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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 5. März 1944

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Tageschronik Nr.: 
65

Das Wetter:

Tagesmittel 8-14 Grad, sonnig.

Sterbefälle:

2,

Geburten:

1

Festnahmen:

Verschiedenes: 1,

Diebstahl: 1

Ausweisungen:

10 /Mann nach ausserhalb des Gettos, zur Arbeit/

Bevölkerungsstand:

78.847 /78.859 lt. Karten-Abteilg./

Tagesnachrichten.

1710 Arbeiter:

Nach dem Abtransport der ersten Gruppe glaubte man an eine Entspannung der Lage, dies ist jedoch nicht der Fall, denn das Restkontingent ist noch immer nicht sichergestellt und es wird daher in der Nacht zu weiteren Aktionen kommen müssen. Die Menschenjagd wird solange fortgesetzt werden müssen, bis ein entsprechendes Reservoir vorhanden ist, aus welchem die noch auszusendenden ca 950 Arbeiter ausgewählt werden können.

Die beiden Sammelpunkte, Hohensteinerstrasse 26 für Frauen und Steinmetzgasse 10 für Männer, wurden aufgelassen und die dort befindlichen Personen ins Zentral-Gefängnis überführt.

Das vom Präses eingerichtete Patronats-Komitee1 funktioniert sehr gut. Die Damen kontrollieren die Verpflegung, bewachen die sanitären Bedingungen und sorgen für die Bekleidung. Sie besorgen auch die Ueberweisung von Paketen aus dem Getto ins Zentral-Gefängnis und die Uebergabe an die Adressaten. Sie übernehmen die Bitten der im Zentral-Gefängnis konzentrierten Personen an die Leitung der Aktion u.zw. Bitten wegen Befreiung, Bekleidung und anderes. Sie kümmern sich um die Liquidation der Wohnungen der Alleinstehenden.

Schlagbaum am Baluter-Ring:

Beim Tor am Baluter-Ring wurde ein Schlagbaum errichtet. Diese Einrichtung hat den Zweck, im Falle eines Fliegeralarms den Baluter-Ring vom Getto zu isolieren, damit nur die am Baluter-Ring beschäftigten Personen die dort eben gebauten Splitterschutzgräben benützen können2.

Ordnungsdienst-Wache, Baluter-Ring:

Die Ordnungsdienst-Wache am Baluter-Ring, die bis jetzt an der Hanseatenstrasse 27 untergebracht war, bezog neue Räume im Objekt Hanseatenstrasse 25, wo ein Ordnungsdienst-Mann ständig beim Fenster Dienst macht, weil sich von dort die Vorfälle am Baluter-Ring besser überblicken lassen /Warenverkehr, Konvoyverkehr, ankommende Kommissionen etc. etc./.

Die ehemaligen Büros der Gemüseabteilung an der Hanseatenstrasse 23-25 wurden von der Bau-Abteilung in eiligem Tempo adaptiert und werden schon morgen beziehbar sein. Das Zentralsekretariat erhält von heute an die offizielle Bezeichnung „Büro des Aeltesten der Juden“.

Approvisation.

Keine Aenderung der Lage.

Die Küchenabteilung hat ihre Menu-Konferenzen endlich abgeschlossen. Die Suppen bleiben vorderhand, wie sie bisher waren, doch wird man statt der Roggengrütze, die eine längere Kochzeit brauchen3, Roggenflocken verwenden.

Schwarzhandelspreise: vom 6.III.444

Brot /2 kg/ Mk. 700,- Roggenflocken 1 kg Mk. 550,-  
Mehl 1   500,- Haferflocken 1 kg   750,-  
Grütze 1   500,- Manna /Griess 1 kg   1250,-  
Zucker weiss   900,- Sago 1 kg   1000,-  

Suppenpulver 200,-, Bauernsuppe 400, Zwiebelmehl 50, Kaffeemischung 15,-, Sauerkraut 250,-, Oel 1 dkg 15,-, Margarine 1 dkg 9,-, Butter 25,-, Fleisch und Wurst 1 kg 900,-.

Die Umtauschbasis ist:

  • 1 dkg Oel = 1 kg Kaffeemischung,
  • 4 dkg Manna5 = 15 kg Holz,
  • 8 dkg Zucker = 15 dkg Mehl.

1 Ressortsuppe kostet 30 Mk., 1 kg Holz 3,50 bis 5 Mk, Kohle 7-7,50, Briketts 5 Mk.

Die Preise sind also mit der Ausgabe der L-Zuteilung einigermassen gesunken.

Ressortnachrichten.

