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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tageschronik von Dienstag, den 1. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
32

Das Wetter:

5-7 Grad Wärme, trocken

Sterbefälle:

9,

Geburten:

2 /1 männlich, 1 weiblich/

Festnahmen:

Verschiedenes 1,

Diebstahl 1.

Bevölkerungsstand:

79,8531.

Tagesnachrichten.

Baluter-Ring:

Die Vorbereitungen zur Uebersiedlung der Getto-Verwaltung aus Litzmannstadt ins Getto werden insoferne getroffen, als in sämtlichen Baracken am Baluter-Ring Telefonleitungen gelegt werden, soweit solche noch nicht vorhanden sind.

Der Termin für die Räumung der Büro-Baracke des Aeltesten ist noch nicht festgesetzt, doch dürfte es wahrscheinlich noch in der ersten Februarwoche so weit sein.

Approvisation.

Die schwere Hungerkrise dauert an, da in keiner Beziehung an eine Entlastung zu denken ist. Heute kamen 12.750 kg Kartoffeln ins Getto, die natürlich den Küchen zugeführt werden. Diese Kartoffeln sind nicht von bester Qualität, da die einlaufenden Rollwagen durchwegs „geputzt“2 sind. – Die heute eingelaufenen 4000 kg Margarine sichern die nächste Margarine-Ration. Roggenmehl, Rapsöl und Senfwürze wurden kontingentgemäss angeliefert.

Ressortnachrichten.

In der FUKA wird hinsichtlich der Betreuung der verschiedenen Ressorts eine Neueinteilung getroffen. Bekanntlich teilten sich in diese Betreuung die drei Präsidialmitglieder Josef Rumkowski, Luzer Najman und Ing. Kopel. Sie nennen das Patronat.

Bis jetzt hatte Luzer Najman das Patronat über alle Schuh-Industrien inne, während Josef Rumkowski die Schneiderzentrale /alle Schneider-Ressorts/ im Referat hatte. Nunmehr übernimmt Luzer Najman auch die Schneidereien, während Josef Rumkowski verschiedene andere kleinere Ressorts übernehmen wird.

Der Grund für diese Massnahme dürfte darin liegen, dass zwischen Josef Rumkowski und dem Leiter der Schneiderzentrale, Dawid Warczawsky, keine Harmonie herrscht. Man verspricht sich von einer Zusammenarbeit Najman-Warczawsky ein freundschaftlicheres Verhältnis zur FUKA.

Beschäftigungsstand:

Sämtliche Ressorts sind jetzt wieder besser beschäftigt. Die meisten haben Aufträge für die nächsten drei Monate.

Von der Sonder-Abteilung.

Zur Charakterisierung der Lage bringen wir nach längerer Pause wieder einmal eine Aufstellung der im Monate Januar 1944 erfolgten Festnahmen bezw. Vorführungen bei der Untersuchungs-Abteilung der Sonder-Abteilung:

Aufstellung der in der Sonder-Abt. im Monate Januar 1944 erfolgten Festnahmen bezw. Vorführungen.

L.Nr. Datum Personen Delikt Entscheidung
1 1.I. 2 Jugendliche Fälschung von 1 Bursche
      Suppenkarten 3 Tage Arrest
2 3.I. 8 Männer Kohlrübendiebstahl aus Gemüse-Keller Strafweise Fäkalienabfuhr 14-28 Tage vom Z.G. aus
3 4.I. 1 Mann Kartoffeldiebstahl in Küche 4 Wochen Gefängnis
4 5.I. 2 Frauen Kartoffeldiebstahl aus Gemüsekeller 7 Tage Arrest
5 6.I. 1 Frau Kartoffeldiebstahl 3 Tage Arrest
6 12.I. 4 Männer
1 Frau
Kartoffeldiebstahl bei Zufuhr in Küche 2 Männer 14 Tage strafweise Fäkalienabfuhr vom Z.G. aus
7 13.I. 4 Männer Einbruch in Kartoffel- keller Zentral-Gefängnis
8 17.I. 2 Männer Brikettdiebstahl 1 Mann Z.G.
1 Mann 14 Tg. Fäkal.
9 18.I. 6 Männer
/Fuhrleute/
Kohlendiebstahl 2 Mann Z.G.
3 Mann 14 Tg. Fäkal.
1 Mann freigesproch.
10 20.I. 4 Männer Kohlendiebstahl 1 Mann 24. St. Arrest
2 Mann Verweis
1 Mann freigesprochen
11 22.I. 1 Mann Lebensmittelkartenfälschung Antrag an Gericht
12 22.I. 1 Mann Brikettdiebstahl unerledigt
13 24.I. 1 Mann Mehldiebstahl in Bäckerei Entlassung von der Arbeit
14 26.I. 5 Männer Kohlrübendiebstahl unerledigt
15 27.I. 3 Männer Betrug beim Wiegen von Kohlen unerledigt
16 29.I. 1 Mann Bestechungsversuch unerledigt
17 31.I. 1 Mann Kohlrübendiebstahl unerledigt

Kleiner Getto-Spiegel.

Schade um jeden Tropfen!

Zur Darlehenskasse in der Hohensteinerstrasse 17, zwei Treppen hoch, wird der Suppen-Eimer getragen. Die Trägerinnen stossen an den Stufenrand, und etwas Suppe und kleine Kartoffelstückchen bleiben auf der Treppe liegen. Die Träger achten weiter nicht auf dieses kleine Missgeschick und setzen ihren Weg fort. Hinter ihnen schleppt sich ein Mann die Treppe hinauf. Er will sein Darlehen in der Kasse abholen. Kaum tragen ihn die müden Knochen, er geht langsam,3 Stufe für Stufe. Da fällt sein Blick auf die vergessene Suppe. Die Augen gehen ihm über: Suppe auf der Treppe! ...

Der Mann überlegt nicht einen Augenblick. Er zückt den Löffel – das Requisit, das wohl jeder Gettomensch stets bei sich führt –, setzt sich auf eine Stufe und ... löffelt von der schmutzigen Steintreppe die Suppe weg. Die unverhoffte „Zusatz-Suppe“ ist ihm im Augenblick wichtiger als die armseligen paar Gettomark, die er in der Kasse erhalten soll. Er wird nicht satt werden von den paar Tropfen, aber er kann sich nicht halten. Er will auch nicht daran denken, dass die Treppe schmutzig ist und dass er vielleicht erkranken könnte.

Er wird nicht erkranken, er ist schon immun gegen Typhus.

Hätte ein Dichter diese Szene in einem indischen oder chinesischen Hunger-Romane geschrieben, man würde sie nicht glauben, aber das Getto kann mit Indien und China leicht konkurrieren ...

Man hört, man spricht ...

noch immer, dass eine Ration von 2 kg Kartoffeln und 1 Dose Konservenfleisch kommen soll. Wir wiederholen, dass das Konservenfleisch wohl in der nächsten Zeit herauskommen dürfte, die Hoffnung auf Kartoffeln jedoch unbegründet ist.

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten: 3 Flecktyphus, 5 Tuberkulose.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:4

1

Rechnerisch ergibt sich ein Bevölkerungsstand von 79863.

2

geputzt, zu putzen in der Bedeutung ‚nicht zum Verzehr geeignete Teile entfernen‘; österr.

3

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „Schritt“.

4

HK, LK**; JFK*: Keine Angabe.