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Die Chronik

Innerhalb der jüdischen Getto-Verwaltung wurde im November 1940 ein Archiv gebildet, zu dessen Aufgaben die Sammlung von Dokumenten und Materialien für eine künftige Darstellung der Geschichte des Gettos gehörte. In diesem Archiv schrieben vom 12. Januar 1941 bis zum 31. Juli 1944 mehrere Mitarbeiter, vorwiegend Journalisten und Schriftsteller, die Getto-Chronik, zunächst auf Polnisch, später dann auf Deutsch.

Tageschronik von Donnerstag, den 10. Februar 1944

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Tageschronik Nr.: 
41

Das Wetter:

Tagesmittel 3-1 Grad unter 0, Frost.

Sterbefälle:

10

Geburten:

2 /1 männl., 1 weibl./

Festnahmen:

Diebstahl: 1

Verschiedenes: 2

Bevölkerungsstand:

79.763

Selbstmordversuch:

Am 9.2.1944 hat die Olszer Golda Perla, geb. 1899 in Łodz, wohnhaft Sulzfelderstrasse 4, durch Einnehmen eines Schlafmittels einen Selbstmord versuch verübt. Die Genannte wurde durch die Rettungsbereitschaft im bewusstlosen Zustand ins Krankenhaus überführt.

Tagesnachrichten.

1500 Arbeiter zum auswärtigen Einsatz:

Während sich gestern, Mittwoch, ca 80% der Vorgeladenen zur Untersuchung bei der ärztlichen Kommission im Ambulatorium an der Hamburgerstrasse 40 gemeldet hatten, verläuft der heutige Tag schon weniger günstig. Die Vorgeladenen verstecken sich. Es ist scheinbar die Folge der Taktik der Kommission: Sie hat einen grossen Teil der von der Kommission abgefertigten Männer durch eine Nachtstreife sichergestellt und ins Zentralgefängnis, als Sammelpunkt, eingeliefert. Nun sagen sich die Leute, dass es also egal sei, ob sie sich ordnungsgemäss stellen oder nicht, wenn man doch in der Nacht aus den Betten geholt wird. Da natürlich die Gefahr besteht, dass sich der grösste Teil der einzusetzenden Männer verstecken wird, hat der Präses noch am gestrigen Abend die folgende Bekanntmachung anschlagen lassen.1

Bekanntmachung Nr. 407.

Mit Wirkung vom heutigen Tage verbiete ich allen Gettoeinwohnern bis auf Widerruf strengstens, in ihren Wohnungen fremde Personen oder Familienangehörige aufzunehmen und übernachten zu lassen, die in diesen Wohnungen nicht gemeldet sind.

Diejenigen Familien, die sich nicht nach dieser Anordnung richten und Personen bei sich aufnehmen und übernachten lassen, die anderswo gemeldet sind, haben eine strenge Bestrafung zu erwarten.

Litzmannstadt-Getto, d. 9.2.1944

/-/ Ch. Rumkowski

Der Aelteste der Juden in Litzmannstadt.2

Obwohl diese Bekanntmachung noch in den Abendstunden an allen Strassenecken zu lesen war, war bei der Kommission keine besondere Wirkung zu verspüren. In den heutigen Vormittagsstunden meldeten sich verhältnismässig wenig Vorgeladene. Im Zentralgefängnis sind, mit den in der Nacht zustandegebrachten Personen, ca 300 Männer konzentriert. In den O.D. Revieren sind die Geiseln angehalten. Angehörige von Vorgeladenen, die sich nicht zur Kommission gestellt haben, wurden ebenfalls in der Nacht auf die O.D. Reviere gebracht. Ein genauer Stand der Lage am heutigen Tage ist nicht festzustellen. Eine verlässliche Berichterstattung scheitert an der notorischen Verständnislosigkeit des Kommissions-Vorsitzenden Rosenblatt.

Die Stimmung im Getto ist nach wie vor äusserst erregt. An allen Ecken und Enden stehen Gruppen von Menschen, die sich beraten. Am Standort der Kommission versuchen immer wieder Intervenienten3 mit Mitgliedern der Kommission Kontakt zu bekommen. Zeigt sich ein Mitglied der Kommission auf der Strasse, so ist er schon von Bittstellern umringt und hat Mühe davonzukommen.

