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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 6. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
37

Das Wetter:

Morgens 1 Grad minus, mittags auf 5 Grad plus erwärmt, sonnig.

Sterbefälle:

-

Geburten:

- /Keine Meldungen/

Festnahmen:

Verschiedenes 3

Bevölkerungsstand:

79,791.

Tagesnachrichten.

Trauungen:

Der Präses hat heute acht Paare getraut und zwar in den Räumen des Präventoriums an der Hanseatenstrasse 53.

L-Zuteilung:

Das Referat für Büroarbeiten arbeitet nach Weisungen des Rechtsanwaltes Neftalin hauptsächlich für die Abteilung für Zusatzkarten. Zum Leiter dieser Zusatzkarten-Abteilung wurde Salomon1  Rozenblum ernannt, der bisher Bürochef der Textilfabrik war.

Luftschutz, Brandschutz:

An der Front des Hauses Hamburgerstrasse 13 installiert jetzt der LS-Wart-Vorstand ein Lichtsignal für die Feuerwehr-Ausfahrt.

Instrumenten-Sammlung:

Die Ablieferung der Klaviere und Pianinos dauert noch an. Die Instrumente werden aus den Privatwohnungen nach der Rauchgasse 8 überführt.

Approvisation.

Am heutigen Tage /Sonntag/ keine Wareneingänge. Die Verteilungsstellen haben den freien Verkauf von Kaffee eingestellt.

Ressortnachrichten.

Die Färberei, Cranachgasse,

führt gegenwärtig Hilfsarbeiten für die Waschanstalten Richter- und Reigergasse durch. Deutsche Aufträge für die Färberei liegen zur Zeit nicht vor.

Die Wäschereien haben ausserordentlich viel zu tun. Sie empfangen täglich bis zu 200 Pakete Privatwäsche. Da nun die Färberei Hilfsarbeiten für diese Waschanstalten durchführt, verkürzt sich der Ablieferungstermin für die Wäsche, sodass die Parteien nach zehn bis zwölf Tagen ihre Wäsche erhalten können.

Zementlager in der Kirche /am Kirchplatz/:

Die Einlagerung von Zement in der grossen Kirche an der Kościelna dauert an.

Bauplatten:

Die Herstellung der „Heraklit“-Bauplatten für die Behelfshäuser hat noch immer nicht begonnen. Auch haben die Holzbetriebe noch nicht den Auftrag zur Herstellung der Fenster und Türen erhalten.

Tischlerei II:

Dieser Betrieb hat heute mit der Produktion von 1000 Stück Kinderbetten begonnen, da das nur hiezu geeignete Brettermaterial vorhanden ist.

L-Zuteilung:

Es heisst, dass diejenigen Betriebe, die nur für das Getto arbeiten / Bau-Abteilung, Wasser- und Dampf, Elektrotechnische Abteilung/, die L-Zuteilungen nicht erhalten werden.

Fürsorgewesen.

Im Getto haben sich wie eine Epidemie die Sach-Lotterien für die Kranken-Komitees verbreitet. Fast jeder Betrieb veranstaltet eine solche Lotterie, um sich Geld für die Krankenhilfe zu beschaffen. Die meisten Ressorts haben aus freien Beständen Gegenstände gespendet, so dass fast jedes Komitee für seine Lotterie zirka tausend Gewinnste2 besitzt.

Man hört, man spricht ...

... dass aus Lublin eine Fabrik mit etwa 800 Arbeitern ins Getto übertragen werden soll.3

Sanitätswesen.

Ansteckende Krankheiten: Heute keine gemeldet.4

1

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „Mieczysław“.

2

Gewinnste ‚Gewinne‘; ältere Variante neben Gewinn; ursprünglich niederdt.

3

Zumindest die Maschinen für die geplante Fabrik trafen wenig später in Litzmannstadt ein. Vgl. den Eintrag „Maschinen ins Getto“ in der Tageschronik vom 9. Februar 1944.

4

HK, LK*, JFK*: Nachfolgend gestrichen „Die Todesursachen der heutigen“.