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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 30. Januar 1944

Tageschronik Nr.: 
30
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Das Wetter:

Tagesmittel 6-8 Grad, anhaltender Wind, trocken.

Sterbefälle:

-

Geburten:

- /keine Meldungen/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Diebstahl: 5

Bevölkerungsstand:

82.914

Tagesnachrichten.

Der Präses hat heute 10 Trauungen vorgenommen. Diesmal fand die Zeremonie erstmalig in den Räumen des ehemaligen Präventoriums an der Hanseatenstrasse 53 statt.

Baluter-Ring verlässt Baluter-Ring?

Man erfährt, dass über Veranlassung des Oberbürgermeisters Dr. Bradfisch die Getto-Verwaltung aus Litzmannstadt, Moltkestrasse, nach dem Baluter-Ring übersiedeln soll. Demzufolge werden entsprechende Räume in den Baracken am Baluter-Ring geräumt werden müssen. Es heisst, dass sämtliche jüdische Stellen, also auch das Büro des Präses, den Baluter-Ring verlassen werden. Als Amtsräume für die jüdischen Amtsstellen kommt das dem Baluter-Ring gegenüberliegende Objekt, Hanseatenstrasse 25-27, in Frage. Der Präses hat sich angeblich für die Räume der Gemüse-Abteilung entschieden. Das letzte Wort in dieser Angelegenheit ist allerdings noch nicht gesprochen.

Die Aussiedlung vom 26. Januar:

Wir haben berichtet, dass am 26. ds.Mts. 31 Mann zur Arbeit ausserhalb des Gettos ausgesiedelt wurden. Wir haben die Namen der Ausgesiedelten festgestellt:

1./ Birnbaum Abram, geb. 1897, Verfügung des Präses /doppelte Karten/,
2./ Boksenbaum David, geb. 1901, Verfügung der Gestapo /Lederdiebstahl/,
3./ Fajn Rubin Szlama, geb. 1921, Verfügung des Präses /Nichteinhalten des Eheversprechens/,
4./ Fiksman Srul, geb. 1910, Reserve /vom Lager/,
5./ Fiszlinski Zelman, geb. 1907, Reserve /vom Lager/,
6./ Grac Chaskiel, geb. 1925, /Holzdiebstahl/,
7./ Grynberg Szymon, geb. 1907, Verfügung des Präses / Schwindel mit Gemüse-Talons/,
8./ Hajszeryk Natan, geb. 1916, Hehler /Freiwillig/,
9./ Herszkowicz Natan, geb. 1926, Gemüsediebstahl, 2 Monate Gefängnis,
10./ Janowski Szama, geb. 1920, Gemüsediebstahl, 4 Monate Gefängnis,
11./ Joskowicz Abram, geb. 1914, Verfügung der Sonder-Abteilung,
12./ Joskowicz Michal, geb. 1910, Verfügung der Sonder-Abteilung,
13./ Skomspski Mendel, geb. 1908, Verfügung der Sonder-Abteilung,
14./ Kozusan Abram, geb. 1923, Diebstahl, 3 Monate Gefängnis,
15./ Krzęstonski Lucjan, geb. 1923, Holzdiebstahl, 3 Monate Gefängnis,
16./ Lewkowicz Abram, geb. 1917, Lager, Reserve,
17./ Lewkowicz David, geb. 1916, Lager, Reserve,
18./ Pasmanik Aron Gecał, geb. 1909, Verfügung des Präses, Holzdiebstahl,
19./ Piotrkowski Laib, geb. 1923, Freiwillig,
20./ Rajchbart Fajwisz, geb. 1920, Lager, Reserve,
21./ Rochberger Szlama, geb. 1916, Verfüg. des Gerichts, Felddiebstahl,
22./ Rozenblum Lajb, geb. 1921, Diebstahl, Gerichtsurteil 5 Monate,
23./ Rubinstein Stefan, geb. 1908, Diebstahl, Zentralgefängnis,
24./ Rundbakin Perec, geb. 1910, Einbruch, Verfüg. der Untersuchungsabtlg.,
25./ Sakwa Chaim Lajb, geb. 1902, Lager, Reserve,
26./ Wunsz Abram, geb. 1927, Diebstahl, Verfüg. d. Untersuchungsabtlg.,
27./ Zylbersztein Ezriel geb. 1912, Diebstahl, 4 Monate Gefängnis,
28./ Zysman Fajwel, geb. 1920, Benützung von Karten Ausgesiedelter,
29./ Zalsberg Chaskiel, geb. 1924, Lager, Reserve,
30./ Garfinkel Gustav, geb. 1904, am gleichen Tage zu 2 Jahren Gefäng- nis verurteilt /siehe Prozessberichte/,
31./ Klocman Aron, geb. 1915, siehe unser Bericht vom 26.1.44.

Was die Aussiedlung des Garfinkel Gustav betrifft, so haben den Präses gerechte Erwägungen zu dieser Massnahme veranlasst. Bekanntlich befinden sich im Zentral-Gefängnis einige, von Arbeitslagern zurückgekehrte Personen zur Verfügung der deutschen Behörde. Der Präses hatte nun die Wahl, entweder einen dieser jungen Leute herauszuschicken oder aber den soeben abgeurteilten Garfinkel. Er hielt es für durchaus gerecht, den unschuldigen Arbeiter zu schützen und den Garfinkel auszusiedeln.