Die Kommission selbst erteilt grundsätzlich keine Befreiungen. Diesmal liegt das Recht, den Einen oder den Andern vom auswärtigen Arbeitseinsatz zu befreien, ausschliesslich in der Hand des Präses. Aber auch er schliesst sich hermetisch ab und nur selten gelingt es einer ihm nahestehenden Person, bis zu ihm vorzudringen.

Den versteckten Personen droht natürlich die Gefahr der Blockierung seiner Lebensmittelkarten sowie der Suppen.4 Man vermutet, dass im Notfall auch die Blockierung auf die Familienangehörigen erstreckt werden wird. Da ja Ende der Woche, also morgen oder übermorgen, die neue Ration erwartet wird, dürfte sich eine solche Blockierung für die Betroffenen katastrophal auswirken, zumal selten jemand über genug Lebensmittel verfügt, um einige Tage durchhalten zu können. Dennoch wird es sich zeigen, dass sehr viele Personen die schrecklichen Qualen einiger Hungertage der Entsendung aus dem Getto vorziehen werden.

Approvisation.

Keine nennenswerte Einfuhr von Gemüse. Gestern kamen ca 6000 kg Kohlrüben /für die Küchen/, und ca 22.000 kg Mohrrüben für eine bevorstehende kleine Ration sind eingetroffen. Eine Partie von 6.600 kg konserv. Rote Beete in Fässern wird als Vorbote einer grösseren Lieferung angesehen und man hofft auf eine Ration in der nächsten Zeit.

Heute verzeichnen wir die Einfuhr von ca 10.000 kg Kohlrüben, 1500 kg Rettich und ca 9.000 kg Mohrrüben, so dass mit Sicherheit in der nächsten Ration etwas Mohrrüben erwartet werden5. Informierte wollen wissen, dass es sogar etwas Kartoffeln geben wird.

In der heutigen Meldung von6 der Einfuhr zusätzlicher Bedarfsgüter finden wir 10 Kisten Zündhölzer.7 Man darf also hoffen, dass auf jede Familie wieder eine Schachtel hievon entfallen wird.

Auch Seife kam herein, gestern und heute je 35.000 Stück, sodass endlich wieder ein ganzes Stück Seife pro Kopf ausgegeben werden dürfte. Wie schwer das Problem ist, ohne Seife primitiv hygienische Voraussetzungen zu erfüllen, kann man sich ja leicht vorstellen.

Ressortnachrichten.

Viele Ressorts, die aus Gettobeständen Kleidungsstücke herstellen, haben den Auftrag erhalten, warme Kleider für die zur Aussiedlung bestimmten Arbeiter bereitzustellen. Pullover, Handschuhe und Strümpfe werden von den Strickerei-Fabriken hergestellt werden. Die Altschuh-Abteilung wird für Schuhe und Holzschuhe und die Altkleiderkammer für Anzüge und Mäntel zu sorgen haben.

Teppich-Betrieb, Rauchgasse 44:

Dieser Betrieb verlässt in den nächsten Tagen endgültig dieses Objekt und übersiedelt nach dem Klugman -Betrieb, Am Bach 10. Die freigewordenen Räume werden die bereits erwähnte Abteilung, Metall III, aufnehmen.

Maschinen ins Getto:

Ausser den angeblich aus Lublin eingetroffenen Schnallenmaschinen sind noch weitere Metallbearbeitungsmaschinen im Getto eingetroffen.

Die Metall-Abteilung I beginnt jetzt mit der Herstellung von Flugzeugrädern in grosser Zahl. Diese Arbeiten werden von deutschen Spezialisten überwacht.

Schuhmacher-Betrieb:

Im Betrieb Gutreiman ist eine grössere Partie von Militärschuhen aus Italien zur Reparatur eingetroffen.

Justizwesen.

