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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tagesbericht von Sonntag, den 9. Januar 1944

Tageschronik Nr.: 
9
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Das Wetter:

Tagesmittel 3-4 Grad Wärme, nachts starker Schneefall.

Sterbefälle:

11,

Geburten:

3 /2 männlich, 1 weibl. Totgeburt /

Festnahmen:

Widerstand 1,

Diebstahl 2.

Bevölkerungsstand:

83,081 1

Tagesnachrichten.

Der Präses hat heute in Marysin sieben Hochzeitspaare getraut.

Zwischenfall am Draht:

Gegen 1/2 7 Uhr abends wurde heute an den Drähten in der Gegend des Schäfteressorts der am 24.6.1911 in Bełchatow geborene Najman Mojsze erschossen. Der Genannte lag etwa 2 1/2 m von den Drähten entfernt mit zwei schweren Schusswunden, denen er nach etwa einer Stunde erlag. Najman wurde vor ungefähr zwei Jahren in ein Arbeitslager nach Deutschland ausgesiedelt und kehrte im Juni 1943 zurück. Da er vor dem Kriege mit Kohlen gehandelt hat, hat ihn der Präses der Kohlen-Abteilung als Arbeiter zugewiesen. Der Mann war jedoch sehr schwach, und selbst die Kolationen, die ihm bewilligt wurden, konnten ihn nicht mehr auf die Beine stellen. Als im Vorjahre die aus den Arbeitslagern zurückgekehrten Personen neuerdings im Zentralgefängnis konzentriert wurden, hielt sich Najman wochenlang versteckt. Freunde sammelten für ihn Brot. Nach Beendigung der Aktion befreite ihn der Präses endgültig aus dem Zentralgefängnis, wohin sich Najman schliesslich wieder gemeldet hatte. Er machte einen vollkommen apathischen, geradezu verkommenen Eindruck und alle Versuche der Kohlen-Abteilung, den Mann wieder arbeitsfähig zu machen, misslangen. Die Kripo begab sich an den Tatort, ebenso der Leiter der jüdischen Kripo-Mannschaft, Ribowski. Najman wohnte die letzte Zeit im Heim für Alleinstehende in Marysin. Was er an den Drähten gesucht hat und wieso es zu dem Schuss des Schupomannes kam, ist nicht aufgeklärt.2

Approvisation.

Am heutigen Tage kamen ausser 5130 kg Rettich weder Lebensmittel noch sonstige Bedarfsgüter herein.

Zucker mit Soda:

Nach der Ausgabe der letzten Ration wurde vielfach die Klage laut, dass der braune Zucker nach Soda schmecke. Eine vorgenommene Analyse ergab, dass der Zucker tatsächlich Soda enthielt und zwar 0.12 bis 0,25%, durchschnittlich also 0.2%. Wieso der Zucker diese Sodabeimengung erhielt, ist nicht festgestellt. Da in einem Sack von 100 kg bloss 20 dkg Soda enthalten waren, wird ein Diebstahl kaum angenommen, da er sich nicht lohnte. Die Säcke selbst hingegen waren ebenfalls sodafrei. Man nimmt daher an, dass gelegentlich des Umschüttens des Zuckers aus den Säcken in etwaige Behälter die Untermischung mit dem Soda erfolgt sei. Merkwürdig ist, dass der Sodageschmack nur beim Rohgenuss des Zuckers fühlbar wird, während der Zucker in aufgelöstem Zustande nicht nach Soda schmeckt.

Auch fand sich der Sodagehalt lediglich im pulverisierten Zucker und nicht in ganzen Stückchen vor, so dass anzunehmen ist, dass die Sodabeimengung während der Fabrikation nicht erfolgt sei.

Die Kartoffeln für die Küchen werden jetzt von den Vorräten genommen, die im Zentrum eingekellert sind.

Ressortnachrichten.

