Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 30. April 1944

Podcast Icon
Tageschronik Nr.: 
120

Das Wetter:

Tagesmittel 8-10 Grad, bewölkt.

Sterbefälle:

1,

Geburten:

3 /2 m., 1 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 2,

Diebstahl: 1

Bevölkerungsstand:

77.377

Selbstmordversuch:

Am 29.4.44 versuchte die Olszer Gołda Perla, geb. 1899 in Łodz, wohnhaft Sulzfelderstr. 4, durch Einnahme eines Schlafmittels Selbstmord zu verüben.

Am 30.4.44 versuchte der Zawadski Szmul, geb. 1910 in Łodz, wohnhaft Pfefferg. 15, durch Aufschneiden der Pulsadern Selbstmord zu verüben.

Tagesnachrichten.

Talone:

Am heutigen Tage wurden die Zuteilungen der Kategorie 1 ausgegeben. Noch vor der Ausgabe ging das Gerücht um, dass der Präses den ehemaligen Beiratgeniessern nach individuellen Grundsätzen Zuteilungen geben wird. Tatsächlich gibt es auch innerhalb der Kategorie 1 drei Unterkategorien. Einige wenige Familien erhielten die volle Zuteilung, d.h. für jedes Familienmitglied einen kompletten Talon. Die zweite Gruppe erhielt 75%, d.h. einen ganzen Talon für das Familienoberhaupt und je 1/2 Talon für die Familienmitglieder. In dieser Gruppe erhielt also beispielsweise der Leiter eines Ressorts für sich den ganzen Talon, für die Frau und das Kind je einen halben, also 2 Talone für eine dreiköpfige Familie. Die 3. Gruppe erhielt 50%, also beispielsweise für 4 Personen 2 Talone. Die Zuteilungen umfassen in dieser Kategorie je Talon: 1/2 Dose S-Fleischkonserve, 10 dkg Nudeln, 10 dkg Grütze, 20 dkg Zucker, 10 dkg Himbeersaft, 5 dkg Margarine und schliesslich 50 dkg Mehl oder 70 dkg Brot. Die Zuteilungen für die ehemalige Kategorie BI und BII, jetztige1 Kategorie 3, enthalten: 50 dkg Mehl oder 70 dkg Brot, 10 dkg Grütze, 10 dkg brauner Zucker, 10 dkg Marmelade und 10 dkg Schmalz. Der Umlauftalon enthält: 35 dkg Mehl oder 50 dkg Brot, 10 dkg brauner Zucker, 10 dkg Roggenflocken, 10 dkg Marmelade und 2 dkg Butter. Die Betriebe erhielten 10% Umlauftalone.

Anbauflächen:

Das Chaos in der Wirtschaftsabteilung wächst von Stunde zu Stunde. Es zeigt sich, dass die Idee der rationenweisen Zuteilung von Grund und Boden für das Getto nicht praktikabel ist. Was sich hier an geheimen Abmachungen, Schiebungen und Ungerechtigkeiten abspielt, lässt sich schwer in diesem Rahmen beschreiben. Die Idee ist ein 100%iger Fehlschlag für die Gesamtheit und bietet nur wieder unbegrenzte Möglichkeiten all denen, die mit entsprechenden „Pleizes“ auftreten können. Je mehr die Saison vorrückt, desto grossartiger zeigt sich auch der Schwindel, den beispielsweise die Holzbetriebe aufgeführt haben. Ein Schwindel, dem das Wirtschaftsamt mit verschränktem Arm zusieht. Während bis zum Beginn der Anbausaison alle möglichen Flächen mit Brettern bedeckt waren, lichten sich plötzlich nach der Zuteilung von Grund und Boden diese Holzlager und es kommen wieder Anbauflächen zum Vorschein. Diese Stücke, die für die Tischlereien bisher so unentbehrlich waren, sind plötzlich wieder frei, erscheinen aber nicht in den Kartotheken des Wirtschaftsamtes. Das sind also Flächen, die nun den verschiedenen Ressortbonzen, ausserhalb der normalen Zuteilung von 15 qum /?/ pro Kopf, zur Verfügung stehen. Jetzt stellt sich auch heraus, dass bei den Vermessungen die übelsten Schiebereien vorgekommen sind. Die Verteilung der Anbauflächen ist ein Schlachtfeld für sich. Hier spielt sich wieder einmal ein2 Kampf aller gegen alle ab und die Schwächeren3, kleineren Leute, werden in diesem Schlachtgetümmel erschlagen. Für Bonzen aller Art stehen die Türen jederzeit offen. Der Kleine, Unbekannte wird von einem robusten O.D.-Mann entweder nicht eingelassen oder die Treppen hinuntergestossen. Tagelang sieht man immer wieder dieselben Menschen hilfslos4 um Einlass betteln und wenn sie schon Einlass gefunden haben, sieht man sie am nächsten Tag wieder, weil sie nichts erledigt haben. Inzwischen schreitet die Saison fort und ein trauriges Kapitel dieser Gettogeschichte wird im Sumpf der Korruption, der Gemeinheit, der Rücksichtslosigkeit, der Gedankenlosigkeit, der Missachtung aller Rechte ein trauriges Ende finden.