Gerichtssaal:

Die Verhandlung gegen die Unterrecht Rajzla wegen Suppen-Malversationen im Schneider-Fachkurs,Franzstrasse 29, findet Sonntag, den 13.2.1944, statt. Unterrecht Rajzla /eine Nichte Schalom Asch’s8/ wird beschuldigt, dass sie in der Zeit vom Anfang bis 3. November 1943 als Sekretärin der Fachkurse abwesenden Kindern die Mittagskarten ausgefolgt, die Zusatzkarten aber für sich verwendet hat, wobei sie im Evidenzbuch diese Kinder als anwesend führte. Mitangeklagt sind:9 Frajlich Frania und Checinski Chemia, die an diesen Manipulationen beteiligt waren. Den Vorsitz dieses Senats wird Dr. Feygl führen.

Man hört, man spricht ...

... dass in den nächsten Tagen scharfe Massnahmen hinsichtlich des Strassenverkehrs getroffen werden sollen. Dies im Zusammenhang mit einer ständigen Gestapo -Kommission, die ihren Sitz am Baluter-Ring aufschlagen dürfte.

... dass der Stellvertreter des Gestapo-Chefs Dr. Bradfisch, ein Oberregierungsrat, dessen Name noch nicht bekannt ist,10 am Baluter-Ring sitzen und das Getto überwachen wird.

... dass das Getto von der SS übernommen wird und dass Amtsleiter Biebow nur noch eine begrenzte Zeit auf seinem Posten bleiben wird.11

... dass die SS das Getto im Rahmen der sogenannten Ost-Gesellschaft übernehmen wird, wobei der bereits im Getto amtierende SS-Funktionär Dr. Horn eine führende Rolle spielen wird.12

Sanitätswesen.

Die heute gemeldeten ansteckenden Krankheiten:

keine Krankheiten.

Die Todesursache der heutigen Sterbefälle:

4 Lungentuberkulose, 4 Herzkrankheit, 1 Tuberk. Gehirnhautentzündung,13 1 Selbstmord.

1

HK, JFK*: Am Rand des Abschnitts von Hand ein Fragezeichen hinzugefügt.

2

Der Wortlaut der Bekanntmachung Nr. 407 wird vollständig wiedergegeben. Bei der Unterstreichung des Wortes „Wohnungen“ handelt es sich um eine Hinzufügung der Chronisten. Vgl. APŁ, 278/170, Bl. 104: Rumkowski, Bekanntmachung Nr. 407, 9.2.1944.

3

Intervienienten, eigentl. ‚Mittler (in Rechtsstreitigkeiten)‘; zu lat. interveniensintervenīre ‚dazwischen treten‘.

4

So in HK, LK**, JFK*.

5

HK, LK**, JFK*: Ursprünglich „wird“; von Hand korrigiert.

6

HK, LK**, JFK*: Ursprünglich „in“; von Hand korrigiert.

7

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend von Hand gestrichen „und“.

8

Schalom (auch Scholem) Asch (1880-1957) war Autor zahlreicher jiddischsprachiger Novellen, Romane und Dramen. Im polnischen Kutno geboren, lebte Asch seit 1906 in Palästina, in den USA und in England. Bereits im Jahre 1924 erschien in Warschau eine achtzehnbändige Ausgabe seines umfangreichen Werkes. Oskar Rosenfeld war einer der Übersetzer von Aschs Werken ins Deutsche.

9

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „die“.

10

Der neue Stellvertreter des Gestapo-Chefs hieß Joachim Kuke. Vgl. die Anmerkung zum Eintrag „Kommissionen im Getto“ in der Tageschronik vom 29. Februar 1944.

11

Zwar versuchte Himmler immer wieder, das Getto unter die Kontrolle der SS zu stellen, doch unterstand das Getto Litzmannstadt bis zum Schluss der zivilen Verwaltung.

12

Zu der angedeuteten Getto-Übernahme durch die „Ost-Gesellschaft“ kam es nicht (vgl. etwa auch den Eintrag „Getto-Verwaltung bleibt“ in der Tageschronik vom 23. Februar 1943). Allerdings gab es durchaus Bestrebungen der „Ostindustrie GmbH“ (unter ihrem Geschäftsführer SS-Obersturmbannführer Dr. Max Horn), die Gettoverwaltung zu übernehmen. Für Näheres vgl. die Anmerkung zur Rubrik „Tagesnachrichten“ in der Tageschronik vom 14. Dezember 1943.

13

HK, LK**, JFK*: Nachfolgend gestrichen „ 1 Leberkrebs, 1 Rechtsseitige Lähmung“.