Der Aelteste hat weitere Altmaterialsammlungen im Getto angeordnet. Die meisten Plätze, auf welchen Schrott gelagert war, sind geräumt. Dieses Material wurde zum grössten Teil bereits beim Zentrallager für Eisen und Metall, Zweigstelle Franzstr. 41, konzentriert. Auch die Sortierungs- und Verwertungsstellen von Altmaterial haben ihre Lager bereits grösstenteils geleert. Einige Punkte wurden liquidiert. Dieses Material wurde auf dem Zentralpunkt, Sulzfelder 15, gesammelt.

L-Zuteilung:

Der heutige Tag steht im Zeichen der Ausgabe der ersten L-Zuteilung. An den Kolonialwarenverteilungsstellen stehen wieder endlose Reihen von Arbeitern, die ihre 900 g Mehl, 40 g Margarine abnehmen und an den Fleischläden diejenigen, die ihre 200 g Fleisch beheben wollen. Diese Zuteilung gilt für den Zeitabschnitt vom 31.I. bis 13.2.44.

Kleiner Getto-Spiegel.

Sonderbare Tapferkeit:

In der Gruppe der wartenden Menschen vor dem Zentralgefängnisse steht eine Frau. Ihr Mann wartet im Zentralgefängnis auf den Abtransport. Er zeigt sich im ersten Stock des Hauses, indem sich seine Gruppe befindet, am Fenster. Allem Anscheine nach hatte er mit ihr besprochen, dass er irgendetwas anstellen werde, um sich arbeitsunfähig zu machen. Er macht Anstalten, aus dem Fenster zu springen, zögert. Aber die Frau ruft ihm wild zu: Hab nicht ka Mojre!7 Sie selbst treibt ihn zum Absprung! – Der Mann springt tatsächlich ab, trägt leichte Verletzungen davon und wird nun wirklich zurückgestellt. Das Abenteuer hätte auch schlimmer enden können.

Gesundheitswesen.

Wir haben bereits berichtet, dass aus dem Polen lager keine Patienten mehr ins Getto eingeliefert wurden. Es ist erfreulich, dass man dort die Lage vollkommen beherrscht. Dies ist nicht zuletzt das Verdienst des Prager Kinderspezialisten Dr. Vogl, der dort Dienst macht. Dr. Emil Vogl war im Herbst 1941 Chefarzt im Zigeunerlager, wo er an Flecktyphus erkrankte. Dort hatte er zusammen mit Dr. Aron Nikielburg / Warschau / gearbeitet, der damals an Flecktyphus starb.6 Die Gattin Dr. Vogls, die mit ihm in ständiger Verbindung steht, ist als Röntgenologin im Getto beschäftigt.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 8 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 2 Tuberkulose.

1

Zum Damenkomitee, welches auch Damenpatronat genannt wurde, gehören Gerszonowicz, Kaufman, Rosner, Szpigel und Dora Uryson.

2

HK, JK*: „benützen zu können“. LK**, JFK**: Ursprünglich „benützen zu können“; „zu“ von Hand gestrichen.

3

So in HK, LK**, JK*, JFK**.

4

So in HK, HKV**, JK*, JFK**; Datierung wohl irrtümlich. In LK** fehlt die entsprechende Seite. Aufgrund der Datierung auf den 6. März 1944 wurde HKV** von Hand mit der Bemerkung „Beilage“ versehen und der Tageschronik vom 6. März 1944 zugeordnet. Auch in JFK** liegt das Blatt den Textzeugen vom 6. März 1944 bei; dort mit dem polnischsprachigen Vermerk ‚S. 4‘; offenbar von Nachkriegsbearbeitern. In HK, JK* ist das Blatt unter dem 5. März 1944 zu finden.

5

HK, HKV**, JK*, JFK**: Ursprünglich „Marmelade“; überschrieben. In LK** fehlt die entsprechende Seite.

6

Das „Zigeunerlager“, das vom 5. November 1941 bis zu seiner endgültigen Auflösung am 12. Januar 1942 bestand, war im Dezember 1941 von einer Flecktyphus-Epidemie heimgesucht worden, die zahlreiche Todesopfer, auch unter den behandelnden Ärzten, forderte. Vgl. die Tageschronik vom 1. bis 5. Januar 1942 (Eintrag ‚Sterblichkeit im „Zigeunerlager“ vor der Auflösung des Lagers‘) sowie die Tageschronik Nr. 9 vom Februar 1942 (Eintrag ‚Typhus‘). Zu den Bedingungen im „Zigeunerlager“ vgl. zahlreiche Einträge in den Tageschroniken vom Dezember 1941.

7

„Hab nicht ka Mojre!“ ‚Hab’ keine Angst!‘; jidd.