Die Arbeiten an den sogenannten Heraklit-Platten sind über das vorbereitende Stadium noch nicht hinaus. Zunächst versucht man unter Leitung des bekannten Bau- und Betonfachmannes Dr. Reich aus Prag nach dem Rezept, das das Getto erhalten hat, die Bauplatten herzustellen. Es scheint jedoch, als würde das Getto eine Platte von verschiedener Konsistenz herstellen, wobei das Produkt voraussichtlich noch besser werden dürfte. Die Herren der Gettoverwaltung, die diese Arbeiten mit Interesse verfolgen, äusserten sich sehr lobend über die Fortschritte und meinten, dass die Arbeiter im Getto nach wochenlanger Arbeit die Leistungen von mehreren Monaten im Reich überflügelt hätten. Die Belastungs- bezw. Druckproben zeigten ausgezeichnete Resultate. Die Arbeiten könnten schon aufgenommen werden, wenn die erforderlichen Arbeitsbaracken fertigstünden. Dies wird jedoch noch mindestens vier Wochen dauern. Sobald die Erzeugung der Platten laufen wird, dürften auch die Tischlereibetriebe mit der Erzeugung der Fenster und Türen beginnen.

Waschanstalt III, Richterstrasse – 1 Jahr:

Dieser Betrieb feierte intern in einer kleinen Veranstaltung sein einjähriges Bestandjubiläum.

Die Abbruchstellen

arbeiten jetzt auch in Nachtschichten, um nur möglichst rasch die Planierung des Terrains zu erreichen.

Kleiner Gettospiegel.

Alles wird teurer:

Der Monat Januar 1944, des fünften Gettojahres, steht unter einer besonderen Erscheinung, die nicht auf ausserordentliche Umstände zurückzuführen ist wie etwa eine Aussiedlung, besondere Kältegrade oder gar Kriegsbewegungen. Diese Erscheinung heisst: Preissteigerung! Natürlich ist diese Preissteigerung auf den Privathandel beschränkt, denn die der Gettobevölkerung zugeteilte Ration basiert auf einer Berechnung, die ausserhalb jeder Spekulation steht und darum unveränderlich ist. Die Vierzehntage-Ration kostet seit Jahr und Tag durchschnittlich 8 Mark /ohne die jeweiligen Sonderzuteilungen von Gemüse und Molkereiprodukten/.

Der Stabilität dieser Ziffer steht der Wandel der Preise im privaten illegalen – dem sogenannten Schwarzhandel – gegenüber. Der Chronist soll darüber Auskunft geben, wie sich dieser Wandel gestaltet.

Das eine lässt sich auf den ersten Blick feststellen: dass nicht etwa ein Plus an Lebensmitteln und Bedarfsartikeln in die Kanäle dieses Privathandels fliesst, denn das Getto ist kontingentiert und das bedeutet eher ein Weniger denn ein Mehr. Das Getto ist auf ein Minimum gesetzt, Ueberschüsse existieren nicht. Wie also, so lautet die Frage, können Genussmittel auf den Markt kommen und Handelsartikel werden?

In Wirklichkeit, wenn man der Sache auf den Grund geht, wird die Ware nicht verkauft und gekauft, sondern getauscht! Preis und Geldnote sind nur Behelfe zur Erleichterung des Tausches.

In den Läden, welche diesem Prozesse dienen, befindet sich beispielsweise Brot und Zucker. Beides hat der Händler aufgenommen. Der Familienvater verkauft beispielsweise einen Teil des Brotes, der für das Kind bestimmt ist, um für den Erlös Zucker anzukaufen, welcher für das Kind wichtig ist. Ein anderer wieder verkauft seine Wurstration privat, um sich für den Erlös Zigaretten einzukaufen. Ein dritter wieder gibt seine Kohlrüben-Assignate /auf 10 oder 20 kg lautend/ her, weil er Geld für eine dringende Schuhreparatur benötigt und der Schuster wieder kauft für dieses Geld vielleicht gerade jenes Brot, das der Familienvater verkaufen musste, um Zucker einzutauschen. Und so zirkuliert ein gewisser Prozentsatz der im Getto befindlichen Genuss- und Bedarfsmittel, wobei die Preisbewegung ein separater Faktor ist. Der Preis wird auch hier, wie im normalen Geschäftsleben, von Angebot und Nachfrage oder anders gesagt von der vorrätigen Menge der gewünschten Ware im Getto bestimmt.

