Schriftgröße:A-A+

Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 30. Juli 1944

Podcast Icon
Tageschronik Nr.: 
211

Das Wetter:

Tagesmittel 22-38 Grad, sonnig, heiss.

Sterbefälle:

1,

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Eingewiesen:

1 /Mann von ausserhalb des Gettos/1

Bevölkerungsstand:

68,561

Tagesnachrichten.

Auch der heutige Tag verlief sehr ruhig.

Der Präses hielt verschiedene Beratungen ab. Alles in allem aber herrscht im Getto Ruhe und Ordnung.

Die Hohensteinerstrasse hat ihr Antlitz verändert. Der Verkehr ist ausserordentlich lebhaft. Man merkt, dass der Krieg allmählich auch an Litzmannstadt heranrückt. Neugierig schaut der Gettomensch den durcheilenden Kraftwagen der verschiedenen Waffengattungen nach. Das wichtigste aber ist für ihn doch noch immer: „Was gibt es zum Essen?“

Approvisation.

Am heutigen Sonntag kamen nur 7,160 kg Kartoffeln, 46,210 kg Weisskohl und 13,790 kg Kohlrabi. Sonst kamen keinerlei Lebensmitteln.2

Wenn morgen, Montag, kein Mehl einkommt, kann die Lage äusserst kritisch werden. Es wird behauptet, dass die Mehlvorräte des Gettos nur für knapp 2-3 Tage reicht.3

Kartoffelration:

Ab heute erfolgt die Ausgabe von

  • 1 kg Frühkartoffeln in den Lebensmittelverteilungsstellen.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache des heutigen Sterbefalles:

Selbstmord 1.4

1

Am Vortag war Majlech Lida, geb. am 29. November 1892 in Klimontów (wohnhaft im Getto, evtl. geflohen), in das Zentralgefängnis zur Verfügung der Gestapo eingeliefert worden. Vgl. das Schreiben Staatliche Kriminalpolizei, Kriminalpolizei stelle L.stadt, Gettokommissariat-Tgb.Nr. 537/44 an den Leiter des Zentralgefängnisses des Ältesten der Juden Litzmannstadt-Getto, 29.7.1944 (APŁ, 203/64, Bl. 1).

2

So in HK, NYK**, JK**, JFK*.

3

So in HK, NYK**, JK**, JFK*.

4

So endet der letzte Eintrag der Getto-Chronik. Zwei Tage zuvor, am 28. Juli 1944, hatte Oskar Rosenfeld einen „Kleinen Getto-Spiegel“ verfasst, der nicht mehr in die Chronik aufgenommen wurde. Er trägt folgenden Wortlaut: „Nach 5 Kriegsjahren wird man aufatmen! Man sagt, wir werden bald ausgelöst werden … Gott soll geben … Aber während wir daran denken, an den Augenblick nämlich, da uns beschieden sein soll, unsere Kinder und Verwandte und Freunde wiederzusehen, holen die Herren des Gettos sich gegenseitig aus den Ressorts das heraus, was für einen gewöhnlichen Gettobewohner unerreichbar ist: Schuhe, Kleider, Ledertaschen, Wäsche und auch vieles zum Essen. Einer schiebt es dem anderen zu. Man steht vor Weltuntergang oder vor Erlösung. Die Brust wagt bereits freier zu atmen. Die Menschen sehen einander mit Blicken an, die sagen wollen: wir verstehen uns, nicht wahr! Der Älteste weiß, daß derlei Blicke gefährlich sind, und gibt die Ordre, die Gefühle der Freude nicht hervorsprudeln zu lassen und die bisherige Haltung zu bewahren. Noch ist es zu früh. Noch wacht das Auge des Wächters. Ein Lachen kann uns verraten, ein heiteres Gesicht das Getto in Gefahr bringen. Darum still. Alles in sich verbergen … Es gibt allerdings auch Skeptiker, Miesmacher, die nicht glauben wollen und das bezweifeln, was sie seit Jahren ersehnen und erwarten. Sagt man ihnen ‚Einmal muß es ja so kommen, und jetzt, wenn der Augenblick da ist, wollt ihr es nicht glauben‘, dann blicken sie mit ödem Aug ins Leere und weiden sich an ihrem Pessimismus. Nach soviel Leiden und Schrecken, nach so vielen Enttäuschungen sich nicht der Vorfreude hingeben können, darf schließlich nicht verwunderlich sein. Das Herz ist voller Narben, das Hirn mit einer Kruste von fehlgeschlagenen Hoffnungen überzogen. Und wenn schließlich der Tag der ‚Auslösung‘ vor der Tür steht, will man sich lieber überraschen lassen, als wieder einmal eine Enttäuschung erleben. Das ist Menschenart, das ist die Psychologie des Menschen von Litzmannstadt-Getto Ende Juli 1944“ (Rosenfeld 1994, S. 297f.). – Oskar Rosenfeld, Oskar Singer und Józef Zelkowicz wurden im August 1944 nach Auschwitz deportiert und dort getötet.