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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 28. Mai 1944

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Tageschronik Nr.: 
148

Das Wetter:

Tagesmittel 14-30 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

keine

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 1,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

76.876

Tagesnachrichten.

Zur Arbeit ausserhalb des Gettos:

Stündlich treffen im Zentral-Gefängnis Freiwillige ein, die auf Arbeit ausserhalb des Gettos ausreisen wollen. Alles in allem sind jetzt /nach Abgang der ersten 30 Mann/ etwa weitere 30 Personen zur Verfügung. Die sich im Zentral-Gefängnis aufhaltenden Kandidaten für die Ausreise erhalten dort eine bessere Verpflegung u.zw. 60 dkg Brot und 3 Suppen täglich. Man rechnet ehestens mit ihrer Ausreise und nach unbestimmten Nachrichten sollen diese Leute auf das Landgut des Amtsleiters in der Nähe von Litzmannstadt zur landwirtschaftlichen Arbeit eingesetzt werden.

Approvisation.

Am heutigen Sonntag sind keine Wareneingänge zu verzeichnen.

Quarkzuteilung:

Ab Sonntag, den 28. Mai 1944, werden auf Coupon Nr. 44 der Nahrungsmittelkarte

125 Gramm Quark pro Kopf für den Betrag von Mk 0.50 herausgegeben.

Sonderabteilung eigene Küche?

Der Leiter der Sonderabteilung trägt sich mit der Absicht, für die Mannschaft der Sonderabteilung eine eigene Küche einzurichten. Dadurch würde der Sonder- Ordnungsdienst in seinem Lebensnerv getroffen werden. Es ist ein offenes Geheimnis im Getto, dass der „Sonderowiec“1, wo immer er erscheint, Protektion hat. Er selbst ist ja zur Bewachung der Küchen, Bäckereien u.s.w. eingesetzt und es ist selbstverständlich bzw. ein ungeschriebenes Gesetz des Gettos, dass er in jeder Küche auch eine Protektionssuppe erhält. Dieser merkwürdige Zustand ist natürlich dem Leiter Kliger nicht unbekannt. Aus diesem Grunde möchte er zweifellos die Sonder von diesem Odium2 befreien, wobei er allerdings den Leuten selbst keinen Gefallen erweist, denn es ist sicher, dass die Suppe in einer eigenen Küche der Sonder nicht reichlicher sein wird als in allen anderen Küchen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 12 Tuberkulose.

1

„Sonderowiec“: Angehöriger der „Sonderabteilung“, zu dt. sonder-.

2

Odium ‚Anrüchigkeit, übler Beigeschmack‘; aus lat. odium ‚Hass, Feindschaft‘; bildungsspr.