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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 7. November 1943

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Tageschronik Nr.: 
295

Das Wetter:

Tagesmittel 3-5 Grad, bewoelkt, kalt.

Sterbefaelle:

14

Geburten:

1 /weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes: 1

Bevoelkerungsstand:

83.446

Tagesnachrichten.

Das FUKR 1 Jahr:

Das Fukr feierte sein 1-jaehriges Jubilaeum. Es gab eine kurze interne Feierstunde, bei welcher Gelegenheit einige Ansprachen gehalten wurden. Insbesondere wuerdigte Herr Direktor R. Hecht /Prag/ die Verdienste des Praesidiums. Die vier Herren des Praesidiums, Rumkowski, Rosenblatt, Neumann und Koppel, erhielten von der Beamtenschaft Geschenke u.z. Nachahmungen der Arbeitslegitimation in Silber.1

Der Praeses hielt weiter Besprechungen in Sachen der Neuorganisation der Verpflegung ab. In den Abendstunden fand eine Beratung von verschiedenen Leitern in der Privatwohnung des Praeses auf Marysin statt. Das Resultat ist offiziell noch nicht bekannt. Doch duerfte eine Aenderung insoferne eintreten, als gewisse Arbeiterkategorien doch zeitweilig Zusatzsuppen erhalten werden.

Der Praeses hat heute auf Marysin 11 Hochzeitspaare getraut.

Amtsleiter Biebow in der Evidenz-Abteilung:

Heute erschien Amtsleiter Biebow im Melde-Buero, wo er sich vom Leiter der Evidenz-Abteilungdn, Rechtsanwalt H. Neftalin, die Einrichtungen des Meldewesens zeigen liess. Allem Anschein nach erwartet man einen spaeteren Besuch einer behoerdlichen Kommission. Amtsleiter Biebow hielt sich etwa 1/2 Stunde im Melde-Buero auf und zeigte kein Interesse fuer andere Zweige der Evidenz-Abteilung.2

Approvisation.

Keine wesentliche Aenderung. Sehr knappe Zufuhren in Kartoffeln und Gemuese.

Fuersorgewesen.

Kranken-Talone:

Zugleich mit der zeitweiligen Auflassung der B-Zuteilungen wurde bekannt, dass der Praeses fuer Kranke eine groessere Anzahl von Talonen bewilligen wird. Es sollen 6700 Talone monatlich ausgegeben werden u.z. 6000 zur Verfuegung der Ressorts bzw. deren Kranken-Komittees und 700 zur Disposition des Praeses. Naeheres ueber die Zusammenstellung ist noch nicht bekannt.

Sanitaetswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Meldungen.

1

Es sind viele Erinnerungsstücke aus dem Getto erhalten geblieben (Medaillen, Broschen, Feuerzeuge, Armbänder u.ä.). Vgl. den Ausstellungskatalog Budziarek 2004, dort v.a. das Verzeichnis der Exponate, S. 10-14. Diese Gegenstände sind heute in aller Welt verstreut und befinden sich zumeist in den Händen von Privatsammlern. Zur Gründung des „Fach- und Kontrollreferats“ (FUKR ) im Vorjahr vgl. den Eintrag „Hoechste Kontrollkammer aufgeloest“ in der Tageschronik vom 2. November 1942.

2

Offenbar wird das Desinteresse Biebows „fuer andere Zweige“ der Evidenzabteilungen angeführt, weil das „Meldebüro“ sich in unmittelbarer Nähe zum „Archiv“ befand und man eine Kontrolle der Chronik-Arbeit befürchtete. Zum Besuch Biebows in den „Evidenzabteilungen“ vgl. auch Poznański 2002, S. 126. Sara Fajtlowicz, eine Künstlerin, die in der „Statistischen Abteilung“ an den dort produzierten Alben mitgewirkt hat, schreibt in ihren Erinnerungen, dass die Deutschen zwar nicht in das Gebäude kamen, dass es aber Alarm gab, sobald sich jemand unvorhergesehen näherte; dann wurde alles, was nicht „offiziell“ war, versteckt (YAV, O 3/3889, Bl. 4f.).