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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Sonntag, 31. Oktober 1943

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Tageschronik Nr.: 
288

Das Wetter:

Tagesmittel 3-10 Grad, bewölkt, kalt.

Sterbefälle:

13

Geburten:

1 /männlich/

Festnahmen:

Verschiedenes 1

Diebstahl 1

Bevölkerungsstand:

83,485

Tagesnachrichten.

Der Präses hat heute in Marysin 15 Trauungen vorgenommen.

Approvisation.

Heute kamen insgesamt 13,810 kg Rettich und 9860 kg Möhren ins Getto. Sonst keinerlei Waren oder Bedarfsgütereinlauf, vor allem wieder keine Kartoffeln. Mit grosser Besorgnis sieht man den kommenden Tagen entgegen.

Ressortnachrichten.

Die Bau-Abteilung legte eine Wasserleitung von der Hanseatenstrasse 34 zur neuen Kräftigungsküche an der Flisacka an.

Fürsorgewesen.

Die Kräftigungsküche an der Masarska dürfte dem Vernehmen nach nicht vor dem 8.XI. eröffnet werden.

Man hört, man spricht ...

... dass die Absicht besteht, die Ausgabe von Rationen zu sistieren und der Bevölkerung täglich zwei Suppen zu geben. Dieses Gerücht entspringt der Panik, die gegenwärtig in der Versorgung herrscht, und hat keinen Hintergrund.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

1 Bauchtyphus, 1 Tuberkulose,

die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

3 Lungentuberkulose, 3 Tuberkulose anderer Organe, 1 Lungensarkom2, 1 Gehirnentzündung, 1 Hirnschlag, 1 Herzasthma, 1 Unterleibstyphus, 1 Urämie3, 1 Ohrspeicheldrüsenentzündung.

1

In HK, LK*, JFK* eigentlich: „Tagesbericht vom 31. Oktober 1943, Sonntag“.

2

Lungensarkom: Als Sarkome werden bösartige Tumoren des Weichteilgewebes bezeichnet, hier der Lunge. Sie streuen häufig über die Blutbahn.

3

Urämie: Vergiftung des Körpers durch Harnstoff, etwa als Folge eines terminalen Nierenversagens. Auch ein Krebs, der den Harnleiter abdrückt, kann eine Urämie verursachen, da der Körper den produzierten Urin und den darin enthaltenen Harnstoff nicht in die Blase abgeben kann.