Approvisation.

Am heutigen Sonntag keinerlei Wareneingänge. Auch der erwartete Spinat traf nicht ein. Das Getto schleicht nur noch wie sein eigener Schatten durch das Elend des Hungers.

Auch der Kampf um ein paar Kartoffelschalen flaut ab, denn in den Küchen gibt es fast nichts mehr zum Schälen.

Die Suppe heute: Nach längerer Zeit geben die Küchen eine Suppe mit geriebenen Steckrüben heraus, eine Mahlzeit die man nur mit Widerwillen schlucken kann.

Kleiner Getto-Spiegel.

Der Hunger bricht Eisen5 – und Mauern:

In der Küche Alexanderhofstr. 28 hat der Magazineur des Gemüselagers seine eigene Theorie über die Ernährung in die Praxis umgesetzt, bis durch eine Anzeige das Sonder-Kommando seiner Autarkie in der Ernährung ein Ende setzte. Der gute Mann hat mit dem Hauswächter des Nachbarhauses halbpart gearbeitet. Im Keller, unterhalb der Küche, wird einfach die Mauer durchbrochen und durch dieses Loch wanderten ein Jahr lang täglich ca 10 kg Kartoffeln in dem6 Nebenkeller. Die Kartoffeln werden peinlichst gewogen, der Kompagnon soll keine Möglichkeit haben zu schwindeln. Einer, der versuchte, sich an diesem einträglichem7 Geschäft zu beteiligen – sein Einlagekapital wäre ja nur ein bisschen Verschwiegenheit gewesen –, hat der Sonderabteilung einen Wink gegeben und nach einigen Tagen Ueberwachung wurde der Magazineur mit seinem Sozius auf frischer Tat ertappt. Täglich 10 kg Kartoffeln! Das sind heute in Gettomark 2.800 Tageseinnahme, da kann man schon durchhalten.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 19 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

1 Lungentuberkulose.

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „Kapitel“.

3

So in HK, LK*, JFK*.

4

So in HK, LK*, JFK*.

5

Der Ausspruch „Hunger bricht Eisen!“ geht wahrscheinlich auf die Redewendung „Not bricht Eisen“ zurück, die aus Shakespeares Tragödie „Coriolanus“ (1608) stammt: „Sie hungern, sagten sie, und ächzten Sprüchlein, / Als: ‚Not bricht Eisen; Hunde müssen fressen; / Das Brot ist für den Mund; die Götter senden / Nicht bloß den Reichen Korn.‘“ (zit. nach Dorothea Tiecks Übersetzung, I,1). Ebenso verwendet Emanuel Geibels bekanntes Kriegslied von 1846 diese Redewendung: „Und wenn die Not nicht Eisen bricht, / Das Eisen bricht die Not.“

6

So in HK, LK*, JFK*.

7

So in HK, LK*, JFK*.