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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 7. Mai 1944

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Tageschronik Nr.: 
127

Das Wetter:

Tagesmittel 8-14 Grad, bewölkt.

Sterbefälle:

1,

Geburten:

4 /2 m., 2 w./

Festnahmen:

Verschiedenes: 3

Bevölkerungsstand:

77.204

Brand:

Am 5.5.44 wurde die Feuerwehr um 20,25 Uhr nach dem Hause Altmarkt 9 alarmiert, wo starke Rauchentwicklung festgestellt wurde. Das sofortige Verkleben der Kaminschachtöffnungen, durch welche der Rauch eindrang, wurde angeordnet.

Tagesnachrichten.

Der Präses hat heute in der Wachstube des Ordnungsdienstes am Baluter-Ring Petenten empfangen und einige Lebensmittelzuteilungen bewilligt.

Approvisation.

Heute kamen ausser 4.880 kg Rote Beete nichts herein.1

Die heutige Suppe besteht aus konserv. Kohlrüben mit etwas Kolonialwaren und schmeckt widerlich. Der Schwarzhandelspreis ist demnach auch gefallen, man zahlte heute für eine Suppe 27 Mk.

Am gestrigen Tage und heute wurden zum zweiten Mal seit der Einführung wieder die wöchentlichen Lebensmittel-Sonderzuteilungen ausgegeben. Kategorie 3 erhielt diesmal statt Fett 1/3 Dose S Fleischkonserve. Die Zuteilung der Kategorie 1 ist unverändert, doch erhielt diese Kategorie ausserdem 4 dkg Knoblauch je Talon.

Kleiner Getto-Spiegel.

Schwache Totengräber:

In Zeiten, wo es „ums Leben“ geht, kümmert man sich nicht allzusehr um die Toten. Gerade jetzt, da die Tuberkulose um sich greift und täglich Opfer verlangt, wirkt sich diese Haltung umso tragischer aus. Draussen in Marysin entstehen Hügel neben Hügel bzw. Gräber neben Gräber. Die armen Totengräber haben schwere Arbeit und schwerer Arbeit sind sie nicht mehr gewachsen. Denn sie unter dem Hunger wie alle anderen Sterblichen des Gettos.2 Sie erklären, dass sie nicht mehr imstande sind, die geforderte Anzahl von Gräbern herzustellen, und daher kommt es, dass jetzt zur Bestattung vorbereitete Leichen mit ein- und mehrtägiger Verspätung bestattet werden müssen.

Die Friedhofsarbeiter verlangen eine dritte Suppe. Ohne diese Suppe – erklären sie – sind sie ausserstande, das blühende Geschäft zeitgerecht zu versorgen. Also hinaus nach Marysin und dafür sorgen, dass der Wunsch der Arbeiter erfüllt werde.

Boruch Praszkier, zu dessen „besonderen Angelegenheiten“ auch die Friedhofsobsorge gehört, wird seinen Leuten die dritte Suppe verschaffen. Ohne diese Suppe können die Lebenden die Toten des Gettos nicht begraben.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: keine Meldungen.

Die Todesursache des heutigen Sterbefalles: 1 Herzschlag.

1

So in HK, LK*, JFK*.

2

So in HK, LK*, JFK*.