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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Sonntag, den 28. November 1943

Tageschronik Nr.: 
316
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Das Wetter:

Tagesmittel 5-7 Grad, trocken, sonnig.

Sterbefaelle:

14

Geburten:

-

Festnahmen:

Verschiedenes: 4

Bevoelkerungsstand:

83.342

Brand:

Am 27.11. wurde die Feuerwehr um 14 Uhr 05 nach dem Hause Holzstr. 16 alarmiert, wo durch einen Kurzschluss die elektrische Leitung in Brand geraten war. Das Feuer wurde mit einem Trockenloeschapparat geloescht.

Tagesnachrichten.

Der Praeses hat heute in Marysin 10 Hochzeitspaare getraut.

Der Praeses ist hauptsaechlich mit der neuen Umschichtungsaktion beschaeftigt, die den Zweck hat, jüngeres Menschenmaterial aus den Büros sowohl der Abteilungen als auch der Betriebe in die Produktion zu überführen.

Approvisation.

Die Kartoffelzufuhr lässt noch immer sehr zu wünschen übrig. Kaum der knappe Küchenbedarf rollt ein. So kamen an: am 26. zirka 50,000 kg, am 27. zirka 21,000 kg und heute nur etwa 5000 kg. Diese Tatsache macht dem Approvisationskollegium schwere Sorge, da unter diesen Umständen eine Ration von Kartoffeln nicht gesichert ist. Die verbesserte Einfuhr an Grobgemuese wie Kohlrüben und Rettich kann den Ausfall an Kartoffeln keineswegs ersetzen. An den obengenannten drei Tagen kamen insgesamt 543,000 kg Gemüse herein. Die Fleischzufuhr ist nach wie vor befriedigend und lässt laufend Rationen erwarten.

Suppenpreise:

Seit dem neuen Approvisationsregime ist der Suppenpreis heute auf 17 Mark gestiegen. Es ist dies der höchste Preis seit dieser Zeit und man befürchtet, dass er noch weiter steigen wird, wenn die Kartoffelzufuhr so knapp bleibt.

Ressortnachrichten.

Allgemeiner Stand:

Der Beschäftigungsstand der Betriebe ist unbefriedigend. Hauptsächlich ist der Bestand an Militäraufträgen rapid gesunken und es besteht wenig Hoffnung, grosse Aufträge hereinzuholen. Lediglich die Tischlereien mit den bereits erwähnten Munitionskisten-Produktionen sowie der Strickereibetrieb Lublinski haben laufend für die Wehrmacht zu tun. Der letztere Betrieb liefert nach wie vor Ohrenschützer und Golfjacken1 aus Gettorohstoffen, von welchen noch Vorrat für mehrere Monate vorhanden ist.

Freund nicht Leiter von Metall II:

Der Praeses hat die Bestellung des bisherigen Leiters des 3. Teppichressorts, Bernhard Freund, zum administrativen Leiter der Abteilung Metall II. zurückgezogen und hat den Genannten zum Leiter des neuen Betriebes an der Holzstrasse 73 bestellt.

Nicht Epauletten sondern Posamenten:

Wir haben berichtet,2 dass an der Holzstr. 73 im Kaschub-Komplex3 ein neuer Betrieb zur Erzeugung von Epauletten errichtet wurde. Diese Nachricht wird hiermit dahin richtiggestellt, dass es sich nicht um eine solche Erzeugung handelt, sondern vielmehr um die Fabrikation von Posamentenwaren für das Militär /Litzen, Abzeichen und Stickfäden für Distinktionen/.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Strafverhandlung vom 28.11.1943, Flatto, Nussbrecher.

Kausen: 4
Delikte:
  • Felddiebstahl: 2
  • Betrug: 1
  • Ehrenbeleidigung: 1
Angeklagte: 7
Urteil: 1
Vertagt: 3

2 Angeklagte wurden wegen unrechtmaessigen Behebens eines Brotes zu 1 Monat Gefaengnis verurteilt. Die uebrigen Sachen wurden vertagt.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Krankheiten.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

5 Lungentuberkulose, 2 Tuberk. Gehirnhautentzuendung, 2 Lungenentzuendung, 2 Herzkrankheiten, 2 Typhus, 1 Magenkrebs.

1

Golfjacke war zum damaligen Zeitpunkt wohl eine gebräuchliche Bezeichnung für eine Wolljacke.

2

Vgl. den Eintrag „Neuer Betrieb“ in der Tageschronik vom 27. November 1943.

3

Mit „Kaschub-Komplex“ ist die Textilfabrik „Kaszub und Kryłowiecki AG“ in Łódź gemeint, die vor dem Krieg ihren Sitz in der ul. Drewnowska hatte. Oskar Singer berichtet in seiner Reportage „Beim ersten Millionär“ ausführlich über die Textilverarbeitung in dieser ehemaligen Fabrik (Singer 2002, S. 121-130).