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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Sonntag, den 5. September 1943

Tageschronik Nr.: 
232
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Das Wetter:

Frueh 18 Grad, starker Nebel, mittags 25 Grad, sonnig.

Sterbefaelle:

17

Geburten:

4 /3 maennlich, 1 weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 2

Diebstahl: 1

Bevoelkerungsstand:

83.883

Tagesnachrichten.

Trauungen:

Der Praeses hat heute im ehemaligen Erholungsheim an der Gnesenerstrasse, 12 Hochzeitspaare getraut.

Approvisation.

Unveraendert angestrengte Lage. Auch heute keine nennenswerte Kartoffelzufuhr, von Gemuese nicht zu reden. Dazu kommt, dass selbst Blaetter aus den Gemuesegaerten kaum zu haben sind, weil vor allem die Krautkulturen, wieder wie im Vorjahre, von Raupen angefallen und total zerfressen wurden. Soweit die Leute sich doch Kraut- und Ruebenblaetter beschaffen koennen, wirkt sich natuerlich diese Ernaehrung auf den Gesundheitszustand aeusserst schaedigend aus, was ein Ansteigen der Typhusepidemie bewirkt.

Ressortnachrichten.

Sonntag Arbeitstag:

Am gestrigen Sonnabend wurden in den Nachmittagsstunden saemtliche Betriebe benachrichtigt, dass der heutige Sonntag ausnahmsweise kein Ruhetag ist. In saemtlichen Betrieben wird, wie an Wochentagen, gearbeitet. Hingegen ist der Montag, 6. September, Ruhetag. Diese Verschiebung ist auf den Feuerschaden im Elektrizitaets-Werk in Litzmannstadt zurueckzufuehren. Dort entstand am 3. September ein Brand, der wahrscheinlich die Kraftanlage betraechtlich beschaedigte. Zur Entlastung des Stromnetzes wird also am Sonntag die Stadt feiern, hingegen das Getto arbeiten, Montag soll es umgekehrt sein und am Dienstag duerfte bereits der Schaden behoben sein.

Kessel-Transport:

Aus dem Holzbetrieb an der Pucka 9 wurde ein grosser Fabrikskessel mit Flaschenzug in den gegenueberliegenden Betrieb /Drahtzieherei und Naegelfabrik/ transferiert. Der Kessel aus diesem Betrieb wurde herausgezogen und auf einen Speziallastwagen gehoben. Bezeichnend dabei ist, dass diese beiden Maschinenkessel mit ganz primitiven Mitteln von juedischen Arbeitern transportiert wurden. Die Ketten waren an Baeumen befestigt, ein Vorgang wie er selten zu beobachten ist. Auch diese Riesenarbeit wurde von juedischen Arbeitern verhaeltnismaessig rasch bewaeltigt.

Kesselschmiede transferiert:

Die Kesselschmiede, die bisher an der Kurzengasse 15-17 untergebracht war, wurde an die Hanseatenstrasse 36 transferiert. Die Dampf- und Wasserabteilung bezog die Objekte der Kesselschmiede an der Kurzengasse.

Umbenennung der Tischlerressorts:

Die Tischlerressorts und Kleinmoebelfabriken, Zimmerstrasse 12-14, Reiterstrasse 3, Putziger 9, Bazar 5 sowie Holzwollefabrik in Marysin II, werden in Hinkunft die Bezeichnung „Holzbetrieb“ fuehren. Diesbezuegliche Tafeln sind an den Eingaengen bereits angebracht.

Kleiner Getto-Spiegel.

Tomaten und Zwiebeln:

Es gibt sehr wenig Obst im Getto. Aepfel, die von Aerzten jetzt als Medizin verordnet werden, koennen sich nur einige wenige auserwaehlte Menschen beschaffen. Die reichen Obstgaerten sind in den Haenden einiger weniger Dignitare. Halbwegs schoene Aepfel erzielen demnach Rekordpreise. 120.- –140.- Mk das kg. Aber Tomaten sind doch in weit ausreichenderen Mengen zu sehen, dennoch tritt diese Frucht an die Seite der Aepfel. Gruene Tomaten erreichen einen Preis von 50-60 Mk das kg, reife Tomaten sind unter 100 Mk nicht zu haben. Auf der Strasse werden kleine Fruechte zu 1 Mk das dkg ausgeboten. Auch die so oft erwaehnte Zwiebel ist im Preis wieder gestiegen. Da es im Getto fast keine Steckzwiebeln gab, also nur aus Samen produziert werden konnte, sind die Zwiebeln sehr klein und auch nicht haltbar. Der Preis ist heute 1.20 Mk das dkg.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

14 Bauchtyphus, 1 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefaelle:

6 Lungentuberkulose, 2 Typhus, 3 Herzkrankheiten, 1 Nierenentzuendung, 1 Brustkrebs, 1 Tub. Gehirnhautentzuendung, 1 Tub. Rippenfellentzuendung, 1 Exsudative1 Rippenfellentzuendung, 1 chronische Darmentzuendung.

1

„Exsudative Rippenfellentzündung“, zu exsudativ ‚auf Ausschwitzung (Exsudation) beruhend‘; zu Exsudation ‚Absonderung eines Exsudats‘, spätlat. exsudātio ‚Ausschwitzung‘, fachspr.