Portugal. Die Deutsche Reichspost bringt sie der Judenpost, diese gibt es4 an das VI. Polizeirevier weiter und diese wiederum führt sie der Sonderabteilung des jüdischen Ordnungsdienstes zu. Der Ordnungsdienst verständigt die Partei, welche sich im Büro des Ordnungsdienstes einfindet und das ihr zukommende Paket ausgefolgt erhält. Der Inhalt? Selbstverständlich etwas Essbares. Zumeist Brot, ferner Oel, Marmelade, Zucker und ähnliche rare und begehrenswerte Dinge. – Wer ist der Absender?, fragt sich der glückliche Empfänger. Aber auf diese Frage gibt es keine Antwort. Der Name des Absenders wird jedem Paketempfänger vorenthalten. Er kann raten, sinnen, erraten. Schliesslich begnügt er sich mit der Tatsache, dass draussen jemand seiner gedenkt. An manchen Tagen kommen zehn bis zwanzig solcher Pakete ins Getto. Und jeder, der zur Entgegennahme in die Sonderabteilung vorgeladen wurde und das Paket – meistens zwei kg schwer – übernommen hat, erzählt das Märchen seiner Sendung, er träumt vom Einst und ist von der Hoffnung besessen, bald wieder ein „Glücklicher“ zu werden.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 8 Tuberkulose.5

1

Oskar Rosenfeld beschreibt am selben Tag die Situation im Zentralgefängnis: „27.II. Mittagssonne, Schneeschaube – und in Czarnickiego ungefähr 1 500 Menschen, die auf ihre Reise ins Unbekannte warten! 24 in einem Zimmer voller Läuse, Wanzen, Flöhe! Ein Martyrium schon vor der Fahrt ins ‚Reich‘“ (Rosenfeld 1994, S. 275).

2

Iris ist eine Pflanze aus der Gattung der Schwertliliengewächse. Das als „Veilchenwurz(el)“ bekannte ätherische Öl des Wurzelstocks diente bereits seit der Antike u.a. als Zusatzstoff von Parfüm und Mundwasser, zur Aromatisierung von Weinen und Tabak. Volksmedizinisch wurde die Wurzel u.a. als Brech- u. Abführmittel sowie gegen Erkältungen verabreicht und zahnenden Kleinkindern zum Beißen gegeben.

3

Zu den Lebensmittelpaketen, die im Getto aus Prag und Wien eintrafen, vgl. auch den Eintrag „Pakete“ in der Tageschronik vom 25. Mai 1944 sowie die entsprechende Anmerkung.

4

So in HK, LK*, JFK*.

5

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „Die Tode“.