Dr. Feldman ärztlicher Kontrollor?

Wie wir berichtet haben, hat Dr. Feldman in der am Sonnabend, den 29. Januar, stattgefundenen Aerzte-Versammlung konkrete Vorschläge gemacht, die der Präses mit besonderem Interesse aufgenommen hat. Dr. Feldman hat auf den Präses einen ausgezeichneten Eindruck gemacht, und es verlautet, dass er Dr. Miller beauftragt hat, den Dr. Feldman auf dem1 Baluter-Ring zu senden, weil ihn der Präses für besondere Vertrauensaufgaben, insbesondere für gewisse Kontrollen, als Beamten verwenden will. Ob Dr. Feldman seine ärztliche Praxis gegen diese Aufgabe eintauschen wird, ist noch unbekannt.

Approvisation.

Am heutigen Sonntag sind überhaupt keine Wareneingänge zu verzeichnen. Die Ernährungslage im Getto wird von Stunde zu Stunde kritischer.2 Die Menschen sind lediglich auf die karge Kolonialwarenration angewiesen. Wie sie es zuwege bringen sollen, mit 800 g Kolonial vierzehn Tage auszukommen, ist ein unlösbares Rätsel. Die Ration enthält ausser diesen lediglich 1 kg Rettich und 1/2 kg Futtermöhren – das soll für vierzehn Tage reichen. Was kochen eigentlich die Menschen? In den Stuben sieht man bestenfalls einen Topf Wasser mit ein bisschen Suppenpulver und Zwiebelsaatmehl, dazu etwas Rettich oder Möhren, soferne diese Ration überhaupt schon zur Ausgabe gelangte, denn die Distribution kann ja nur nach Massgabe des Einlaufes erfolgen. Als feste Speise wird jeden Tag aus etwas Mehl, Kaffee, Zwiebelsaatmehl eine Art Teig hergestellt und meist ohne Fett auf der Pfanne gebraten. Nur wer besonderes Glück hat, kann dieser herrlichen Speise noch etwas Brei aus Kartoffelschalen beimengen. Wer sich durch Protektion diese Kartoffelschalen beschaffen kann, setzt etwas Mehl hinzu und erzeugt daraus eine Art Babka oder ein Tschulent. Der Preis für 1 kg Kartoffelschalen schwankt zwischen 20 und 25 Mark.

Die Behörde beauftragte die Fleischzentrale, das Lager „Kino“ in Radegast von den Fleischdosen zu räumen. Die zirka 250,000 Stück Konservendosen müssen bis zum Wochenende nach der Sulzfelder 40 in die Fleischzentrale überführt werden. Zu diesem Zwecke räumt die Fleischzentrale das Vorderhaus von den Fleischreserven, die anderweitig gelagert werden.

Ressortnachrichten.

Zwischenfall im Leder- und Sattler-Ressort:

Der Kommissar dieses Betriebes wollte eine der vorgeschriebenen Luft- und Brandschutzübungen nach Schichtschluss veranstalten. Dagegen protestierten heftig einige Frauen, die nach zehnstündiger Arbeit nicht noch eine weitere Stunde im Ressort verbringen wollten. Kommissar Seligman hat in der Erregung eine der Frauen geschlagen. Daraufhin wurde er von einigen Männern gründlich verprügelt. Ein zur Assistenz gerufenes Peleton des Ordnungsdienstes unter Kommando des Kommissars Feldhändler traf zwar ein, griff jedoch vernünftigerweise nicht ein, da Feldhändler die Lage sofort überblickte. Er erklärte den Arbeitern, dass er, wenn sie weiterhin Ruhe bewahren wollten, aus der Sache keine Affäre machen wolle. Die Arbeiter jedoch gaben sich damit nicht zufrieden und verlangten nach dem Präses, der tatsächlich auch eintraf und unter vier Augen dem Kommissar Seligman bedeutete: Zum Schlagen sei höchstens er selbst da. Die Angelegenheit wurde beigelegt.

Freitag und Samstag besuchte der Präses den Juwelierbetrieb Bleicherweg 7, wo er Besprechungen wegen der bevorstehenden Uebersiedlung führte.

Man hört, man spricht ...

... dass die Feldparzellen diesmal nicht von der Wirtschaftsabteilung, sondern von der Gettoverwaltung vergeben bezw. nicht vergeben werden. Dieses Gerücht entstand wahrscheinlich daraus, dass die Wirtschaftsabteilung der Gettoverwaltung weitere Flächen für Futtermittelanbau für sich verwenden wird.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: /keine Meldungen/.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: /keine Meldungen/.

1

So in HK, LK**, JFK*.

2

Wie kritisch die Ernährungslage bereits war, vermerkt Oskar Rosenfeld am 30. Januar 1944 in seinem Tagebuch: „Hunger. Tragödie. Jeden Tag stirbt ein Prager Hungers. In den Stuben nichts zum Heizen, nichts zum Kochen, keine Medikamente. [...] Hunger ungeheuer“ (Rosenfeld 1994, S. 264).