So sind z.B. Kartoffeln äusserst rar. Vor April ist mit einer neuen Ration nicht zu rechnen. Der Preis stieg von 4 auf 60 Mark pro kg. Da nun in einer Ressortsuppe 15 dkg Kartoffeln enthalten sind, wird deren Kartoffelwert auf 10 M, der Gesamtwert inklusive Kolonialware auf rund 15 Mark geschätzt. Aehnlich ist die Rechnung bei der Kohlrübensuppe, die im Preis allerdings hinter der Kartoffelsuppe zurückbleibt. Sie kostet ungefähr halb so viel, also etwa 5 bis 7 Mk.

Ein Laib Brot kostet 4803 Mark, das Dekagramm also 2,30.

Zucker weiss 4,60, braun 3.80 das Dekagramm, Oel 9.-, Butter 14.- Mk das Dekagramm. Die Grundeinheiten sind: Suppe und Brot oder eines von beiden. Auf dieser Basis ergibt sich das Verhältnis von Brot /oder Suppe/ zu den anderen Nahrungsmitteln wie folgt: Brot 1 zu Zucker 2, Oel 4 zu Butter 6. Oder in Worten ausgedrückt: Für Butter habe ich zu erhalten 6 Einheiten Brot, 3 Einheiten Zucker, 15 Einheiten Oel.4 Das ist die Proportion, auf welcher sich der Preis, der Handel in den einzelnen Lebensmitteln aufbaut.

Daneben gibt es natürlich auch Artikeln5, bei denen die Preisgestaltung von der Seltenheit abhängt. Wenn z.B. in zwei aufeinanderfolgenden Rationen Seife und Zündhölzer nicht aufscheinen, setzt sich der Seltenheitswert durch wie im Briefmarkenhandel. Unter diesem Aspekt ist die fettlose „Rif“-Seife auf 8 Mk., eine Schachtel Streichhölzer auf 10-12 Mark gestiegen.

Knoblauch notiert 7 Mk. ein Deka – eine blosse Notierung, denn diese Ware gehört im Lande der Ostjuden, der vom Antisemitismus verschrieenen Knoblauchfresser, zu den Raritäten.6

Wird Brot teurer, steigen die Preise aller anderen Genussmittel in der vorangegebenen Proportion. Und da dieses7 Brot in der ersten Januarwoche des 5. Getto-Jahres 460 Mk. kostete, haben sich alle anderen Preise diesem Niveau angepasst.

Sanitätswesen.

Keine Meldungen von ansteckenden Krankheiten.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle: 5 Lungentuberkulose, 1 Lungenentzündung,

2 Herzkrankheiten, 1 tuberk. Gehirnhautentzündung, 1 Darmentzündung, 1 tote Frühgeburt.

1

Zählt man die Totgeburt als Sterbefall, beträgt der Bevölkerungsstand 83080.

2

Im Tages- und Tätigkeitsbericht des Gettokommissariats der Kripo heißt es: „Der Jude versuchte widerrechtlich das Getto zu verlassen, indem er die Gettoumzäunung übersteigen wollte“ (APŁ, 203/62, Bl. 84).

3

Wahrscheinlich ist 460 gemeint; so die Angabe weiter unten.

4

So in HK, LK**, JFK**; richtig ist wohl 1,5.

5

So in HK, LK**, JFK**. HK: „n“ von Hand unterstrichen; am Rand von Hand die polnischsprachige Anmerkung ‚gestr.‘. Offenbar von Nachkriegsbearbeitern.

6

Das Klischee vom „Knoblauchfresser“ hat seinen Ursprung wohl schon in der Antike. Knoblauch war bei den Völkern im Osten (z.B. in Ägypten) seit jeher beliebt, ihm wurden besondere Kräfte nachgesagt. Im Lande Israel wuchsen verschiedene Arten von Knoblauch, die Juden selbst nannten sich „Knoblauchesser“. Die Römer dagegen hatten wegen des Geruchs eine Abneigung gegen Knoblauch. Vgl. Encyclopaedia Judaica 2007, Bd. 7, S. 390.

7

HK: „dieses“ von Hand markiert; am unteren Seitenrand die polnischsprachige Anmerkung ‚gestr. in II. Kopie‘. Offenbar von Nachkriegsbearbeitern. LK**: „dieses“ von Hand gestrichen.