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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht vom Sonntag, den 8. August 1943

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Tageschronik Nr.: 
204

Das Wetter:

Tagesmittel 18-28 Grad, bewoelkt, kuehl.

Sterbefaelle:

14

Geburten:

keine

Festnahmen:

Verschiedenes: 4

Widerstand: 1

Bevoelkerungsstand:

84.198

Feueralarm:

Heute um 17 1/2 Uhr wurde die Feuerwehr nach Kirchplatz 7 alarmiert, wo das Treppenhaus durch Funken Feuer fing. Der Brand wurde schnell geloescht.

Tagesnachrichten.

Das Tagesgespraech ist ein ueberraschender Besuch des Amtsleiters Biebow in Marysin, wo er das Heim I und bei dieser Gelegenheit auch die Wohnung des Direktors Josef Rumkowski aufsuchte. Dieser Besuch hat einen etwas peinlichen Hintergrund. Die beim Haferschnitt beschaeftigten Arbeiter verlangten vom leitenden Beamten der Gettoverwaltung Schwind1 1 Brot Zuteilung. Schwind wandte sich an den Aeltesten, der ihm bedeutete, dass er ausserordentlich knapp sei und daher keine Sonderzuteilung geben koenne. Die Arbeiter murrten und wiesen darauf hin, dass im Heim Personen laengere Zeit als ueblich Gastfreundschaft geniessen, was Schwind dem Leiter der Gettoverwaltung mitteilte. Daraufhin kontrollierte Herr Biebow das Heim. Er beanstandete im Heim an und fuer sich nichts, indess kritisierte er die Tatsache, dass eine Menge von Persoenlichkeiten des Gettos doppelte Wohnungen haben. Veranlassung war der Besuch in der Wohnung des Direktors Josef Rumkowski, dessen Frau augenblicklich an einer schweren Gelbsucht leidet. Dieser Ausflug des Amtsleiters nach Marysin wird sich zweifellos dahin auswirken, dass er auf interne Massnahmen Einfluss nehmen wird, die bisher im eigensten Wirkungskreis des Praeses lagen.2

Approvisation.

Unveraendert schlechte Lage. Die Kartoffelausgabe erfolgt stockend. Schon in den Abendstunden des Vortages fehlte es an verschiedenen Ausgabeplaetzen an Kartoffeln. Am heutigen Tage erfolgte die Ausgabe nur wenige Stunden. Es ist anzunehmen, dass am morgigen Montag ueberhaupt keine Kartoffeln ausgegeben werden, da die Zufuhren ausserordentlich knapp sind. Wie aus der Meldung vom 7. August ersichtlich ist,3 kamen insgesamt 15.630 kg Kartoffeln herein. Mit diesem Quantum ist natuerlich nichts anzufangen.

Waren-Eingang

vom 7. August 1943:

280 kg Hefe, 590 kg Weisskohl, 15.630 kg Kartoffeln, 1.990 kg kons. Rote Beete, 4.560 kg Kohlrabi, 4.210 kg Rettich, 8.230 kg Sauerkraut, 7.910 kg Tomatensaft, 11.000 kg Brotaufstrich, 28.500 kg Roggenmehl, 829 kg Freibankfleisch, 200 kg Pferdefleisch, 1.190 kg Rindfleisch Fr., 45 kg Schweinefleisch Fr., 24 kg Hammelfleisch Fr., 22 kg Kalbfleisch Fr.

Zusaetzliche Bedarfsgueter:

7.650 kg Eiche, 399 kg Eichenbohlen u. Schnitt, 27 Fl. Sauerstoff, 5.950 kg Koksgrus, 3 St. Autobatterien, 77 kg Kratzen4, 205.000 kg Briketts, 6.000 kg Heidebesen, 4.750 kg Holzkohlen, 41.000 kg Steinkohlen, 49.275 kg Chlorkalk, 14.000 kg Sperrholzganzsohlen, 178.550 kg Schnittholz.

Ressortnachrichten.

Schliessung von Ressorts:

Es besteht die Absicht, einige Ressorts, die nicht kriegswichtig sind, zu liquidieren. Zur Zeit spricht man nur von der Auflassung des Teppich-Ressort5 III, doch besteht die Gefahr weiterer Auflassungen.

Erzeugung von „Telefunken“-Roehren:

Die Erzeugung der Radioroehren fuer die Firma „Telefunken“ ist bereits soweit fortgeschritten, dass eine Anzahl von Instruktorinnen aus der Stadt taeglich die Instruktorinnen fuer diese Erzeugung schulen. Die Instruktion steht unter Leitung einer Dame, die ebenfalls taeglich aus Litzmannstadt ins Getto kommt.

Sanitaetswesen.

Die am heutigen Tage gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Meldung.

Die Todesursachen der heutigen Sterbefaelle:

7 Lungentuberkulose, 3 Tuberkulose anderer Organe, 3 Herzkrankheiten, 1 Rippenfellentzuendung.

1

Heinrich Schwind war im September 1939, als Offizier, zusammen mit anderen deutschen Truppen nach Łódź gekommen. Nach seiner Entlassung aus der Wehrmacht nahm er ein Amt bei der deutschen Stadtverwaltung von Litzmannstadt an, später war er Aufseher über die Fuhrwerke und Transporte des Gettos bei der deutschen Gettoverwaltung. Er wurde 1952 vom Berlin er Landgericht zu lebenslanger Haft verurteilt, u.a. wegen „Misshandlung (mit Todesfolge), versuchte[r] und vollendete[r] Tötung von Juden im Ghetto Lodz, beim Abtransport der Lodz er Juden in die Vernichtungslager und bei der Auflösung der Judenkolonie Heidemühle bei Turek“ (Justiz und NS-Verbrechen, Bd 10: Gericht sentscheidungen LG Berlin 521030 BGH 530611). Vgl auch Dobroszycki 1984, S. 367, Anm. 32.

2

Von der in der Tageschronik beschriebenen Begebenheit berichtet auch Jakub Poznański ausführlich in seinem Tagebuch (Poznański 2002, S. 96f.).

3

Vgl. den unten stehenden Eintrag „Waren-Eingang vom 7. August 1943“.

4

Kratzen ist ein Terminus aus der Textil- und Gewebeindustrie, der bei der Faser- und Garngewinnung verwendet wird. Um Rohwolle in parallele Fasern zu ziehen, wird das Rohmaterial in eine Kardengarnitur genannte Maschine eingespannt. Kratzen, als Bauteile der Kardengarnitur, sind Textilbänder, die, mit winzigen Drahthäkchen besetzt, die Fasern kämmen und somit zu einem gleichmäßigen Faserband verarbeiten, das im Anschluss zu Garn gesponnen werden kann.

5

So in HK, LK**, JFK*.